Sie sind nicht angemeldet.

Lieber Besucher, herzlich willkommen bei: Outpost 7 Forum. Falls dies Ihr erster Besuch auf dieser Seite ist, lesen Sie sich bitte die Hilfe durch. Dort wird Ihnen die Bedienung dieser Seite näher erläutert. Darüber hinaus sollten Sie sich registrieren, um alle Funktionen dieser Seite nutzen zu können. Benutzen Sie das Registrierungsformular, um sich zu registrieren oder informieren Sie sich ausführlich über den Registrierungsvorgang. Falls Sie sich bereits zu einem früheren Zeitpunkt registriert haben, können Sie sich hier anmelden.

Tanner

RP Charakter Tanner SC

  • »Tanner« ist der Autor dieses Themas

Titel: ***

  • Nachricht senden

1

05.01.2015, 16:55

Star Citizen - Union - Band 1

2912 - Borea, eine alte verlassene UEE-Basis nahe den Randgebieten von Odyssa

Tanner schritt über den staubigen Boden Boreas, während er durch die stummen Zeugen längst vergangener Zeiten trottete und seine Umgebung sondierte. Im Gegensatz zu den meisten anderen Bewohnern von Magnus II liebte er diesen Ort. Genaugenommen war exakt das einer der Gründe, warum er ihn so mochte. Hier war er für sich und konnte tun und lassen was er wollte, ohne sich etwas vorschreiben lassen oder vor Schlägern auf der Hut sein zu müssen. In ihrer Glanzzeit waren diese Basis und die dazugehörigen Gebäude Teil der großen UEE Schiffswerften gewesen, doch das war lange vor seiner Zeit gewesen. Nun waren es nur noch Ruinen, die von Jahr zu Jahr mehr im boreanischen Boden verschwanden.

Der Elfjährige schützte seine Augen mit seiner linken Hand gegen die Sonne, während er sich kurzzeitig von einem Bankoo ablenken ließ, der auf der Suche nach Nahrung hoch über den zerfallenen Überresten der ihn umgebenden Fabrikgebäude kreiste und einen lauten Schrei ausstieß. Beiläufig nahm der Junge einen Schluck Wasser aus seiner ramponierten, ziemlich verbeulten Feldflasche und wischte sich anschließend mit dem Handrücken den Mund ab. Dann widmete er sich wieder seiner Aufgabe und betrachtete aufmerksam den Boden vor ihm. Beiläufig strich er sich mit der rechten Hand durch seine staubigen, braunen Haare, die eine Dusche ebenso nötig hatten wie einen neuen Haarschnitt und rümpfte die Nase, als feiner Staub aus seiner Mähne in sein Gesicht rieselte.

Dann entdeckte er seitlich an einer der verrosteten Wände eine unnatürlich erscheinende Erhebung. Vorsichtig kniete der Junge sich in den warmen Sand um die Fundstelle und begann mit einer für sein Alter untypischen Präzision, die Stelle vor sich mit Hilfe eines alten, abgewetzten Pinsels von Sand und Dreck zu befreien. Schließlich hatte er das in der Sonne matt glänzende Objekt vorsichtig freigelegt und hob es langsam und bedächtig aus der nun freigelegten Vertiefung. Er hielt die Luft an: Es handelte sich um eine alte, scheinbar kaum beschädigte Holodisk! Begeistert drehte der Elfjährige sie in der Hand, so dass sich die Sonne darin spiegelte. Dann wickelte er vorsichtig ein weiches Tuch darum und verstaute sie in einer kleinen Tasche um seine Hüfte. Zufrieden blickte er in Richtung der Sonne, die ihren Zenit bereits deutlich überschritten hatte. Es war an der Zeit. Gutgelaunt erhob er sich und machte sich auf den langen Rückweg in die Außenbezirke von Odyssa. Dabei schweiften seine Gedanken wie so oft in die Vergangenheit.

Als seine Eltern vor gut einem Jahr bei einem Unfall ums Leben gekommen waren, hatte er nicht gewusst, was er tun sollte. Das Leben in den Randgebieten war so schon nicht leicht gewesen für einen Jungen, der zuvor den größten Teil seines kurzen Lebens im Herzen von Odyssa gewohnt hatte und keiner der zahlreichen lokalen Jugendbanden angehörte. Schikanen und Ausgrenzung waren seine ständigen Begleiter gewesen. Kurzzeitig war er in einem Waisenheim untergekommen, doch das hatte ihm wenig genutzt. Auch dort war er ein Außenseiter gewesen. Besser war es erst geworden, als er eines Tages auf einer seiner nicht genehmigten Erkundungstouren Jethro getroffen hatte. Der alte Mann war von durchschnittlicher Statur, hatte langes, schütteres Haar und einen Bart, der ebenso weiß war wie der Rest seiner Behaarung. Tanner war sich ziemlich sicher, noch nie jemanden getroffen zu haben, der so alt aussah.

Als er ihn das erste Mal traf, war der ältere Mann in einen Disput mit zwei anderen Männern verwickelt, die auf Tanner wirkten, als seien sie „offiziell“. Das war ein Ausdruck, den sein Vater früher verwendet hatte, wenn einer der so gekleideten Männer zu ihnen nach Hause gekommen war. Offenbar wollten sie von dem alten Mann, dass er das große, jedoch ziemlich baufällige Gebäude hinter sich verkaufte, damit der Stadtrat stattdessen weitere Wohneinheiten dort bauen konnte. Jethro hatte sich geweigert. Er hatte ihnen gesagt, dass das Museum – der Junge wusste damals noch nichts mit dem Begriff anzufangen – bereits Jahrzehnte an diesem Platz stünde und sein Fundament um das Skelett eines Armagors errichtet worden sei, der schon seit Millionen von Jahren an diesem Ort gelegen habe. Dann hatte er ihnen einen langen und leidenschaftlichen Monolog darüber gehalten, wie wichtig die Vergangenheit für die Zukunft sei und das man aus ihr lernen müsse, um zu überleben. Die beiden Männer waren schließlich mit finsteren Blicken gegangen, doch Tanner hatten die Worte des alten Mannes berührt. Millionen von Jahren…

Der Alte hatte sich schließlich kopfschüttelnd umgedreht und angeschickt, wieder ins Haus zu gehen. Dann hatte er jedoch den kleinen Jungen erblickt, der ihn mit halb geöffnetem Mund und neugierigen Augen anstarrte. Zunächst schien es, als wollte er ihn fortjagen, was aufgrund der vielen umherziehenden, jungen Herumtreiber nur allzu verständlich gewesen wäre – doch dann hatte er gelächelt und ihn aufgefordert näher zu kommen.

Von dort an nutzte Tanner jede Gelegenheit, um der Enge des Waisenhauses zu entkommen und seinen neuen Freund zu besuchen. Oft blieb er bis spät in die Abendstunden und ließ sich von Jethro Geschichten aus längst vergangenen Tagen erzählen. Dazu präsentierte der alte Mann stets einige seiner zahlreichen Funde, die der Weißhaarige im Laufe der Zeit zusammen getragen hatte. Manche waren so alt, dass der Junge es kaum wagte, sie zu berühren. Andere stammten aus der Zeit der ersten Besiedelung des Planeten und wiederum andere aus der Ära, in der die UEE noch auf Borea Schiffe baute. Für Tanner war jedes dieser Artefakte ein kostbares Stück Geschichte. Dass er mit dieser Meinung nicht die Mehrheit der Bevölkerung widerspiegelte, wenn man die geringe Anzahl von Besuchern in Betracht zog, tat seiner Begeisterung wenig Abbruch.

Nach ein paar Wochen begleitete Tanner Jethro dann zum ersten Mal auf eine seiner Exkursionen. Dabei zeigte sich, dass der Junge nicht nur sehr wissbegierig war sondern auch ein angeborenes Talent für diese Art von Arbeit besaß. Nach und nach lehrte ihn der alte Mann die Geheimnisse der Archäologie. Er zeigte ihm, worauf es ankam, an welchen Orten er erhöhte Chancen hatte, einen bedeutsamen Fund zu machen und welche Techniken man benutzte, um die oft zerbrechlichen Artefakte bestmöglich zu konservieren. Ferner brachte er ihm bei, moderne Technik zu nutzen, um der Vergangenheit auf die Spur zu kommen. Fasziniert verbrachte der braunhaarige Junge Stunden in den öffentlich zugänglichen Datenbanken des Planeten - oft bis der Alte ihn väterlich auf die Schultern klopfte und ihn daran erinnerte, dass es an der Zeit war ins Bett zu gehen.

Aus einigen Wochen wurden Monate und Tanner verbrachte nur noch wenig Zeit im Waisenhaus. Die Verantwortlichen hatten es längst aufgegeben, ihn von seinen täglichen Streifzügen abzuhalten und begnügten sich damit, dass er sich hin und wieder mal zum Essen zeigte. Als Jethro schließlich erkrankte und das Bett hüten musste, brach Tanner schließlich das erste Mal allein zu einer Expedition auf. Anfänglich war er wenig erfolgreich und seine Ausbeute kaum der Rede wert doch dann gelang ihm ein Fund, der selbst seinem Mentor Bewunderung abrang und ihn innerlich vor Stolz platzen ließ. Motiviert durch diesen Erfolg zog es den Jungen selbst nach der Genesung des alten Mannes immer wieder allein in die Wildnis und abgelegene Orte, an denen selbst Jethro noch nicht gewesen war. Darüber hinaus zogen sie auch weiterhin gemeinsam los, bis der alte Mann erneut erkrankte. Tanner blieb nun auch die restliche Zeit im Museum und half, wo er konnte. Tagsüber kümmerte er sich um noch nicht archivierte Stücke, des Nachts sprachen der alte Mann und er lange über weitere Exkursionen und die unendlichen Möglichkeiten der Archäologie in den Tiefen des Weltalls. Als es dem alten Mann dann erneut besser ging, betraute er fortan seinen jungen Schüler damit, im Boden nach weiteren Fundstücken zu suchen, während er selbst sich auf die längst überfällige Instandhaltung und den Betrieb des Museums konzentrierte. Dazu hatte auch seine aktuelle Tour über das Gera-Gebirge zu den Talsha-Steingruppen und dem abschließenden Besuch der UEE Basis gehört.

Als Tanner nun über die letzten Ausläufer der Hügelkette vor den Randbezirken kletterte, blieb er mit einem Schlag wie angewurzelt stehen und wurde jäh aus seinen Erinnerungen gerissen.

An dem Ort, an dem sich bis zu seinem Aufbruch noch das Museum befunden hatte, klaffte stattdessen nun ein riesiger Krater, der von zahlreichen, riesigen Baumaschinen, vielen Arbeitern und einer kleinen Menschentraube umgeben war. Sekundenlang blieb er wie gelähmt stehen, doch dann ließ er die Wasserflasche aus seiner Hand fallen und rannte los. Er rannte und rannte, ohne weiter auf seine Seitenstiche oder das Hämmern in seinem Kopf zu achten. Wie in einem Traum nahm er auf den letzten Metern wahr, dass diese ältere Dame von Gegenüber, die ihm hin und wieder wohlwollend ein paar Nahrungskonzentrate für seine Reisen in die Hand gedrückt hatte und einer der seltenen Besucher des Museums war, anderen etwas mit aufgeregtem Gesicht zurief und auf ihn zeigte. Dann sah sie ihn mit einem Blick an, den er nur zu gut kannte und sein Blut gefrieren ließ. Genauso hatten die Leute ihn angesehen, als sie ihm damals die Nachricht von dem Tod seiner Eltern überbracht hatten. Mit Tränen in den Augen beschleunigte er seine Schritte, bis er plötzlich von mehreren festen Armen gestoppt wurde. Zwar versuchte er, sich aus dem Griff zu befreien, doch wollte es ihm einfach nicht gelingen. Seine Lungen brannten und schließlich spürte er einen Stich, worauf die Welt um ihn herum versank. Das letzte, an das er sich erinnerte, war ein zersplitterter Schädel, der halb bedeckt von Erde inmitten von Bauschutt vor dem gähnenden Krater lag. Millionen von Jahren…

Als er später im Waisenhaus erwachte, brach er in Weinkrämpfe aus und musste mehrfach sediert werden. Man sagte ihm, dass der alte Mann einen Herzinfakt erlitten hatte und bei Handwerksarbeiten vor dem Museum zusammen gebrochen war. Der Rettungsflieger war unmittelbar vor Ort gewesen, hatte ihm jedoch nicht mehr helfen können. Einen Tag später waren die Baumaschinen angerückt und hatten das Gebäude dem Erdboden gleich gemacht. Die Stadtverwaltung hatte nach Bekanntwerden des Todes von Jethro offenbar keine Minute gezögert und den Abriss eingeleitet. Nun wurden dort neue Wohnbarracken errichtet und all ihre unschätzbaren Funde waren für immer verloren. Geistesabwesend saß der Junge auf der Pritsche seines Bettes und drehte die schimmernde Holodisk in seiner Hand… das war alles, was ihm geblieben war.

Am nächsten Morgen war er verschwunden. Noch in der Nacht hatte er seine wenigen Habseligkeiten zusammen gerafft und sich auf den Weg zum Raumhafen gemacht. Vor seiner ersten Begegnung mit Jethro hatte er dort viel Zeit verbracht und die Ankunft und den Abflug von den immer wieder mal sporadisch vorbeifliegenden Schiffen verfolgt. Meist handelte es sich um Typen der Explorer-Klasse, mobile Minenplattformen oder Bergungsschiffe, die hier am Rand des Universums auftankten und sich in den folgenden Wochen neu ausrüsteten, bevor sie weiterflogen. Zurzeit befand sich ein Bergungsschiff auf einem der Landepads, dass sich offenbar in den letzten Vorbereitungen zum Start befand. Tanner konnte die Worte „Rockhopper“ in großen weißen Buchstaben an der Seite des Schiffrumpfs lesen, der sich deutlich über die Außenwände des Raumhafens erhob. Wehmütig dachte er zurück an die langen Gespräche mit Jethro, in denen der alte Mann über die schier unbegrenzte Zahl von Artefakten und Funden in den Tiefen des Raums philosophiert hatte. Dann schluckte er, schulterte seine Tasche und machte sich auf den Weg. Hier gab es nichts mehr, was ihn noch halten konnte. Er musste einfach weg – und das, er starrte auf das große Schiff vor ihm, würde seine Fahrkarte werden. Dann sah er in den Himmel, wo sich die Sterne deutlich abzeichneten und murmelte „Unbegrenzte Artefakte und Funde…“


2940 – Garron-System, nahe des Sprungpunktes zum Tiber-System

In der Kommandozentrale der „Rockhopper“ herrschte mit Ausnahme des leisen, rhythmischen Summens des Antriebs absolute Stille, während die gewaltige Reclaimer langsam durch das All trieb. Niemand sagte etwas, doch Tanner konnte die Nervosität und die Anspannung seiner Brückencrew deutlich spüren. Ihm selbst ging es nicht anders.

Vor wenigen Sekunden war das letzte Schiff einer großen UEE Flotte in das benachbarte Tiber-System gesprungen. Es war nicht der erste Versuch der Navy, auf Tiber Fuß zu fassen und seiner Meinung nach würde es auch nicht der Letzte sein. Die Vanduul bewachten dieses Gebiet wie ihren Augapfel und hatten bisher jeden Versuch einer Invasion erbarmungslos zurückgeschlagen. Im Verlauf zahlloser Schlachten hatte die UEE ganze Kampfgruppen verloren und Tausende Schiffswracks aus ebenso vielen Schlachten säumten seitdem das All.

Diesmal jedoch sollte alles anders werden. Die Navy hatte das Beste aufgeboten, was ihr zur Verfügung stand. Drei komplette Trägergruppen hatten mit ihren Begleitschiffen den Sprungpunkt passiert, darunter auch die berühmte SQ42. Trotzdem hatte Mirabel seine Zweifel, ob selbst dieses beeindruckende Kontingent ausreichte, um die Vanduul zu besiegen und das System dauerhaft zu halten. Historisch betrachtet standen ihre Chancen eher schlecht.

Geistesabwesend strich er sich mit der Hand über das stoppelige Kinn, während er alle Einzelheiten seines Plans noch einmal mental durchdachte.

Nach einigen Minuten war es schließlich Flores, die ihren Sitz an der Navigationskonsole zu ihm drehte und die unnatürliche Stille brach. Die junge, athletisch gebaute Frau mit den lockigen, kurzen roten Haaren befeuchtete sich kurz die Lippen, bevor sie nervös ihren Blick abwendete und ihn dann wieder fixierte.

„Sicher, dass wir das durchziehen wollen? Noch können wir umkehren...“

Auch die anderen Mitglieder seiner vierköpfigen Besatzung drehten sich nun in ihren Sitzen um und warfen einander bedeutungsvolle Blicke zu.

Tanner starrte geistesabwesend hinaus ins All, bevor er seinen Blick auf eine simulierte Darstellung des Tiber-Systems innerhalb des Holotanks richtete. Dann traf er seine Entscheidung.

„Nein, wir haben nur diese eine Gelegenheit. Solange die Vanduul mit der UEE beschäftigt sind, haben wir eine reale Chance, im Schutz der Trümmerfelder unentdeckt bis nach Tiber II zu gelangen. Eine innere Stimme sagt mir, dass das der größte Fund sein könnte, den wir je gemacht haben – vielleicht sogar einer der bedeutendsten Funde in der Geschichte der Menschheit.“

Der braunhaarige Captain der „Rockhopper“ machte eine bedeutungsvolle Pause, um diese Worte einsinken zu lassen. Dann nahm er sich die Zeit, jeden einzelnen der Anwesenden nacheinander kurz zu fixieren, bevor er fortfuhr.

„Ein ganzes Bataillon Marines ist damals in der Landezone Outpost 7 auf Tiber II gelandet und hat dort etwas gefunden, was sie nicht erwartet haben. Etwas, dass ihnen wichtig genug war, um es unter erheblichen Verlusten zu bergen. Selbst als ihre Niederlage absehbar war und ihnen klar gewesen sein musste, dass die Vanduul sie bis auf den letzten Mann abschlachten würden, haben sie ihren Fund für wichtig genug gehalten, um ihn der Flotte im Orbit zu melden.“
Er machte eine erneute Pause, faltete die Hände vor seinem Körper und schürzte die Lippen.

„Leider war die Verbindung aufgrund starker Interferenzen gestört, so dass nur Teile der Nachricht empfangen werden konnten. Später gab es dann keine Gelegenheit mehr, die Körper der Gefallenen oder ihre Entdeckung zu bergen. Die Flotte wurde fast vollständig zerstört und das Vermächtnis der Marines geriet in Vergessenheit. Was immer es jedoch war, es war bedeutend… und besitzt damit ohne Frage einen erheblichen Wert. Darüber hinaus… nennt mich naiv….“

„…sind wir es diesen Frauen und Männern, die letzten Endes für uns dort gekämpft haben, einfach schuldig. Ihr Opfer sollte nicht umsonst gewesen sein.“

Keiner der Anwesenden sagte etwas, doch benötigte es keinen Telepathen um ihrem Captain zu sagen dass der potentielle materielle Gewinn für seine Besatzung wesentlich schwerer wog als die moralische Hinterlassenschaft einiger Hundert Marines, die bereits vor Jahren auf einem abgelegenen Stück Dreck ihr Leben gelassen hatten.

Mirabel seufzte innerlich. Seine Crew bestand aus erstklassigen Spezialisten, hartgesottenen Bergungsexperten und Schatzsuchern. Doch gleich wie viele Aufträge sie auch erledigten und wie eng sich ihre fast schon familiäre Bande in den letzten Jahren entwickelt hatte – ein Gefühl für die historische Bedeutung ihrer Funde hatte er ihnen trotz unzähliger Versuche nie vermitteln können. Wenigstens war selbst Skeeter taktvoll genug, in diesem Moment auf eine entsprechende Anmerkung zu verzichten.

Stattdessen war es Ron Fields, der das Wort ergriff und den kurzen Moment der Stille unterbrach. Der 40jährige, muskulöse Bergungsexperte und Lebensgefährte von Elisabeth Flores warf den anderen einen aufmunternden Blick zu und klatschte dann betont lässig in die Hände.

„Dann wollen wir mal loslegen. Rein und Raus, alles reine Routine.

Bei diesen Worten erhob sich leises Gelächter und Flores boxte ihm mit rotem Kopf seitlich in die Rippen, bevor sie sich abrupt wieder ihrer Konsole zuwendete. Gleichzeitig folgten auch die anderen ihrem Beispiel und nahmen wieder ihre ursprünglichen Tätigkeiten auf. Lediglich Ron selbst warf seinem Captain noch einen letzten Blick zu, der so etwas wie „Hoffen wir es“ zu bedeuten schien, doch hatte der kleine Scherz zumindest einen Teil der allgemeinen Anspannung für den Moment gelöst. Dann wandte auch der muskulöse Ire sich ab und die ersten Statusberichte erfüllten die Brücke.

Der Rest der bisherigen Nervosität wich nun einer professionellen Entschlossenheit und alle Crewmitglieder meldeten die Einsatzbereitschaft ihrer Systeme. Gleichzeitig richtete die Reclaimer ihren Bug in Richtung des unsichtbaren Sprungpunktes vor ihnen aus und begann mit dem Bremsmanöver, während der Navigationscomputer die nötigen Daten berechnete und automatisch einen Countdown einleitete.

Tanner blickte unwillkürlich nach oben, als die körperlose Stimme des Schiffes monoton die noch verbleibende Zeit bekannt gab. Wie immer in solchen Momenten griff er beiläufig in die Brusttasche seiner Jacke und fischte eine silberne, fahl glänzende Münze hervor, die für ihn so etwas wie einen Glücksbringer darstellte. Während er sie in seinen Fingern drehte, musste er unvermittelt an seinen Vorgänger denken. Captain Grayson Lindt - der Mann, dem er nicht nur dieses Schiff verdankte sondern der ihn auch zu dem gemacht hatte, was er heute war. Dabei hatte ihr erstes Treffen alles andere als unter einem guten Stern gestanden, wie man so schön sagte.

Nachdem es dem damals nicht einmal Zwölfjährigen Tanner mit kaum mehr als seiner alten, verschlissenen Kleidung und einer lädierten Holodisk am Körper gelungen war, sich an den nicht gerade effizienten Sicherheitskontrollen des Flughafens vorbei auf die „Rockhopper“ zu stehlen, hatte er sich eingebildet, dort bis zu ihrem nächsten Bestimmungsort unerkannt durch die Schiffskorridore wandern zu können. Noch heute konnte er sich an dieses Gefühl der Ehrfurcht erinnern, als er zum ersten Mal den Fuß auf dieses gewaltige Raumschiff gesetzt hatte.

Seine ambitionierten Pläne endeten jedoch abrupt, als sich plötzlich hinter ihm eine Schleuse öffnete und zwei Männer ihn mit finsterer Miene anstarrten, kurz bevor sich auch das Schott vor ihm öffnete und einen weiteren Mann preisgab. Er saß in der Falle. Bei dem Mann, der als letzter eingetroffen war, handelte es sich offenbar um den Captain des Schiffs denn ehe er sich versah, hatte er den Jungen am Schlafittchen gepackt und schrie ihn an, was er auf seinem Schiff zu suchen habe. Ob es einfach die Enttäuschung oder die Ausweglosigkeit seiner Situation damals gewesen war, wusste er im Nachhinein nicht mehr zu sagen, aber schließlich hatte er unter Tränen seine Geschichte erzählt. Stille hatte sich eingestellt, und auf den Gesichtern der eben noch so harten Männer hatte sich Betroffenheit gezeigt. Leider hatte dies nicht für den Captain gegolten, der ihn auch weiterhin mit rotem Gesicht anschrie und damit drohte, ihn aus der nächsten Luftschleuse zu werfen. Mirabel konnte sich noch gut daran erinnern, wie er sich damals in diesem Moment ausgemalt hatte, in der Kälte des Alls zu sterben. Letzten Endes hatte man ihm dann jedoch eine Koje zugewiesen, in er völlig erschöpft und unmittelbar eingeschlafen war.

Als er schließlich wieder aufwachte hatte man ihn in das Quartier des Captains geführt, wo er wie ein kleines Häufchen Elend auf einem Stuhl vor einem massiven Schreibtisch Platz genommen hatte. Captain Lindt war ein kleinerer, leicht untersetzter Mann um die Fünfzig, dessen graue kurze Haare irgendwie zu seinen bläulichen Augen passten. Zwar schrie er den Jungen vor ihm nicht mehr an, doch wirkte er nach wie vor ungehalten und wütend. Der Captain hatte ihm dann mitgeteilt, dass er wegen eines einzelnen Ausreißers nicht nach Borea zurückkehren würde, auf seinem Schiff jedoch auch keine Parasiten dulde. Zwar wusste Tanner nicht, was genau ein Parasit war, aber dass man ihn weder ins All werfen noch zurückbringen würde hatte er verstanden. Offenbar war diese Erkenntnis deutlich in seinem Gesicht zu lesen gewesen denn abermals wurde er von dem älteren Mann unvermittelt angeschrien und aufgefordert, er solle sich sofort dieses dämliche Grinsen aus dem Gesicht wischen. Anschließend hatte er ihm erklärt, dass er sich wie jeder andere auch seine Passage verdienen müsse und ihm einige Arbeiten zugewiesen.

Anfänglich hatte er einige Probleme mit diesen Aufgaben gehabt, die nicht alle für ein Kind seines Alters geeignet gewesen waren - doch schließlich hatte er Gefallen daran gefunden. Er machte sich sogar so gut, dass der größte Teil der Besatzung in ihm bald eine gern gesehene Abwechslung ihrer Routine sah. Das ermöglichte ihm auch das Privileg, die Datenbanken der „Rockhopper“ nach seinen Schichten für seine persönlichen Nachforschungen nutzen zu dürfen. Dabei erinnerte er sich stets an das, was Jethro seinerzeit gesagt hatte: „Um erfolgreich die Zukunft zu meistern, sollte man aus der Vergangenheit lernen.“

Lediglich Captain Lindt zeigte sich auch weiterhin abweisend. Als der Elfjährige jedoch ein anhaltendes Interesse an der Arbeit der restlichen Crew zeigte und damit begann, sich auch außerhalb seines Tätigkeitsumfeldes nützlich zu machen, veränderte sich seine Haltung nach und nach. Beantwortete er die schier endlosen Fragen des Jungen anfänglich noch mürrisch, gab er im Verlauf der Monate immer bereitwilliger Auskunft. Das Eis schien endgültig gebrochen, als er Tanner eines Tages aus heiterem Himmel aufforderte, auf dem Sessel des Captains Platz zu nehmen – natürlich nur, um ihn daran zu hindern, seine Crew mit seinen Fragen weiter von der Arbeit abzuhalten. In diesem Sessel Platz zu nehmen, war für den Jungen ein erhabener Moment gewesen und er hatte seine Hände voller Ehrfurcht über eine der Lehnen gleiten lassen. Dann hatte Lindt ihm erklärt, was für Aufgaben ein Captain hatte und womit sie ihren Lebensunterhalt verdienten. Je mehr er hörte, desto mehr wollte er wissen.

Als die „Rockhopper“ schließlich nach einigen Jobs das Hades System erreichte, um dort dringend benötigten Nachschub zu laden und ihre Ladung zu löschen, machte Lindt dem mittlerweile Zwölfjährigen ein Angebot: statt wie ursprünglich geplant von Bord zu gehen bot er ihm an, als Besatzungsmitglied auf dem Schiff zu bleiben. Er würde ihm anfänglich nur wenig zahlen können, da er über nur wenige Kenntnisse verfügte und noch sehr jung war. Doch versprach er ihm, dass sich sein Einsatz lohnen würde. Dann drückte er ihm zur Bekräftigung ihrer mündlichen Abmachung eine silberne, zerkratzte Münze in die Hand und strich ihm durch die Haare, bevor er über die Laderampe wieder im Schiff verschwand. Seitdem hatte der Junge die Münze bewahrt wie einen Schatz. Als die „Rockhopper“ schließlich wieder aufbrach, hatte sie ein weiteres festes Besatzungsmitglied.

Die Zeit verging und in den nächsten Jahren setzte Tanner alles daran, die in ihn gesetzten Erwartungen nicht zu enttäuschen. Die hin und wieder wechselnden Crewmitglieder waren in der Regel nur allzu gerne bereit, ihre jahrelangen Erfahrungen zu teilen und im Laufe der Zeit lernte er alles, was es über den Beruf des Bergungsspezialisten zu wissen gab. Er nahm an den Einsatzbesprechungen teil, verfolgte die Planungen, machte sich mit den Schiffssystemen vertraut und nahm an Außeneinsätzen in einem für seine Größe modifizierten EVA oder dem kleinen Cutter teil. Besonders willkommen waren für ihn auch die gelegentlichen Landgänge, bei denen Captain Lindt und einige seiner Männer auf der Suche nach den neuesten Gerüchten die lokalen Bars und Spelunken aufsuchten. Wie sich herausstellte, war Tanner in diesen Momenten besonders wertvoll, da er als Junge und später auch als Jugendlicher für die hartgesottenen Besucher in der Regel keine Bedrohung darstellte und für diese quasi völlig unsichtbar war. Später verfügte er dann bereits über ausreichend Techniken, um so manchem verschlossenen Raumfahrer seine Geheimnisse zu entlocken.

Als er nach einem dieser Besuche aufs Schiff zurückkehrte, dachte Tanner lange über ihre Erkenntnisse nach. Zwar hatten sie mehrere Gerüchte über zwei größere Schiffswracks in der Nähe eines Nebels aufschnappen können, doch waren die Informationen zu vage, als das man daraus etwas Genaueres hätte ableiten können. Das All war groß und das Finden eines Schiffes ohne exakte Koordinaten eine mathematische Unmöglichkeit, selbst wenn man einen ungefähren Bezugspunkt hatte. Der Captain hatte sich schließlich dazu entschlossen, den Sektor zu verlassen anstatt wochenlangen Gespenstern nachzujagen. Selbst eine fette Beute wie zwei größere Transporter waren nur dann lukrativ, wenn man sie auch finden konnte.

Nach dem Ende seiner Schicht zog sich Tanner wie der Rest der Crew enttäuscht in seine Koje zurück, wo er seinem abendlichen Ritual nachging und sich vor dem Schlafen noch in das Systemweite Datennetz einklinkte. Aufgrund der geringen Zeit, die ihm nach seinen Pflichten noch blieb hatte er im Laufe der Jahre einige Tools entwickelt, die für ihn die lokalen Netze durchsuchten und ihn bei seinen Recherchen unterstützten. Als er diesmal die Ergebnisse seiner Trawler inspizierte, hielt er plötzlich inne. Er dachte wieder an die Transporter. Irgendwer musste irgendwo etwas über sie berichtet haben, selbst wenn es sich um anonyme Informationen ohne Bezüge zu Namen oder ähnlichen Details handelte. Ihm kam die Idee, seine auf Borea gelernten Talente auch in diesem Fall anzuwenden. Da seine nächste Schicht erst in einigen Stunden beginnen würde, blieb ihm reichlich Zeit und schließlich wurden seine Bemühungen belohnt.

Eine S&R-Einheit hatte vor knapp zwei Monaten mehrere Kapseln mit Überlebenden eines Unfalls im All aufgegabelt. Offenbar handelte es sich die Besatzungen zweier Schiffe, die aufgrund eines Navigationsfehlers nahe des Nebels in diesem Sektor miteinander kollidiert waren. Anhand einiger Namen der Geretteten konnte er weitere Quellen lokalisieren, die ihm neben den Namen der beteiligten Schiffe auch die Flugpläne und Teile der Frachtlisten lieferten. Als er die so gewonnenen Daten dann mit den Informationen aus der Bar abglich, ergab sich daraus ein ziemlich genaues Bild, wo sich der Vorfall ereignet haben musste. Er warf einen ausführlicheren Blick in die Frachtlisten.

Bei den meisten Dingen handelte es sich um Standard-Waren, doch dann blieb er an einem ungewöhnlichen Eintrag hängen. Offenbar hatte eins der Schiffe einen besonderen Gegenstand geladen, dessen nähere Spezifikationen er erst dann in Erfahrung bringen konnte, als er einige nicht ganz legale Methoden der Informationssuche initiierte: Es handelte sich um die Holo-Büste eines unbekannten Künstlers aus der ersten Mars-Epoche, deren Spur sich vor gut zwei Jahrhunderten im Zuge eines Raubüberfalls auf eine Ausstellung verloren hatte. Seitdem galt das Kunstwerk als verschollen, doch offenbar hatte jemand einen Weg gefunden die Büste in seinen Besitz zu bringen. Weitere Erkundigungen lieferten ihm letzten Endes auch den Namen: Calvin Groß, ein angesehener Kunstsammler und -experte aus dem Sol-System.

Tanners Gedanken begannen zu rasen, als er Details zu dem Artefakt zusammen trug. Es handelte sich um ein einmaliges Stück. Das hätte Jethro gefallen. Vermutlich hätte es einen würdigen Platz in seinem Museum erhalten. Er zögerte kurz. Dann speicherte er die Daten ab und machte sich auf den Weg zur Brücke.

Lindt zu überzeugen war nicht leicht gewesen. Er war ein Gewohnheitsmensch und misstraute neuen Techniken. Letzten Endes hatte die Aussicht auf zwei große Frachter voller Ladung und eine seltene Rarität von zweifellos erheblichem Wert ihn jedoch überzeugen können. Das Schiff brauchte dringend Reparaturen und eine geringe Chance auf Bergung war bekanntlich besser als gar keine. Als sie die in einander verkeilten Wracks schließlich tatsächlich nahe den vermuteten Koordinaten orteten, stieß der Captain einen anerkennenden Pfiff aus. Es handelte sich um einen Frachter der Hull-C-Klasse, der sich mit voller Kraft in den seitlichen Rumpf einer Banu Merchantman gebohrt hatte. Beide Schiffe hatten enorme Schäden davongetragen und die Dekompression hatte Teile der Ladung in die Tiefen des Alls gerissen. Nach einem ersten ausführlichen Scan zeigte sich jedoch, dass sich das meiste davon immer noch im Innern befand. Drei volle Tage dauerte es schließlich, bis die Reclaimer die Bergungsarbeiten mit vollem Frachtraum beendete und Kurs auf den nächsten Handelsplaneten nahm. Auf dem Weg dorthin herrschte ausgelassene Stimmung. Die Ladung allein reichte bereits aus, um neben einer längst überfälligen Wartung des ganzen Schiffs noch einen ordentlichen Profit zu machen und das schloss die von ihnen ebenfalls geborgene Holo-Büste noch nicht ein.

Grayson Lindt ließ sich ächzend in seinen Sessel fallen warf einen Blick auf Tanner, der das Kunstwerk in seinen Händen drehte und aufmerksam zu studieren schien. Dann hob er seinen Zeigefinger und richtete ihn auf den Borealianer.

„Ich hatte meine Zweifel mein Sohn, aber nun sieh uns an… so einen erfolgreichen Fischzug hatten wir seit Jahren nicht mehr.“

Er nahm einen tiefen Schluck aus einer Flasche und setzte sie dann krachend auf seiner Lehne ab. Dann musterte er seinen ehemaligen Schiffsjungen eingehend.

„Das war gute Arbeit heute. Ich hätte nichts dagegen, wenn sich das beizeiten wiederholen ließe. Fürs erste jedoch ist es wohl an der Zeit, dir etwas mehr Verantwortung zu übertragen, meinst du nicht auch? Wie wäre es, wenn du dich diesmal nach unserer Ladung um den Verkauf des Bergeguts kümmerst? Du bist oft genug dabei gewesen, um dir ein Bild gemacht zu haben. Außerdem wollen sich Rayment und Eve sesshaft machen. Kannst Du dir die beiden ernsthaft als Farmer vorstellen, mit lauter kleinen Bälgern? Wie auch immer… ich werde einen neuen zweiten Offizier brauchen.“

Tanner lächelte seinem Captain dankbar zu, während dieser sich erhob, ihm auf die Schulter klopfte und dann lachend zu den anderen Besatzungsmitgliedern ging. Dann legte sich ein Schatten über Mirabels Stimmung und sein Lächeln erstarb. Das würde ihm seinen Plan einfacher machen, doch innerlich bedauerte er sehr, dass er das Vertrauen des alten Mannes schon in Kürze missbrauchen würde.

Eine Woche später befand sich die „Rockhopper“ zur Generalüberholung im Dock. In den Korridoren herrschte rege Aktivität als Frauen und Männer in den orangefarbenen Schutzanzügen der planetaren Instandsetzungsabteilung des Raumhafens sämtliche Systeme warteten. Tanner machte einen großen Schritt, als er sich über eine Antigrav-Bahre bewegte und hielt dann zielstrebig auf das Außenschott zu. Als er an der Rampe ankam, blickte er noch einmal zurück ins Schiffsinnere und seufzte. Dann schulterte er vorsichtig die schwere Tasche, die er bisher in einer seiner Hände gehalten hatte und machte sich auf den Weg in die Stadt.

Dort angekommen begab er sich in das angesehene Chyrlack-Hotel, das er zuvor für sein Vorhaben ausgesucht hatte. Wie er feststellte, war sein Kontakt bereits eingetroffen und saß nun an einem kleinen Tisch in einem geschmackvoll eingerichteten Salon. Der Mann war etwa um die fünfzig, trug einen weißen Anzug und hatte sein gräuliches, dichtes Haar nach hinten gekämmt. Auf dem Tisch lag ein altertümlicher Hut, wie er heutzutage nur noch selten getragen wurde und in seinem Schoß befand sich ein silberner Koffer. Die blauen Augen des Hotelgastes musterten aufmerksam den fast leeren Eingangsbereich des Hotels, bis sich ihre Blicke trafen. Der zweite Offizier der „Rockhopper“ ließ seinen Blick ein weiteres Mal durch die Lobby wandern, dann näherte er sich dem Tisch.

„Mr. Brody nehme ich an?“

Der Mann nickte, erhob sich ein wenig übereilt und bot dem Boreaner zögerlich seine ausgetreckte Hand, die Tanner kurz und fest ergriff.

„Das ist richtig. Es freut mich überaus, Sie nunmehr persönlich kennen zu lernen, Mr. Mirabel. Setzen Sie sich doch.“

Als Sie beide Platz genommen hatten, fixierte der ältere Mann die Tasche, die der zweite Offizier der „Rockhopper“ vorsichtig auf den Tisch gestellt hatte. Dann blickte er seinem Gegenüber wieder ins Gesicht und lächelte entschuldigend.
„Sie müssen verzeihen… ich muss gestehen, dass ich von ihrem Angebot sehr überrascht gewesen bin. Es kommt nicht oft vor, dass uns ein solch wertvolles Artefakt… zugänglich gemacht wird.“

Tanner sah dem Mann, der sich als Brody vorgestellt hatte, in die Augen. Dann lächelte er andeutungsweise und schob ihm die Tasche langsam zu.

Brody schien zunächst verblüfft, nickte dann jedoch und sah vorsichtig in die Tasche, ohne diese mehr als nötig zu öffnen. Dann zog er einen kleinen Scanner aus seiner Tasche und inspizierte den Inhalt sorgfältig. Als er schließlich zufrieden war, lächelte er freundlich und ließ das Gerät wieder in seiner Tasche verschwinden. Dann ließ er seine Hände auf den Koffer gleiten, der immer noch in seinem Schoß lag und klopfte beiläufig darauf.

„Ich muss Sie erneut um Verzeihung bitten. Wie ich bereits sagte… wir waren uns nicht sicher, ob es sich um ein seriöses Angebot handelt.“

Er lächelte und verharrte, worauf zwei Gestalten den Speisesaal aus einer nicht einsehbaren Ecke betraten und sich auf sie zubewegten. Der Mann und die Frau trugen lange Mäntel und waren offensichtlich bewaffnet. Zwar machten sie vorerst keine aggressiven Bewegungen, doch waren sie zweifellos auf der Hut. Als sie den Tisch erreichten, nickte Brody ihnen beiläufigt zu, worauf die Frau seinen Koffer entgegen nahm, mit einem speziellen Gerät öffnete und eine nun gesicherte Sprengfalle von mehreren Stapeln mit Credits entfernte. Dann schloss sie den Koffer wieder und stellte ihn vor Tanner auf den Tisch, bevor sie sich mit ihrem Partner wieder zurückzog.

Brody lächelte verschmilzt und hob entschuldigend die Schultern, bevor er sich erhob und seinen Hut aufsetzte.

„Heutzutage kann man nicht vorsichtig genug sein, Mr. Mirabel. Es hat mich gefreut, mit ihnen Geschäfte zu machen. Sollten Sie wieder einmal zufällig über eine solche Kostbarkeit stolpern… lassen Sie es mich wissen.“

Er nickte dem zweiten Offizier der „Rockhopper“ ein letztes Mal zu, bevor er den Speisesaal mit der Tasche im Arm verließ und in der Lobby von seinem Begleitpersonal in Empfang genommen wurde. Tanner ließ seine Hand über das Metall des Koffers gleiten… dann erhob er sich ebenfalls, zog einen Sack aus einer Innentasche seiner Jacke und stülpte ihn über den Koffer. Er sah sich um, doch niemand schien von ihm Notiz genommen zu haben. Er verließ das Hotel und sah sich um. Dann ging er eiligen Schrittes in Richtung des Raumhafens. Als er die „Rockhopper“ schließlich erreichte, blicke er sich um. Er sah jede Menge Techniker, konnte von der Crew jedoch Niemanden entdecken. Dann schritt er eilig die Rampe hinauf und begab sich auf direktem Weg in die Frachtsektion. Dort öffnete er einen gesicherten Bereich und legte den Koffer in das Fach, bevor er die schwere Tür schloss und mit einem Code sicherte. Er fuhr sich nervös mit der Hand über das Kinn und sah sich um. Niemand schien von ihm Notiz genommen zu haben. Dann verließ er den Frachtbereich und begab sich in sein Quartier.

Weitere zwei Wochen später befand sich das Bergungschiff in den letzten Zügen der Überholung und der zweite Offizier händigte seinem Captain den Abschlussbericht der letzten Verkäufe aus. Lindt zeigte sich höchst zufrieden, bis er an die letzte Position des Berichtes kam. Ungläubig blickte er auf, doch dem Gesichtsausdruck Mirabels konnte er zweifelsfrei entnehmen, dass es sich weder um einen Fehler noch um ein Versehen handelte. Er blickte erneut auf die Liste, scheinbar um sich zu versichern, dass er ganz sicher nicht träumte. Währenddessen wandelte sich seine Gesichtsfarbe von einem gesunden Rosa erst zu Aschfahl und dann zu einem nahezu purpurnen Rot. Er öffnete mehrfach erfolglos den Mund, sah dann auf und blickte dem vor ihm sitzenden Mann direkt in die Augen. Grayson Lindt konnte man vieles nachsagen – mangelndes emotionales Verhalten gehörte jedoch nicht dazu. Dementsprechend war sein Ausbruch, als er seine Fassung zurückgewann.

„Was hast du getan!?!“, herrschte er Tanner mit einer Lautstärke an, die die Kabine zu erschüttern schien. „Dieses Stück war mehr als das Zehnfache wert!“

Tanner blieb ruhig und bedächtig auf seinem Sessel sitzen, bis der Wutanfall des Captains nach einer gefühlten Ewigkeit und einem blumigen Repertoire an Schimpfwörtern schließlich etwas abebbte. Er hatte gelernt, dass es das Beste war, zunächst einmal abzuwarten, bis sich die Emotionen des älteren Mannes etwas gelegt hatten. Er senkte die Augen, bevor er seinem Vorgesetzten wieder ansah und mit seiner Erklärung begann. Dabei setzte er auf einen möglichst formellen Tonfall. Lindt sollte nicht den Eindruck gewinnen, er wäre der Ansicht, er könne sich sein Verhalten aufgrund ihrer gemeinsamen Vergangenheit leisten.

„Das marsianische Staatsmuseum war der logische Schritt, Captain. Ich weiß, der Preis, den Museen zahlen können, liegt in der Regel ein wenig…“

Lindt unterbrach ihn.

„Ein wenig? Ein weeenig?!?“

Er ließ die Faust auf den Tisch knallen.

„Das ist nicht mal ein Zehntel des Wertes, den wir auf dem privaten Sektor bekommen hätten. Wenn wir es geschafft hätten, die Identität des ursprünglichen Käufers heraus zu bekommen vermutlich noch viel mehr!“

„Calvin Groß“.

Lindt sah ihn ausdruckslos an.

„Was?“

„Calvin Groß. Der Mann, der die Büste nach Terra Prime bringen lassen wollte. Er ist ein privater Kunstsammler, der über eine der bedeutendsten Sammlungen des Sektors verfügen soll. Genau weiß das niemand, er hält sie unter Verschluss.“

Der untersetzte Mann hinter dem Schreibtisch sah ihn an, als wolle er ihn jeden Moment niederschießen.

Tanner räusperte sich und schürzte die Lippen. Er blickte kurz zu Boden um seine Gedanken zu sammeln. Dann beugte er sich vor, faltete die Hände und erzählte Grayson Lindt erstmalig näher von Jethro, seinen Ansichten, wofür er gelebt hatte und wie er gestorben war. Anschließend stockte er kurz, bevor er noch etwas hinzufügte.

„Es tut mir leid, dass ich ihr Vertrauen missbraucht habe, Captain. Ich übernehme dafür die volle Verantwortung. Ich sah keine andere Möglichkeit. Bedeutende Fundstücke wie dieses gehören in ein Museum. Dorthin, wo jeder sie offen sehen kann. Wäre ich vor dem Verkauf mit meiner Bitte zu Ihnen gekommen, hätten sie abgelehnt.“

Lindt schwieg und sah ihn ausdruckslos an.

„Captain, ich habe meine Recherchen in den letzten Wochen ausgeweitet und meine Erkenntnisse mit Informationen abgeglichen, die wir in der Vergangenheit zwar gesammelt haben, jedoch der Unvollständigkeit her nicht auswerten konnten. Es sieht so aus, als könnten wir unsere Bergungsquote mit meinem neu entwickelten System beträchtlich steigern. Selbst wenn wir gelegentliche Ausfälle und geringere Preise durch den Verkauf von Kunstschätzen an Museen anstelle von privaten Kunstsammlern in Betracht ziehen, sollten wir immer noch einen deutlichen Gewinn verbuchen können.“

Der Captain sah ihn auch weiterhin an, doch in seinen Augen konnte Mirabel nun etwas sehen, was ihn innerlich erschütterte: Den Schmerz eines Vertrauensbruchs durch jemanden, von dem man es nicht erwartet hätte. Geld spielte dabei keine Rolle. Langsam drehte Lindt seinen Sessel in Richtung einer Sichtscheibe, durch die man einen Teil des Docks und des Raumhafens sehen konnte, so dass er ihm den Rücken zudrehte.

„Das wäre dann alles.“

Mehr sagte er nicht. Tanner erhob sich mit einem flauen Gefühl im Magen und verließ wortlos die Kabine.

Es sollte einige Wochen dauern, bis sich das Verhältnis zwischen den beiden Männern wieder eingependelt hatte. Der Umstand, dass die Bergungsquote tatsächlich wie versprochen deutlich anstieg und die Profite sich mehr als verdoppelten, hatte sicherlich einen Anteil daran. Trotzdem schien der Captain auch die Einstellung des Mannes, der damals als blinder Passagier auf sein Schiff gekommen war, mit der Zeit zu akzeptieren.

Die nächsten Jahre verliefen sehr zufriedenstellend für Captain Lindt und seine Crew. Finanziell gesehen reichte es aus, um alle Mitglieder der Besatzung nicht nur zu versorgen sondern darüber hinaus auch sonst weit überdurchschnittlich gut zu bezahlen. Ferner erwarb sich die „Rockhopper“ im Laufe der Zeit einen sehr guten Ruf in Teilen der Kunstszene und insbesondere den öffentlichen Museen. Das lag schlicht und einfach daran, dass nur wenige Schatzsucher und Händler von Kunstgegenständen ihre Güter trotz wesentlich geringerer Preise an diese Einrichtungen veräußerten. Insbesondere der Kontakt mit Brody hatte sich bezahlt gemacht. Dieser war nach kurzer Zeit vom Leiter des marsianischen Koloniemuseums zu einem der wichtigsten Männer in der imperialien Behörde zur Verwaltung staatlicher Museen aufgestiegen. Darüber hinaus hatte sich die berufliche Zusammenarbeit bereits nach einigen Monaten in eine enge Freundschaft gewandelt - Tanner hatte in der Vergangenheit nicht viel Gelegenheit gehabt, sich mit Leuten auszutauschen, die seine Ansichten teilten und die Archäologie ebenso schätzten wie er selbst. Dies hatte den positiven Nebeneffekt, dass Brody ihn proaktiv immer wieder mit Partnern seines Netzwerkes verband, die ein persönliches Interesse an der Bergung von begehrten Fundstücken hatten und die jeweilige Suche der „Rockhopper“ mit der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Informationen erleichterten. Allerdings dauerte es nicht lange, bis die Konkurrenz davon Wind bekam und Neider auf den Plan traten: Die Reclaimer wurde zunehmend das Ziel von Piraten oder ausgebooteten Mitbewerbern, die Zeiten wurden härter.

Dann überhörte Tanner in einer der dreckigen Bars auf Crosshaw eine Konversation zwischen zwei stark betrunkenen UEE Beamten, deren Job es scheinbar war, ältere Datenbestände der Navy zu sichten und zu konservieren. Dabei war einer von ihnen auf eine verstümmelte Nachricht gestoßen, die ein Trupp Marines auf Tiber II abgesetzt hatte, kurz bevor sie vom Feind überrannt wurden. Dabei ging es um eine Art Super-Artefakt, dessen Wichtigkeit die Soldaten in ihrer Meldung als essentiell beschrieben hatten. Offenbar fand der Datenspezialist jedoch den Umstand, dass die Marines sich die Mühe gemacht hatten diesen Fund im Angesicht des Todes zu melden eher erheiternd als relevant.

Zwar war der Faktengehalt dieser Konversation eher mangelhaft, doch stellte sich in Tanners Bauchgegend ein wohlbekanntes Gefühl ein, dass an der Sache mehr dran sein könnte als es zunächst den Anschein hatte. Dann wandten sich die Männer jedoch anderen Themen zu, an denen Tanner kein weiteres Interesse hatte.

Er verließ die Bar vorzeitig und machte sich auf den Weg zum Schiff, wo er den Rest des Tages damit verbrachte, Genaueres über diesen Vorgang in Erfahrung zu bringen. Viel war es jedoch nicht. Die entsprechenden Informationen waren entweder als geheim eingestuft worden oder aber im Laufe der Zeit verloren gegangen. Der zweite Offizier der „Rockhopper“ spielte mit dem Gedanken, einige eher illegale Wege zu beschreiten, um einen potentiellen Ansatzpunkt zu finden. Dann verwarf er diese Idee jedoch. Es handelte sich hier um die Datenbank der Navy, kein mittelmäßig geschütztes System eines Hinterwäldler-Planeten. Frustriert gab er seine Recherchen vorerst auf, nahm sich jedoch vor, diese Sache im Auge zu behalten. Es sollte jedoch noch einige Jahre vergehen, ehe er Näheres in Erfahrung bringen konnte.

Währenddessen fluktuierte auch die Mannschaft aufgrund des steigenden Risikos ihrer Fahrten öfters als in der Vergangenheit und eines Tages fand sich Tanner in der Funktion des ersten Offiziers wieder. Trotz dieser personellen Veränderungen gelang es Captain Lindt jedoch stets, ein effektives Team zusammen zu stellen und sein kleines Unternehmen über ein Jahrzehnt auf der Welle des Erfolgs reiten zu lassen. Zwar gab es auch hin und wieder Misserfolge – doch diese waren gemessen an ihrem Gesamterfolg zu vernachlässigen. Wirtschaftlich hatte der Captain der „Rockhopper“ mehr erreicht, als er sich je hätte träumen lassen und ironischerweise äußerte sich Grayson Lindts größte Niederlage erst in seinem eigenen Tod. Nach etlichen Jahrzehnten eines äußerst ungesunden Lebensstils inklusive mehrerer Laster und permanenter Missachtung jeglicher ärztlicher Ratschläge erlag er 2926 einem längeren Leiden.

Die Trauerfeier für den Captain der „Rockhopper“ fand statt, wie er es sich gewünscht hatte: Im engsten Kreis seiner Crew, die seine sterblichen Überreste im Rahmen einer kleinen Zeremonie mit Hilfe einer Sonde in eine Sonne schossen. Trotzdem ließen es sich viele ihrer Kunden nicht nehmen, in den nächsten Tagen und Wochen ihr aufrichtiges Bedauern mitzuteilen. Als Tanner eine weitere Nachricht aus dem Kreis ihrer besonderen Klienten erhielt, konnte er sich ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen. Neben Brody hatten sie im Laufe der Zeit auch Kontakte zu anderen Museen und einigen Personen aus dem privaten Bereich aufgebaut. Letztere hatten ihnen für ihre Hilfe schriftlich garantiert, ihre Sammlungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Und nun waren diejenigen, die sich nach seinem Tode am zahlreichsten an ihn erinnerten ausgerechnet jene, die er zunächst eigentlich gar nicht als Kunden hatte haben wollen. Er war sich sicher, dass der alte Mann diese Ironie zu schätzen gewusst hätte.

Kopfschüttelnd lehnte er sich in seinem Sessel zurück und warf einen Blick auf ein kleines unscheinbares Kästchen, dessen braune Oberfläche durch den Lauf der Zeit stark in Mitleidenschaft gezogen worden war. Die Schatulle lag nun seit einigen Wochen auf seinem Schreibtisch und dennoch erschien ihm der Inhalt nach wie vor unwirklich. Es handelte sich um das Testament des Captains, dass sie nach seinem Tod in seinen Habseligkeiten gefunden hatten. Darin hatte er jedem Mitglied seiner Mannschaft (und einigen ehemaligen Weggefährten) einen Teil seiner Nachlassenschaft vermacht. Der größte Anteil des Geldes und die „Rockhopper“ waren jedoch unerwartet an ihn selbst gefallen und so hatte er sich plötzlich unvermittelt als Captain auf seinem eigenen Bergungsschiff widergefunden.

In diesem Moment piepte sein persönliches Terminal. Stirnrunzelnd blickte er auf das Display. Einer der Trawler, die er vor Jahren auf die Story einiger Marines angesetzt hatte, die auf Tiber II ein mysteriöses Artefakt gefunden hatten und dort gestorben waren, hatte neue relevante Informationen zu seiner Anfrage gefunden. Eine seltsame Euphorie baute sich in ihm auf. Obwohl es sich nur um eins von tausenden Gerüchten handelte, die sie im Laufe der Zeit aufgeschnappt hatten, hatte dieser Fall ihn nie richtig losgelassen. Er rief sich kurz die Details in Erinnerung: Ein Trupp Marines hatte während der Invasion von Tiber II einen verstümmelten Notruf abgesetzt, in dem sie von einem sogenannten Super-Artefakt berichteten, dessen Wichtigkeit sie als essentiell beschrieben hatten. Was immer es gewesen sein mochte, es war offenbar wert dafür zu sterben. Ein leichter Schauder lief über den Rücken des Captains der „Rockhopper“.

Ungeduldig öffnete er das File und scannte die Daten. Wie es aussah handelte es sich bei dem Fund um Unterlagen der Navy, deren Sicherheitssperre ausgelaufen war und die man aufgrund ihres Alters offenbar nicht länger als relevant einstufte. Das meiste waren allgemeine Informationen, welche die bisherigen Invasions-Versuche der Marine auf Tiber behandelten. Trotzdem erfuhr er eine Menge über die Begebenheiten des Systems und konnte anhand seiner alten Daten zumindest den exakten Zeitpunkt verifizieren, zu dem die Landung stattgefunden haben musste. Erneut sichtete er fieberhaft mehrfach alle Daten und fand keinerlei Hinweis der vermuten ließ, dass das Artefakt jemals geborgen worden wäre. Das Geheimnis des Tiber-Systems hatte nicht nur der UEE sondern auch den Horden von Glücksrittern widerstanden, die dumm genug gewesen waren, sich dorthin zu wagen. Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare und konzentrierte sich auf den nächsten Schritt. Er kannte nun das Wann, nun musste er noch das Wo herausfinden.

Die genaue Landezone zu lokalisieren war eine Herausforderung gewesen. Letzten Endes kam ihm der Zufall zu Hilfe. Bei dem einen Versuch der Navy, der neben der Hoheit im All auch das Ziel hatte, einen der Planeten in dem System zu sichern, war offenbar nur eine einzige Landung der Marines geglückt – in der Zone „Outpost 7“. Das musste der Ausgangspunkt des Funkspruchs gewesen sein. Bei allen anderen Zonen wurden die Schiffe, welche die Marines absetzen sollten, entweder zuvor zerstört oder aber ihre Kapseln während des Eintritts abgeschossen. Mirabel schauderte bei dem Gedanken, wie viele Leben allein bei diesem Versuch verloren gegangen sein mussten, während er sich die Lage von „Outpost 7“ auf einer der nun freigegebenen Karten anschaute und anschließend eine Übersicht über die Begebenheiten des Tiber-Systems erstellte.

Eine Stunde später stieß er frustriert einen Fluch aus. Einer der Gründe, warum das Artefakt sich mit höchster Wahrscheinlichkeit immer noch auf Tiber II befand war der, dass es absolut unmöglich war, es zu bergen. Alle seine Nachforschungen ergaben, dass ein Sprung in das System einem Selbstmord gleich kam. Ob Navy, Mercs oder Abenteurer – keiner hatte es je erfolgreich zurückgeschafft. Jedes neue Schiff erweiterte nur das gigantische Trümmerfeld, das sich im Laufe der Zeit dort gebildet hatte. Es bestand kein Zweifel, wie die Chancen eines trägen und relativ unbewaffneten Bergungsschiffes aussehen würden. Wie er es auch drehte und wendete – Tiber II war zurzeit keine Option. Er beendete seine Recherchen und begab sich wieder auf die Brücke. Es war an der Zeit, sich wieder realistischen Aufgaben zuzuwenden.

Die folgenden Jahre konnte die „Rockhopper“ ihre Erfolge und ihren Ruf zwar auch weiterhin ausbauen, doch ließ sich nicht leugnen, dass die Zeiten schwieriger geworden waren. Erst letzte Woche waren sie nur knapp einem Hinterhalt entkommen. Piraten und eine stark steigende Anzahl an Konkurrenten machten ihnen das Leben ebenso schwer wie der nachlassende Fluss an verlässlichen Informationen. Auch wenn sie sich mittlerweile schon lange nicht mehr ausschließlich auf im All treibende Wracks beschränkten und auch bereits einige Artefakte von Planetenoberflächen extrahiert hatten, war der allgemeine Trend nicht zu leugnen.

Schweigend saß Tanner Mirabel in seinem Sessel auf der Brücke als Stevens, sein Kommunikationsoffizier, ihn aus seinen Gedanken riss.

„Captain, ich fange gerade auf den Nachrichtenkanälen ein Ersuchen der imperialen Flotte auf. Offenbar stellt die UEE eine Flotte zusammen, um die Vanduul aus einem ihrer Systeme zu vertreiben. Sie suchen noch zivile Schiffe, die bereit sind, sie vor Ort mit Nachschub zu versorgen.“

Tanner blinzelte. Es war nicht ungewöhnlich, dass die UEE zivile Schiffe nutzte, um Versorgungsengpässe zu umgehen oder Kosten zu sparen. Als Belohnung für die Hilfe winkten ein besserer politischer Status und damit einhergehende Vergünstigungen. Außerhalb der Kernwelten waren diese Vorteile jedoch eher gering, insbesondere wenn man das hohe Risiko in Betracht zog. Er unterdrückte ein Gähnen, während er sich leicht in seinem Sessel aufrichtete.

„Welches System?“

Stevens schaute gelangweilt auf sein Display und drückte ein paar Tasten.

„Nicht weit von uns, Captain. Tiber-System. Ein Sprung von Garron entfernt. Dort ist auch das Aufmarschgebiet der Flotte.“

Tanner richtete sich schlagartig erwacht in seinem Sessel auf.

„Wie war das bitte?“

Der Rest war, wie man so schön sagt, Geschichte. Sie hatten sich dazu bereit erklärt, die Flotte zu unterstützen um gegeben falls in Feuerpausen Wracks zu beseitigen oder Reparaturen zu leisten. Ferner sollten sie Unterstützungsfeuer leisten - die „Rockhopper“ war zwar kein Kampfschiff, verfügte jedoch über mehrere Geschütze. Der Plan war, beim Verband zu bleiben bis die Kampfflotte sich ausreichend den Planeten genähert hatte. Dann würde die Reclaimer unbemerkt ins Trümmerfeld abdriften und sich Tiber II nähern. Da sie in etwa wussten, wo sie zu suchen hatten, sollte die Bergung des Artefakts auf der Oberfläche mit Hilfe des Beibootes relativ zügig von statten gehen, während ihr Mutterschiff weiterhin in der Deckung des Schiffsfriedhofs verharren würde. Soweit zumindest der Plan…

Tanner drehte einmal mehr seinen Glücksbringer in der Hand und betrachtete die fahle Oberfläche der silbernen Münze, während der Bordcomputer die letzten Zahlen des Countdowns wiedergab. Im nächsten Moment schien ein helles Licht die Brücke der Reclaimer zu erhellen und als es erlosch, starrte die Crew der „Rockhopper“ wie gebannt durch die Sichtscheibe ins All. Der Anblick unzähliger Wracks, deren zerborstene und teilweise riesigen Skelette sich gegen farbige Nebel und Sterne im Hintergrund abzeichneten und ein riesiges Trümmerfeld zwischen dem Sprungpunkt und den Planeten bildeten, überstiegen jegliche Vorstellungskraft.

Vor ihnen starteten die Träger der Flotte eine schier endlose Zahl von Jägern und Bombern, die sich an den Flanken sowie über und unter den Großkampfschiffen formierten. Tanner hatte noch nie zuvor eine so massive Anzahl von Kreuzern, Zerstörern und Versorgungsschiffen gesehen. Langsam aber zielstrebig glitt der Verband durch eine Schneise im Trümmerfeld auf die vor ihm liegenden Planeten zu.

Die Reaktion der Vanduul ließ nicht lange auf sich warten. Bereits wenige Minuten nach dem Sprung näherten sich erste Jägergeschwader des Feindes, die sich erfolglos ein Duell mit den Frauen und Männern der SQ42 lieferten. Langsam zogen sich die Jagdverbände der Aliens immer wieder vor der sich nähernden Flotte zurück, bis sie den Schiffsfriedhof zu einem großen Teil durchquert hatten. Tanner hielt weiterhin mit einer Hand seine Lehne umklammert, entspannte sich jedoch ein wenig. Der große Gegenschlag der Vanduul war ausgeblieben und es war damit zu rechnen, dass sie ihre Kräfte zurzeit anderswo konzentriert haben. Selbst wenn die Aliens in einigen Stunden Verstärkung erhalten würden, hätte die UEE Zeit, eine massive Verteidigung zu errichten und strategisch günstig in Stellung zu gehen. Und sie selbst hätten genug Raum, ihren eigentlichen Plan in die Tat umzusetzen.

Dann änderte sich die Lage schlagartig von einem Augenblick auf den anderen als der Feind völlig unerwartet seine bisherige Defensiv-Taktik aufgab und aggressiv zum Angriff überging. Gleichzeitig schien sich die Anzahl der feindlichen Jäger wie aus dem Nichts immer weiter zu erhöhen, bis sie den Abjangjägern der Flotte deutlich überlegen war. Das umliegende All leuchtete hell auf, als die zahlreichen Batterien der Großkampfschiffe das Feuer eröffneten und die eigenen Geschwader bei ihrem Kampf unterstützten. Gleichzeitig erreichten die ersten Raketen von Vanduul Bombern den Verband. Die „Rockhopper erzitterte, als die Schilde kurzzeitig von Einschlägen erschüttert wurden.

Hektische Statusmeldungen überlagerten den Funkverkehr, als plötzlich eine Idris Fregatte von mehreren gewaltigen Strahlen aus dem Trümmerfeld getroffen und durch mehrere Explosionen von innen zerrissen wurde. In diesem Moment lösten sich nach und nach Dutzende von ehemals dunklen und jetzt hell beleuchteten Schemen aus den umhertreibenden Wracks, die sich bei näherer Betrachtung als Vanduul Großkampfschiffe entpuppten und die Flotte von mehreren Richtungen aus massiv unter Feuer nahmen. Tanner starrte ungläubig auf sein Display. Er zählte allein fünf Träger, siebzehn Kreuzer und mehrere Dutzend Zerstörer, die die UEE Kampfgruppe erfolgreich eingekesselt hatten.

Tödliche Strahlen rasten durch das All, als die Giganten beider Seiten Salven austauschten und Tausende von Jägern zwischen ihnen Gefechte austrugen. Chaos herrschte, als der UEE Admiral befahl, die Formation aufzulösen und die Schiffe trotz des einengenden Trümmerfeldes voneinander zu entfernen, um dem Feind ein geringeres Ziel und sich selbst eine bessere Schussbahn zu bieten.

Tanner überlegte fieberhaft. Eine Landung auf dem Planeten war unmöglich geworden – nun ging es einzig und allein darum, die eigene Haut zu retten. Der Borealianer sah erneut auf sein Display und hielt sich mit Mühe in seinem Sessel, während die Reclaimer einmal mehr hart getroffen wurde. Die Schilde hielten, doch wie lange noch? Die Schiffe der Vanduul, die sich bis zum letzten Moment erfolgreich in dem umliegenden Feld verborgen gehalten hatten, besaßen nicht nur die größere Feuerkraft sondern auch den strategischen Vorteil, von allen Seiten feuern zu können. Immer mehr Großkampfschiffe der imperialen Flotte mussten schwere Schäden hinnehmen, als neben dem Bombardement der gegnerischen Kreuzer und Zerstörer auch Torpedos und Raketen der Bomber-Geschwader in ihre Rümpfe schlugen. Mirabel fluchte lautstark. Für den Captain der „Rockhopper“ bestand kein Zweifel darin, dass der Kampf verloren war. Sie würden sich glücklich schätzen können, wenn es überhaupt einer von ihnen bis zum Sprungpunkt schaffen würde. Zu dieser Einschätzung kam offensichtlich auch die Admiralität, die den sofortigen Rückzug und ein konzentriertes Sperrfeuer befehligte, kurz bevor einer der führenden UEE Träger mit seiner vollständigen Besatzung in einem hell leuchtenden Feuerball explodierte und verging.

Ironischerweise gab dieser tragische Verlust dem Rest der Flotte die Gelegenheit, sich mit voller Kraft vom Feind in Richtung des Sprungpunktes abzusetzen, während das brennende und unkontrolliert driftende Wrack zumindest einem Teil der feindlichen Kreuzer und Zerstörer die Verfolgung erschwerte. Das galt jedoch nicht für die flexiblen und tödlichen Jagdverbände der Vanduul. Trotz der waghalsigen Bemühungen des UEE Begleitschutzes und des anhaltenden Sperrfeuers wurden die zurückweichenden Schiffe immer wieder von schweren Explosionen erschüttert. Auch die Reclaimer hatte den ein oder anderen Treffer erhalten, hatte bisher jedoch mehr Glück gehabt als der Rest der Kampfgruppe. Tanner schützte wie der Rest der Brückencrew seine Augen, als ein weiterer Zerstörer neben ihnen in einem riesigen Feuerball verschlungen wurde. Dann stürzte er hart auf das Deck, als die „Rockhopper“ von einem mächtigen Schlag erschüttert wurde. Alarmsirenen ertönten und das Licht auf der Brücke flackerte kurz, ehe es ganz erlosch und Sekunden später durch das Notstromaggregat wieder erhellt wurde. Beiläufig fuhr er sich mit der Hand über sein schmerzendes Gesicht, während er sich aufrappelte. Flores und Skeeter brüllten Statusmeldungen, doch er hörte sie kaum. Gräulicher Rauch erfüllte die Brücke und aus mehreren Konsolen stoben Funken. An seinem flackernden Display konnte er ersehen, dass der Hauptantrieb schwer beschädigt war und auch ohne Eingreifen der Vanduul innerhalb kürzester Zeit einen kritischen Zustand erreichen würde. Mirabel murmelte einen Fluch, dann winkte er seiner Crew hektisch zu und aktivierte den Evakuierungsalarm.

Immer wieder wurde das Schiff von sporadischen Einschlägen getroffen, ehe sie das Beiboot erreichten und sich dann mit Maximalgeschwindigkeit aus den sich noch nicht einmal vollständig geöffneten Hangartoren herauskatapultierten. Tanner starrte mit ausdruckslosen Augen nach hinten, wo die sterbende Reclaimer ihnen wie ein verwundetes Tier brennend in Schräglage folgte. Dann zerrissen mehrere Explosionen von innen die Außenhülle und ließen das zerborstene Gerippe des ehemaligen Bergungsschiffes rasch hinter ihnen zurückfallen. Überall um sie herum erging es anderen Schiffen ähnlich. Detonationen und brennende Wracks säumten den Weg, aus dem sie gekommen waren.

Plötzlich hefteten sich sechs Scythes an ihre Fersen und brachten sich in Schussposition. Tanner hielt den Atem an – sie würden nicht einmal eine Rakete brauchen. Das Beiboot der Reclaimer verfügte weder über Waffen noch über eine entsprechende Panzerung oder Abwehrmaßnahmen. Sie hatten nicht einmal die Zeit gehabt, einen Raumanzug anzulegen – selbst ein kleines Loch im Rumpf würde mehr als ausreichen, um ihr Leben zu beenden. Beiläufig nahm er wahr, wie Flores sich an Ron drückte und die Augen schloss.

In diesem Moment fuhren mehrere Salven aus Laserfeuer durch die Vanduul-Formation und rissen gleich zwei der feindlichen Schiffe völlig auseinander, während der Rest des Geschwaders sofort in unterschiedliche Richtungen abdrehte. Dort, wo eben noch die feindlichen Jäger waren, zerriss nun die Silhouette einer vorbeirasenden Avenger die noch abflauende Explosionswelle. Am Heck war deutlich das Emblem der SQ42 zu erkennen. Ein erneuter Feuerball achtern markierte das Ende einer weiteren Scythe, während sich zeitgleich ihr Kommsystem aktivierte.

„Rockhopper Beiboot, hier spricht Captain Carol Danvers, SQ42. Wir halten sie ihnen vom Leib. Nehmen sie umgehend Kurs auf UEE Carrier 76 und landen sie dort. Der Flotte hat bereits mit den Sprungvorbereitungen begonnen.“

Tanner spürte, dass er offenbar in den letzten Sekunden die Luft angehalten hatte und ließ diese lautstark entweichen. Auch die anderen tauschten erleichterte Blicke aus. Dann drückte er ein paar Tasten und bestätigte die Weisung, während Flores bereits den Kurs änderte und auf den Träger zuhielt. Unterdessen sah der ehemalige Captain der „Rockhopper“ durch das enge Cockpitfenster, wie diverse UEE Jäger in unterschiedlicher Verfassung vor und neben ihnen ebenfalls zum Landeanflug ansetzen. Das deutete darauf hin, dass der Sprung offenbar tatsächlich unmittelbar bevorstand. Er hoffte nur, dass sie es schafften, bevor es den Vanduul gelang, sie noch mit einem Torpedo zu erwischen. Schließlich passierten sie die schweren Tore des Carriers und landeten auf dem ihnen zugewiesenen Platz, wo sie augenblicklich ihre Maschinen abschalteten. Hinter ihnen schlossen sich bereits die Tore, als noch drei SQ42 Jäger in letzter Sekunde durch die Öffnung schossen, hart auf das Deck krachten und nach einer kurzen Rutschpartie einige Meter von ihnen zum Stehen kamen. Tanner fühlte die übliche Übelkeit, als der Träger fast zeitgleich seinen Notsprung ausführte und die Umgebung um ihn herum kurzzeitig zu einem großen weißen Fleck wurde.

Erleichtert gestattete sich Mirabel, für einige Minuten einfach die Augen zu schließen und sich an die Wand zu lehnen. Dann blickte er durch das Sichtfenster der Cockpit-Scheibe zu den Jägern der SQ42.

„Sieht so aus, als hätten wir einen Schutzengel gehabt. Oder besser drei. Ich denke ein Dank ist angebracht.“

Mit diesen Worten gab er einen kurzen Code nahe des Außenschotts ein und bestätigte die Ausführung, wodurch sich die Luke zischend öffnete. Dann verließ er das Beiboot und schritt zwischen dem Gewühl von hin und her eilenden Technikern, Piloten und Sanitätern in Richtung der Avenger, die nahe einer Hornet und einer Cutlass stand. Die Panzerung war an einigen Stellen stark angegriffen und wies mehrere Einschusslöcher auf. An der Seite konnte er unter einem Stück, wo ein Streifschuss offenbar neue Farbe heruntergebrannt hatte, den Rufnamen des Piloten lesen. Er legte eine Hand an die Hüfte und runzelte die Stirn.

„Cheeseburger? Die Navy lässt einen Mann der sich „Cheeseburger“ nennt, eine Millionen Credit teure Avenger fliegen?“

Offenbar hatte er seine Gedanken unbemerkt laut ausgesprochen, denn hinter ihm ertönte unmittelbar danach eine selbstsichere Frauenstimme.

„Nein, sie lassen keinen Mann mit dem Namen Cheeseburger ihren Jäger fliegen.“

Eine gutaussehende Blondine mit länglichem Haar und den Insignien eines Lt.Commanders am Kragen ihres Raumanzugs kam auf ihn zu und blieb dann lässig mit ihrem Helm unter dem Arm vor ihm stehen.

„Sie lassen es mich fliegen.“

Sie nickte ihm kühl zu.

„Lt.Commander Carol Danvers, SQ42, UEE Navy.”

Tanner errötete, räusperte sich und versuchte, seinen Fauxpas mit einem ehrlichen Lächeln zu überspielen. Er bot der vor ihm stehenden Pilotin seine Hand an, die diese mit einem kräftigen Händedruck ohne zu zögern ergriff.

„Tanner Mirabel.“

„Ich weiß.“

„Cap… Ex-Captain des Bergungsschiffes Rockhopper.“

„Ich weiß. Wir wurden vor dem Sprung über sämtliche uns begleitenden Zivilschiffe informiert.“

Der große Borealianier blickte kurz zu Danvers Maschine, bevor er sie erneut ansah.

„Wenn ich mich nicht irre, haben sie uns gerade da draußen unseren Arsch gerettet.“

Die Blondine grinste ansatzweise, während sie den vor ihr stehenden Mann musterte und zwei weitere Piloten sich von ihren Maschinen zu ihnen gesellten. Danvers warf ihnen kurz einen Blick zu, bevor sie sich wieder an den Ex-Captain wendete.

„Das sind Captain Steven Danvers und Lieutenant Michael Rossi. Ich schätze, sie haben ebenso viel Anteil an ihrem Überleben wie ich selbst.“

Die Männer schüttelten sich freundschaftlich die Hände und nickten sich kurz einander zu. Captain Danvers war blond, groß und hatte ein markantes Gesicht. Mirabel fragte sich instinktiv, ob die Übereinstimmung des Namens Danvers und die Haarfarbe wohl Zufall war. Lieutenant Rossi hatte braune Haare und schien vom Äußeren her für das Cockpit eines Jägers geboren worden zu sein. Tanner hätte sich nicht gewundert, wenn ihm Rossis Gesicht in einem der zahlreichen Rekrutierungs-Vids entgegen lächeln würde. Schließlich ergriff die Frau mit dem Rufnamen „Cheeseburger“ wieder das Wort.

„Wenn Sie sich erkenntlich zeigen wollen Mr. Mirabel, können Sie uns gerne später im Casino einen ausgeben.“

Dann blickte sie zwischen den umherstehenden Maschinen umher und wurde schlagartig ernst.

„Ich denke, wir alle haben einen nötig. Entschuldigen Sie uns jetzt bitte – wir müssen uns im Bereitschaftsraum melden.“

Damit war das Gespräch beendet und die Offiziere schritten zielstrebig zum Ausgang des Hangar-Decks. Tanner sah sich inmitten der zahlreichen ramponierten Schiffe mit den unterschiedlichsten Kennungen um, die insgesamt jedoch nur ein Drittel des Landedecks ausmachten. Dann kehrte er zurück zu seinen eigenen Problemen und machte sich auf den Weg zu seinem Schiff – oder besser gesagt zu den Resten seines Schiffs.

Einige Stunden später betrat er das Offizierscasino, in dem dieselbe gedrückte Stimmung herrschte wie auf dem Rest des Schiffs. Tanner konnte es ihnen nicht verübeln, er fühlte sich ebenso. Nur ein Drittel der Flotte hatte es zum Sprungpunkt geschafft und selbst nach der Rückkehr ins Garron-System hatten sie noch zwei weitere Zerstörer evakuieren und aufgeben müssen. Die Vanduul waren ihnen ebenso wie in der Vergangenheit nicht gefolgt – ein Umstand, für den sie alle dankbar waren.

Er blickte sich um, bis er Lt.Commander Danvers und die beiden Piloten vom Hangardeck schließlich vor einigen Flaschen an einem Tisch sitzend in einer Ecke entdeckte. Als sich ihre Blicke trafen, winkte ihm die Pilotin einladend zu. Wie erwartet war die Stimmung gedämpft. Danvers schob ihm wortlos einen Stuhl zu, während Mirabel dem Barkeeper ein Zeichen gab und eine Runde bestellte. Nach dem Austausch einiger Höflichkeiten wendete man sich den Getränken zu und tausche einige Geschichten aus. Tanner erfuhr auf diese Weise, dass Lt.Commander Danvers und Captain Danvers tatsächlich verwandt waren und Erstere mit Lieutenant Rossi liiert war. Des Weiteren spekulierten sie darüber, wie es möglich gewesen war, dass die Vanduul sie dermaßen überraschen konnten. Viele Menschen hatten an diesem Tag ihr Leben verloren und auch die SQ42 hatte einige Verluste zu beklagen. Schließlich war es an Tanner, über seine bisherige berufliche Laufbahn zu berichten und er gab bis zu einem gewissen Grad bereitwillig Auskunft. Über seine wahren Motive für seine Anwesenheit im Tiber-System schwieg er sich freilich aus.

Später am Abend, als die meisten Anwesenden inklusive Steven Danvers bereits gegangen waren und Michael Rossi an die Wand gelehnt eingeschlafen war, kamen sie auf die Leidenschaft für Archäologie des Ex-Captains der „Rockhopper“ zu sprechen. Er gab ihr einen kurzen Abriss über seine Kindheit und somit den Antrieb für seine anhaltende Suche nach „Steinen im Dreck“, wie sie es scherzhaft ausdrückte. Schließlich berichtete die blonde Pilotin im Gegenzug von ihrer Familie, die scheinbar seit Generationen fähige Pilotinnen hervorbrachte. Offenbar war diese Fähigkeit fest in ihrem genetischen Code verankert. Als Danvers mehr beiläufig erwähnte, dass man diese Ahnenreihe sogar bis zu der berühmten Lisa Danvers zurückverfolgen konnte, war das Interesse des auch an Geschichte sehr interessierten Tanners sofort geweckt.

Das Mysterium um das Verschwinden der Artemis, dessen Besatzung sich zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit anschickte in den Sternen ihr Glück zu suchen, hatte ihn stets fasziniert. Er fragte sich beiläufig, wie groß wohl die Wahrscheinlichkeit für ihn gewesen war, in der Weite des Universums eine echte Nachfahrin ausgerechnet jetzt, hier an diesem Ort zu finden. Kopfschüttelnd lächelte er und schenkte ihre Gläser einmal mehr nach.

Dann kam ihm noch eine Sache in den Sinn, die er zu gerne wissen würde. Unschuldig beugte er sich vor.

„So, was war doch gleich ihr offizieller Spitzname?“

Danvers verdrehte die Augen und lächelte, bevor sie einmal mehr an ihrem Glas nippte.

„Cheeseburger. Bevor Sie fragen warum – es ist keine Sache die Sie während des Essens hören möchten.“

Mirabel grinste und griff einmal mehr in eine kleine Schale mit Erdnüssen, bevor er sie genüsslich zu kauen begann.

„Nein, ernsthaft – ich möchte es hören.“

Die ihm gegenüber sitzende Offizierin rollte einmal mehr mit den Augen und sah dann kurz scheinbar peinlich berührt zur Seite, bevor sie antwortete.

„Ich kann nicht glauben, dass ich ihnen das erzähle.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Okay, bevor sie Sie in eine Maschine setzen, packen sie Sie in einen Simulator für G-Kräfte. Schwingt Sie herum und herum – ich bin sicher, sie haben so etwas schon in einem Holovid gesehen.“

Der ehemalige Captain der Rockhopper versuchte erfolglos, ein allzu breites Grinsen zu vermeiden.

„Oh… ohhhhhh… Ich denke ich weiß, in welche Richtung das geht…“

Danvers nickte und spielte mit ihrem Glas.

„Richtig… raten Sie, was ich zum Mittagessen hatte, kurz bevor ich im Karussel an der Reihe war.“

„Oh nein!“

„Oh doch!“

Die SQ42 Veteranin hob ihre Hand, um ihr Glas anzusetzen, überlegte es sich dann jedoch doch anders und ließ es in der Luft vor ihr verharren.

„"Wenn Sie bei 5G kotzen... ich sage ihnen, das Zeug verharrt nur sehr kurz vor ihrem Gesicht, bevor es auf direktem Wege wieder zurückgeklatscht kommt.“

„Ha!“

Tanner machte ein schadenfrohes Gesicht, doch die blonde Frau schien es ihm in keiner Weise übelzunehmen.

„Ja, lachen Sie nur.“

Der braunhaarige Boreaner bemühte sich, ein mitfühlendes Gesicht aufzusetzen.

„Das ist schrecklich.“

Danvers gluckste amüsiert.

„Schrecklich war, das Alles wieder aus meinen Haaren zu bekommen. Oh mein Gott…"

Tanner schüttelte schmunzelnd den Kopf, während er sich das Bild vor Augen hielt. Eine Stunde später verabschiedeten sie sich dann und vereinbarten ein gemeinsames Frühstück, zu dem es jedoch nicht mehr kommen sollte. Als Tanner im Verlauf des folgenden Tages ins Casino zurückkehrte erfuhr er, dass alle Angehörige der SQ42 bereits vor Stunden auf ihren eigenen Träger zurückbeordert worden waren und sich dieser umgehend auf den Weg in ein neues Einsatzgebiet gemacht hatte.

Bevor er sich jedoch eingehender mit dieser Nachricht beschäftigen konnte, wurde er von einem Versorgungsoffizier aufgesucht. Da er sein Schiff im Gefecht mit den Vanduul verloren hatte, stand ihm laut Vertrag eine Entschädigung zu. Da das Militär jedoch über keinerlei Schiffe der Reclaimer-Klasse verfügte und nur einen Maximal-Betrag zu zahlen bereit war, der unter dem Anschaffungswert eines neuen Schiffes dieser Klasse lag, kam man nach einigen Verhandlungen zu einem alternativen Konsens. Wie sich herausstellte, verfügte die Navy über ein Schiff der Explorer-Klasse, das während der Schlacht nicht zum Einsatz kam und in absehbarer Zeit in den privaten Sektor verkauft werden sollte. Zwar betonte der Offizier, dass man alle rein militärischen Komponenten entfernen würde, doch bildete das Schiff mit seinen fortschrittlichen Sensoren, der Krankenstation und dem erweiterten Computerkern die beste Alternative, die sich in diesem Moment zu bieten schien. Als Mirabel später im Hangar stand und mit seiner Crew das Schiff betrachtete, wusste er schon beim Lesen des Namens, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Er lautete „Pegasus“. Dabei handelte es sich um die moderne Abwandlung eines mythischen Wesens, das der Geschichte der Erde entsprang. Lächelnd drehte er seine Glücksmünze, bevor er sie beiläufig wieder in seiner Jacke verstaute und zum ersten Mal an Bord seines neuen Schiffes ging.

Einige Monate später hatte sich seine Crew ebenso wie er selbst an das neue Schiff gewöhnt. Gerade zu Anfang hatten die eingefleischten Bergungsexperten Bedenken, ob die Möglichkeiten ausreichten, damit sie über die Runden kamen. Die Carrack war nicht für Bergungsoperationen sondern für die Erkundung unbekannter Gebiete ausgelegt. Allerdings stellten sie fest, dass sich ihr bisheriges Geschäft durch diesen Umstand eigentlich nur geringfügig änderte. Hatten sie zuvor primär Schiffe geborgen und nebenbei Aufträge zum Auffinden von Artefakten übernommen, so hatte sich die Gewichtung dieser Aufgaben einfach nur vertauscht. Sie übernahmen nun wesentlich häufiger Aufträge oder forschten selbstständig nach lukrativen Artefakten, während sie Wracks nur noch selten anflogen, um deren Inhalt in Augenschein zu nehmen. Dafür reichten die Kapazitäten und die Möglichkeiten der Carrack aus. Auch ermöglichte ihnen das Schiff durch seine erhöhte Geschwindigkeit und die vergrößerten Tanks einen wesentlich höheren Radius und die Entdeckung neuer Planetensysteme und Sprungtore am Rand des bekanntes Raums bot ihnen eine weitere, potentielle Alternative. Letzten Endes war selbst der stets mürrische Skeeter zufrieden gewesen.

Nach anfänglichen Erfolgen beeinträchtigten in den nächsten zwei Jahren jedoch einige Misserfolge ihre finanzielle Lage: Expeditionen, obwohl gut recherchiert, brachten keinen Erfolg da die Artefakte bereits vor langer Zeit geborgen worden waren oder äußere Einflüsse dafür sorgten, dass ihre Ermittlungen von vorne herein im Sande verliefen. Auch gab es mittlerweile einige Konkurrenz, die sich derselben Techniken bediente wie sie selbst. Dabei lag die Ursache in der aktuellen Flaute weniger darin, dass das Universum nicht genügend Mysterien für alle bot sondern vielmehr daran, dass alle sich auf die Ziele konzentrierten, zu denen die meisten Informationen vorlagen.

Schließlich sah sich Tanner wohl oder übel gezwungen, über ihre finanzielle Zukunft nachzudenken. Zwar verfügte er aufgrund ihrer erfolgreichen Vergangenheit und nicht zuletzt den ansehnlichen Nachlass seines Vorgängers mittlerweile privat über eine beträchtliche Summe – doch die laufenden Kosten würden selbst einen solchen Betrag im Laufe der nächsten Jahren langsam aber sicher auffressen. Auch trug die aktuelle Pechsträhne nicht gerade zur Moral bei und säte selbst Zweifel in Crewmitgliedern, die schon lange dabei waren.

Eines Abends diskutierten sie erneut gemeinsam ihre Optionen und letzten Endes war es ausgerechnet Skeeter, der eine Rückkehr in das Tiber-System vorschlug. Der sonst so zurückhaltende und misstrauische Drohnen- und Sensoren-Experte hatte sich zunächst aus einer Laune und Langeweile heraus mit den von ihnen während ihres ersten Besuchs gesammelten Daten beschäftigt und parallel dazu offenbar seine eigenen Schlüsse getroffen. Damit konnte er beim Rest der Mannschaft jedoch zunächst nicht punkten. Flores sah ihn ungläubig an.

„Tiber II? Bist du übergeschnappt? Hast du vergessen, was damals passiert ist? Die haben uns das alte Mädchen unter dem Arsch weggeschossen!“

Skeeter versuchte ruhig zu bleiben, doch sah man ihm seine Ungeduld deutlich an.

„Vergiss die Vergangenheit, Flores. Wir müssen in die Zukunft sehen! Dieses Artefakt ist vermutlich das Wertvollste, was wir je in die Finger bekommen werden und es könnte all unsere Sorgen mit einem Schlag beheben. Hey, vielleicht werden wir so reich, dass wir uns alle zur Ruhe setzen können. So etwas fällt einem nicht in den Schoß ohne jegliches Risiko!“

Es entstand eine hitzige Diskussion in der Ron sich immer wieder bemühte, seine temperamentvolle Lebenspartnerin zu beschwichtigen. Allerdings schien auch er von der Idee alles andere als begeistert zu sein. Sogar der sonst stets ruhige und kaum auffallende Shen meldete sich zu Wort. Schließlich beendete Tanner die Debatte und forderte Skeeter auf, seine Gedanken vorzutragen. Der Techniker wischte einige herumstehende Tassen und Teller beiseite um Platz für seine Aufzeichnungen zu machen, bevor er mit einer für ihn völlig untypischen Leidenschaft anfing, seinen Plan zu erklären. Als er damit fertig war, herrschte Stille im Raum.

Tanner runzelte die Stirn. Er selbst hatte nach der Sache im Tiber-System immer wieder darüber nachgedacht, was sie hätten anders machen können und sich den Kopf über einen Weg zermartert, an den Vanduul vorbeizukommen. Es erschien ihm, als sei das wertvollste Artefakt des ganzen Universums zum Greifen nah aber doch unerreichbar. Doch Letzteres hatte sich möglicherweise in den letzten Minuten gerade geändert. Er blickte in die Runde und sah in den Gesichtern der anderen, dass sie zu derselben Erkenntnis kamen wie er selbst: Es war höllisch riskant… doch es könnte funktionieren.

Wenn man es herunterbrach war Skeeters Plan geradezu simpel. Ihre Aufzeichnungen während der Schlacht im Tiber-System hatten gezeigt, dass die Vanduul den Schiffsfriedhof zwar nutzen, um sich darin zu verstecken, doch schienen sie darüber hinaus kein Interesse daran zu haben und ihn auch nicht zu scannen. Vielleicht waren sie auch nicht in der Lage dazu - immerhin musste es dort viele Ortungsprobleme geben. Die Aufzeichnungen zeigten, dass UEE-Schiffe, die kurzzeitig in den Trümmer-Radius gerieten, zwar Beschädigungen durch Kollisionen mit den Wracks davongetragen hatten, jedoch eine deutlich geringere Aufmerksamkeit durch die Vanduul erfuhren. Der Ansatz des Technikers bestand nun darin, unmittelbar nach ihrem Sprung ins Tiber-System mehrere schnelle Drohnen auszusetzen, die eine UEE Kennung ausstrahlten und sich rasch von ihnen entfernten. Die „Pegasus“ selbst sollte einmal kräftig Schub geben, bevor sie alle Systeme abschalten und sich in das nahe Trümmerfeld treiben lassen würden. Das Auftauchen unbemannter Drohnen sollte für die Vanduul keinen Grund zur Beunruhigung darstellen, da die UEE solche Operationen regelmäßig durchführte. Um auch auf die Lebenserhaltung verzichten zu können würden sie die ganze Zeit über Raumanzüge tragen. Waren sie erst einmal zwischen den Wracks untergetaucht, konnten sie sich mit Hilfe der Manövrierdüsen und gelegentlichen kurzen Schüben mit dem primären Triebwerk einen Weg durch das Feld bahnen, von dem sie dank der gesammelten Daten zumindest über den äußeren Teil eine sehr detaillierte Darstellung hatten.

Anschließend würden sie das Schiff aus dem Feld zum Planeten treiben lassen und erst im Orbit die Triebwerke starten. Das sollte eine Entdeckung durch die Vanduul nahezu ausschließen. Der knifflige Teil war die Rückkehr. Sie würden, um vom Planeten wegkommen zu können, eine deutliche Signatur hinterlassen. Nun kam es darauf an, dass Trümmerfeld schnell genug zu erreichen, um dort wieder unterzutauchen und sich bis zum Sprungpunkt durchzuschlagen. Ein zumindest in der Theorie guter Plan… mit einer Schwachstelle: Auch den Vanduul würde klar sein, wohin sie unterwegs waren, wenn sie den Planeten verlassen hatten - denn es gab nur einen Sprungpunkt, der sie zurück ins imperiale Gebiet brachte. Aber auch dafür hatte Skeeter eine Lösung parat. Eine weitere Drohne sollte ein Abbild der Pegasus erschaffen und in dem Moment gezündet werden, wenn sie zurück ins Trümmerfeld drifteten. Diese würde dann den Kurs ändern und den Eindruck vermitteln, das Schiff wolle einen der Sprungpunkte nach Virgil, Vendetta oder Orion anfliegen um nachrichtendienstliche Erkenntnisse über die dahinter liegenden Systeme zu erlangen. Soweit der Plan. Allerdings hatten diese Vorsichtsmaßnahmen ihren Preis. Allein das Driften im All würde sie mehrere Wochen kosten. Wochen, die sie dauerhaft in alles andere als bequemen Raumanzügen verbringen mussten.

Tanner fuhr sich mit der Hand über das stoppelige Kinn, während ihm sein Hals plötzlich seltsam trocken vorkam. Gleichzeitig machte sich in ihm eine gewisse Euphorie breit, während er mehr und mehr zu der Erkenntnis kam, dass der Plan, wenn auch riskant, funktionieren könnte. Skeeter sah aufmerksam und erwartungsvoll mit einem angedeuteten Lächeln von einem zum anderen. Flores ließ die Luft entweichen und blickte erst zu Ron und dann zu Skeeter.

„Du bleibst ein Wahnsinniger, aber der Plan könnte klappen…“

Erneut brandeten Diskussionen auf, doch diesmal waren sie konstruktiver Natur. Ideen wurden aufgebracht und verworfen, Details verfeinert. Am Schluss kamen alle überein, dass der Plan, so selbstmörderisch er zunächst klang, umsetzbar war. Schließlich rief Mirabel seine Crew dazu auf, darüber abzustimmen. Nach dem, was sie bisher im Tiber-System erlebt hatten, wollte er die Entscheidung nicht alleine treffen, denn einmal aufgebrochen gab es für sie nur zwei Szenarios: Erfolg oder den Tod. Wenn sie in Schwierigkeiten gerieten, würden diesmal keine SQ42 Jäger zu ihrer Rettung eilen. So blieben ihnen wenige Optionen: Entweder, sie widmeten sich weiter ihrem bisherigen Leben oder aber sie wagten den großen Wurf. Überraschenderweise war Flores diejenige, die als erste ihre Entscheidung mit einem knappen „Ich bin dabei“ bekannt gab. Das Ron ihr beipflichten würde, war eine reine Formalität. Doch auch Shen lächelte in einer Art und Weise, als würde er das Artefakt bereits in seinen Händen halten. Damit war die Entscheidung gefallen.

In den nächsten Wochen herrschte emsige Aktivität an Bord der „Pegasus“. Skeeter bastelte rund um die Uhr an den Drohnen, während Shen die Software dafür schrieb. Flores programmierte die für ihren Trip notwendigen Daten und Manöver in den Navigationscomputer und kalibrierte die Sensoren, während Ron und Tanner das gesamte Schiff einer kritischen Wartung unterzogen. Waren sie erst einmal unterwegs, würden sie sich keinen Fehler leisten können.

Schließlich hatten sie ihre Vorbereitungen abgeschlossen und den Sprungpunkt zum Tiber-System erreicht. Ein letzter Scan offenbarte ihnen, dass keine anderen Schiffe in Reichweite waren. Tanner blickte sich um. Jeder von ihnen trug jetzt einen Raumanzug, der ihre Bewegungen verlangsamte und sich bereits jetzt alles andere als angenehm anfühlte. Dann atmete er tief ein und gab den Befehl für den Sprung. Nervös drehte er mental die Glücksmünze in seiner Brusttasche unter dem Anzug, dann wurde alles Weiß.

Als sich seine Augen wieder normalisiert hatten, blickte er auf sein Display. Keine Kontakte auf den Sensoren. Er warf einen Blick zu Skeeter, der nur auf seinen Befehl zu warten schien. Nach einem kurzen Nicken ließ der Techniker seine Finger über die Konsole vor ihm schnellen und gleichzeitig schossen zwei Drohnen aus dem oberen Hangar des Schiffs, die sich rasch von ihnen entfernten. Ihre Signaturen wiesen sie als zwei Gladius Jäger aus, die scheinbar das Gebiet erkunden sollten. Wenig später aktivierte Flores einmalig das Triebwerk der „Pegasus“ und gab einen gewaltigen Schub, bevor sie alle Systeme abschaltete und alle Lichter und Konsolen bis auf die in ihren Raumanzügen erloschen. Tanner meinte, kurz vor dem Abschalten der verbesserten Langstreckensensoren noch einen roten Punkt für einen Feindkontakt gesehen zu haben, konnte sich dessen jedoch nicht sicher sein. Die einzigen Daten, die sie nun noch erhielten, stammten von einer kleinen, sich selbstversorgenden Sonde, die sie außerhalb des Schiffes angebracht hatten und die sie nun mit rudimentären Daten über ihre Position versorgte.

Unbehelligt trieb die Carrack mit relativer Geschwindigkeit durch das All, bis sie die Ausläufer des Trümmerfeldes erreichte. Flores nutzte geschickt die Steuerdüsen, um den sich nähernden Wracks auszuweichen. Hin und wieder schlugen dennoch kleinere Trümmer auf die ungeschützte Schutzhülle, richteten jedoch keinen Schaden an. Trotzdem ließ jeder lautstarke Einschlag die Crew zusammenzucken.

Eine Woche später hatten sie den ersten Punkt erreicht, an dem sie das Triebwerk wieder hochfahren und aktivieren mussten. Eine beklemmende Stille machte sich breit, während alle darauf warteten, ob man sie entdecken würde oder nicht. Schließlich fuhr Flores den Antrieb wieder herunter und ließ sich ächzend in ihren Sessel sinken, soweit der Raumanzug diese Bewegung zuließ. Tanner versuchte sich erfolglos den Arm zu kratzen. Sein Bart war deutlich gewachsen und er fühlte sich bereits jetzt wie ein Höhlenmensch.

Zwei Wochen später starrte die gesamte Besatzung gespannt auf die Monitore, als der nächste Einsatz des Triebwerks anstand. Die Stimmung war mittlerweile stark angespannt. Das Nichtstun und insbesondere das permanente Tragen der Raumanzüge zerrten an den Nerven – hatten sie die meiste Zeit anfangs noch miteinander gesprochen, wurde nun größtenteils geschwiegen. Gerade als Flores die Hand zum Starten der Maschinen erhob, unterbrach Shen sie lautstark:

„Nicht!“

Flores verzog verärgert das Gesicht, folgte dann jedoch dem Arm des Asiaten, der durch die massive Sichtscheibe nach außen deutete. Dort trieben sie gerade an einem weiteren riesigen Wrack vorbei… nur dass es sich offenbar nicht um ein Wrack handelte! Schwache Lichter glänzten matt am Rumpf, während sie auf einer nahezu parallelen Flugbahn daran vorbeizogen. Ein kurzer Stoß aus ihren Manövrierdüsen brachte sie bei gleich bleibendem Kurs in eine andere Lage und ermöglichte ihnen einen Blick auf die gesamte Struktur, die sich als ein Vanduul-Zerstörer herausstellte. Langsam zog das riesige Gebilde an ihnen vorbei, bis es nach einer gefühlten Ewigkeit wieder in der Dunkelheit des Raumes verschwand. Erst langsam senkte sich die Anspannung auf der Brücke wieder auf ein normales Maß, während die Crew mithilfe von Data-Pads fieberhaft einen neuen Kurs berechnete, der sie wieder in Richtung Tiber II bringen würde. Insgeheim war Tanner froh über diesen Zwischenfall, da er die Crew aus der Lethargie der letzten Tage riss und ihr etwas zu tun gab. Trotzdem hätte es auch nicht gleich ein Zerstörer sein müssen. Zwei Stunden später waren sie bereit für einen neuen Versuch und nach kurzem Zögern aktivierte Flores das Triebwerk, bevor sie die Systeme wieder abschalteten. Dann versanken sie wieder in Dunkelheit.

Die nächsten zwei Schübe verliefen ereignislos und mit Hilfe der Sonde hatten sie zumindest ein rudimentäres Bild des Trümmerfeldes erstellen können, was ihnen quasi die Möglichkeit gab, auf demselben Weg wieder zurückzukehren. Dann, sechs Wochen nach ihrem Sprung, kam endlich der Moment, in dem sie das Trümmerfeld verließen und nach einigen weiteren endlos erscheinenden Stunden in die Anziehungskraft des Planeten gerieten. Hektische Betriebsamkeit brach aus, als sich alle auf ihre Aufgaben beim Eintritt in die quasi nicht vorhandene Atmosphäre vorbereiteten. Tanner blickte auf den Planeten unter ihnen. Tiber II war nie eine Schönheit gewesen aber die konzentrierte Bombardierung der Oberfläche durch UEE Antimateriebomben hatte ebenso ihre Spuren hinterlassen wie die zahllosen abgestürzten Raumschiffe beider Seiten auf der Oberfläche. Nicht umsonst hatte dieser Planet den Beinamen „Tomb“, der Friedhof, erhalten.

Während sie tiefer und tiefer gingen sahen sie neben den die Landschaft prägenden Stahlgerippen abgestürzter Schiffe auch die in die Luft aufragenden, verkohlten Trümmer von ehemaligen Vanduul-Behausungen, deren Reste die Zeit halb bedeckt von dunklem Sand überdauert hatten. Dann war es endlich soweit, wieder die Kontrolle über das Schiff zu übernehmen. Lichter, Konsolen und Bildschirme erhellten die Brücke, als die Maschinen wieder zum Leben erwachten. Gleichzeitig programmierte Flores einen Kurs zu ihrem Ziel: Die ehemalige UEE-Landezone „Outpost 7“.

Je näher sie kamen desto ehrfürchtiger betrachtete Tanner die Szenerie aus dem Cockpit. Obwohl er es gehofft hatte, war er sich nie wirklich sicher gewesen, dass sie es so weit schaffen würden. Bald würden sie wissen, was dort unten auf sie warten würde. Er schluckte, während das Adrenalin durch seinen Körper jagte und bemühte sich, ruhig in seinem Sessel zu verharren. Gleichzeitig raste die „Pegasus“ ein paar Hundert Meter über dem Boden ihrem Ziel entgegen.. Ein gelbes Warnsignal im Innern seines Helms signalisierte ihm, dass sich seine Atmung beschleunigt hatte. Seufzend versuchte er, sich etwas zu beruhigen.

Dann war es soweit. Sie hatten das Zielgebiet erreicht und die Carrack kam schwebend in der Luft zum Stehen. Unter ihnen zog sich zerklüftetes Gelände bis zum Horizont und auch hier war der Boden von den Wracks ehemaliger Vanduul und UEE Kriegsschiffe gesäumt, die sich am Ende ihres Absturzes tief in den Boden gegraben hatten. Nahe der Mitte des Gebietes, welches das imperiale Oberkommando als „Outpost 7“ klassifiziert hatte, befand sich ein relativ freies Gelände, dessen Oberfläche größtenteils aus Sand und Staub zu bestehen schien. Die einzige Struktur darauf bestand aus einem überschaubaren Komplex mit stählernen Außenwänden, die durch eine Reihe von schweren Spezialträgern gestützt wurden – eine Standard-Verteidigungsfestung der UEE. Speziell entwickelt als Brückenkopf und Schutz für die Infanterie konnten diese Einrichtungen nahezu auf jedem Gelände abgeworfen und eingesetzt werden. Dabei benötigte die vorinstallierte Anlage nur ein Minimum an manueller Konfiguration, ehe sie den Aufbau nahezu selbstständig durchführte und anschließend bemannt werden konnte.

Während ihr Schiff etwas näher flog und dann seine Position etwa 100 Meter entfernt beibehielt, nahm die Crew auf ihren Bildschirmen die ehemalige Basis der Marines in Augenschein. Der Boden um die Festung war übersäht von den Körpern zahlreicher Gefallener, sowohl Menschen als auch Vanduul. Sandablagerungen hatten sich teilweise über sie gelegt und Brandrückstände säumten die Umgebung – nachhaltige Beweise für schweres Waffenfeuer. Die an vielen Stellen geschwärzten Wände der Mauer zeugten ebenfalls von intensiven Kampfhandlungen. Offenbar hatten die Marines das große Haupttor bis zuletzt halten können, da es nach wie vor fest verschlossen war, doch hatten einige Salven tiefe Furchen und Löcher in den Wall links davon geschlagen. Auf diese Weise war der Feind in der Lage gewesen, ins Innere vorzustoßen. Tanners Blick wanderte unbehaglich wieder zu den Leichen und er wünschte sich einmal mehr, dass er sich innerhalb des schweren Anzugs die Schweißtropfen von der Stirn wischen könnte. Dann schaltete er seinen Monitor auf die Sensoren und wechselte zwischen verschiedenen Modi. Er entdeckte keinen Hinweis darauf, dass die Vanduul in der Nähe waren oder sich in jüngster Zeit hier umgesehen hatten. Wenn es sich dennoch um eine Falle handeln sollte, konnte er sie nicht entdecken. Nach einem kurzen Zögern befahl er schließlich die Landung.

Staub wirbelte auf, als sich die Carrack nahe der Station in Richtung Boden senkte und kurz darauf aufsetzte. Wenig später öffnete sich die untere Luke und ein Rover mit drei Personen verließ langsam das Schiff, bevor er Geschwindigkeit aufnahm und wenig später an der Stelle zum Stehen kam, an der die Vanduul den äußeren Verteidigungsring durchbrochen hatten. Skeeter und Shen waren an Bord geblieben, um die Sensoren zu überwachen und die saubere Übertragung ihrer auf den Schultern befestigten Kameras zu gewährleisten. Schließlich waren diese Bilder die ersten, die jemals von diesem Ereignis gemacht worden waren.

Nahezu gleichzeitig verließen Flores, Ron und Tanner das Gefährt und traten in den staubigen Boden. Letzterer kniete sich neben einen von fünf Körpern, die zu ihrer Linken lagen. Als er den Staub von der Sichtscheibe des Lance Corporals wischte, wünschte er sich unmittelbar, es nicht getan zu haben. Er blickte direkt in die starren, toten Augen eines Jungen, der vielleicht gerade einmal etwas über zwanzig Jahre alt gewesen sein mochte. Ein Treffer hatte offenbar an einer Stelle seinen Anzug durchschlagen, so dass die Luft nach seinem unmittelbaren Tod entwichen war und seinen Körper konserviert hatte. Die drei Bergungsspezialisten sahen sich unbehaglich an, dann erhob sich ihr Anführer wieder und blickte in Richtung der unnatürlichen Öffnung. Der Stahl war zu beiden Seiten geschmolzen und gab den Weg ins Innere frei. Nacheinander kletterte das Außenteam der „Pegasus“ durch die Passage in den Hof dahinter. Dort angekommen stellten sie schnell fest, dass zwischen der Mauer und den kuppelartigen Gebäudestrukturen offenbar die heftigsten Kämpfe stattgefunden hatten. Dutzende Vanduul und Menschen lagen eng ineinander verkeilt und hatten sich am Schluss bis aufs Äußerste Mann gegen Mann bekämpft.

Das Zentrum der Kämpfe hatte ein kreisförmiger Ring von Körpern gefallener Marines gebildet, in deren Mitte sich ein von zahlreichen Treffern übersäter Körper befand, dessen Insignien ihn als Colonel auszeichneten. Dabei handelte es sich offenbar um den ranghöchsten Offizier. Tanner schauderte bei dem Anblick der vielen Leichen und blickte zu Ron und Flores, die etwas abseits standen. Die Navigatorin hatte sich abgewendet und atmete hörbar schwer über das Intercom. Der Captain der „Pegasus“ konnte es ihr nicht verdenken. Viele der Leichen wiesen schwerste Verletzungen auf und waren kein schöner Anblick. Schließlich wendete er sich ab und versuchte, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Die Vanduul hatten sich nicht einmal die Mühe gemacht, ihre eigenen Toten zu bergen. Wenn sie also das Artefakt nicht doch noch weggeschafft hatten, musste es sich hier noch irgendwo hier befinden – vermutlich in einem der kuppelartigen Gebäude.

Um Zeit zu sparen, teilten sie sich schließlich auf: Drei Gebäude für drei Personen. Im Inneren der Strukturen gab es überraschenderweise keine Schäden und man konnte fast vergessen, dass nur wenige Meter außerhalb ein erbarmungsloser Kampf stattgefunden hatte. Tanner dachte darüber nach. Die Vanduul hatten sich in der Vergangenheit nie für die militärische Hardware ihrer Gegner interessiert und imperiale Marines waren nicht dafür bekannt, sich zu verkriechen. Unter dem Gesichtspunkt machten ihre Erkenntnisse Sinn. Es hatte für die Vanduul schlicht und einfach keine Notwendigkeit bestanden, den Außenposten zu durchsuchen oder zu plündern. Ein Umstand, der ihnen möglicherweise nun zu Gute kam. Wie als eine Antwort knackte plötzlich das Interkom, während er zwischen Tischen durch einen Raum schritt, der wohl einmal die Messe gewesen war.

„Captain, hier Flores. Ich habe etwas gefunden!“

Die Aufregung war ihr deutlich anzumerken und auch Tanner spürte, wie das Adrenalin seine Adern durchflutete. Eilig rannte er zurück zum Eingang, als Ron ebenfalls gerade ins Freie stürmte. Seine Sichtscheibe war durch die unerwartete Anstrengung leicht beschlagen, dennoch waren sein nunmehr bärtiges Gesicht und seine geröteten Augen deutlich zu erkennen. Nach einem kurzen Blick setzten die beiden Männer keuchend ihren Weg in das größte Gebäude fort, in dem sich neben Mannschaftsquartieren das Versorgungsdepot befinden musste. Die Zeit in der Druckausgleichsschleuse schien eine Ewigkeit zu dauern. Als endlich das grüne Licht aufleuchtete, rannten sie einen länglichen Gang entlang, an dessen Ende sie einen flackernden Lichtkegel erkennen konnten. Dort angekommen blickten sie sich um. Der Raum war an seinen Wänden mit zahlreichen Regalen gefüllt, doch in seinem ansonsten freien Zentrum befand sich ein längliches Konstrukt, das den Raum vollständig dominierte und größtenteils von einer Plane überzogen war. Daneben befand sich eine Ansammlung von Geräten, die mit dem Artefakt verbunden zu sein schienen. Alle Displays waren jedoch erloschen und mit Staub überzogen. Nach einem kurzen Blick zog das Außenteam gemeinsam mit einem Ruck die verstaubte Plane herunter und ließ dann das Licht der Lampen über die Oberfläche einer nun sichtbaren länglichen Röhre gleiten, die in eine metallische Struktur eingebettet war. Zahlreiche Gebrauchsspuren und der Zustand der Hülle ließen darauf schließen, dass es sich um ein sehr altes Objekt handelte. Die gläserne Röhre war von außen mit Staub bedeckt und verhinderte so einen direkten Blick ins Innere. Mirabel runzelte die Stirn, während er irritiert seine Hand über das Metall gleiten ließ.

Auf den ersten Blick schien es sich um eine banale Kälteschlafeinheit zu handeln… diese waren bereits seit Hunderten von Jahren nicht mehr in Benutzung, besaßen heutzutage aber kaum mehr als einen symbolischen Wert. Er spürte eine Welle der Enttäuschung. War das wirklich das Artefakt, über das die Marines berichtet hatten und weswegen sie selbst zwei Mal ihr Leben riskiert hatten? Die anderen beiden Mitglieder des Außenteams blickten ihn ebenso verwirrt an. Er schüttelte den Kopf und wischte ebenso seine Zweifel hinfort. Das ergab keinen Sinn. Es musste mehr hinter der Sache stecken. Vorsichtig begannen sie, die Sichtscheibe der Röhre von dem Staub und Dreck zu befreien, bis sie mit ihren Lampen einen Blick ins Innere werfen konnten.

Tanner

RP Charakter Tanner SC

  • »Tanner« ist der Autor dieses Themas

Titel: ***

  • Nachricht senden

2

05.01.2015, 16:55

Aus irgendeinem Grund hatten weder der Captain noch der Rest seines Teams damit gerechnet, dass sich in der Einheit eine weitere Leiche befinden würde. Immerhin handelte es sich um eine Technik, die schon seit Hunderten von Jahren nicht mehr verwendet wurde. Das spiegelte sich auch deutlich an den teils mumifizierten Überresten wieder, bei der es sich scheinbar um eine Frau gehandelt haben musste. Woran sie gestorben war, ließ sich auf den ersten Blick nicht feststellen. Mirabel fragte sich instinktiv, wie dieses Relikt hierher gelangt sein konnte. Kein Schiff aus dieser Zeit hätte es mit der damaligen Antriebstechnik bis nach Tiber schaffen können. Viel wichtiger als die Frage, woher das Artefakt kam, war jedoch die Frage, was es darstellte. Was konnte so wichtig sein an einer alten Stasiskapsel, deren Passagier vermutlich schon vor Jahrhunderten das Zeitliche gesegnet hatte? Vielleicht würden die Geräte um die Einheit herum ihnen einen Hinweis geben. Vorsichtig entfernte er auch hier den Staub, der die Displays der Instrumente bedeckte. Schließlich aktivierte er mit einem festen Druck den Generator, mit dem das Equipment verbunden war. Er hatte kaum zu hoffen gewagt, dass dieser noch über Energie verfügte doch wie sich herausstellte, war er noch schwach geladen. Offenbar war er in der Vergangenheit nur wenig benutzt worden.

Überall im Raum erwachten Bildschirme und Konsolen zum Leben, der Größte Teil immer noch mit Staub bedeckt. Neugierig studierten sie die Anzeigen. Während Ron die äußere Hülle der Kälteschlafeinheit nach Hinweisen absuchte und Flores einen Weg suchte, die Einheit mit Strom zu versorgen, suchte er selbst nach einem Hinweis, den die Marines hinterlassen haben könnten. Schließlich fand er eine Art Logbuch, in dem es mehrere Einträge gab. Daraus ging hervor, dass die Truppen kurz nach ihrer Landung ein schwaches Notsignal unmittelbar nahe ihrer Landezone aufgefangen und untersucht hatten. Es hatte sich um ein kleines Schiff gehandelt, einen Explorer. Offenbar hatte dieser die Kälteschlafkapsel zuvor in einem der Asteroidenfelder im Stanton-System entdeckt und an Bord genommen, um sie später ebenso wie einige andere unbedeutende Funde zu verkaufen. Vorher wollten sie jedoch noch im Auftrag des Imperiums eine Vermessung des Tiber-Systems vornehmen. Tanner hielt die Aufnahme kurz an. Das musste in der Zeit vor der Besetzung Tibers durch die Vanduul gewesen sein. Schließlich aktivierte er den Bericht erneut.

Während der Reise war es einem der Crewmitglieder gelungen, die Kapsel wieder mit Energie zu versorgen und zu öffnen. In ihrem Innern hatten sie neben der Leiche ein Abspielgerät mit einer Nachricht gefunden, dessen Inhalt sie in helle Aufregung versetzt hatte. Leider war die Besatzung kurz danach bei dem Absturz auf Tiber II ums Leben gekommen, so dass sie ihre Erkenntnisse niemals hatten weitergeben können. Bei dem Signal, dass die Marines aufgefangen hatten, handelte es sich um ein Standard-Notsystem, dass aufgrund der mittlerweile recht geringen Energieleistung des Schiffes bereits sehr schwach geworden war. Da sie selbst kein Signal aufgefangen hatten, vermutete Tanner, dass es mittlerweile seinen Geist aufgegeben hatte oder die Soldaten es abgeschaltet hatten. Das Schiff unter all den Wracks für weitere Nachforschungen zu finden, war damit aussichtslos.

Rastlos kehrten seine Gedanken wieder zu der Kapsel zurück. Was für ein Geheimnis konnte eine uralte Kapsel wie diese überhaupt beherbergen? Er konnte sich darauf keinen Reim machen – noch nicht. In diesem Moment stieß Ron einen ungläubigen Pfiff aus.

„Was zum Teufel… das kann nicht sein…“

Tanner verließ seine aktuelle Position und hechtete um die Struktur, wo der Eva-Spezialist neben einer nun freigelegten Sektion der Kälteschlafkammer kniete. Auch Flores hatte ihre Arbeit unterbrochen, um sich selbst ein Bild zu machen. Alle blickten gebannt auf das, was Ron dort entdeckt hatte: Zwischen einigen nicht mehr erkennbaren Schriftzeichen waren deutlich und groß die Worte „Artemis KE 891“ zu lesen.

„Unmöglich…“

Dem Captain der „Pegasus“ klappte der Mund auf, während sich seine Augen ungläubig weiteten. Die sagenumworbene Artemis! Aber das war unmöglich. Selbst wenn die Kapsel ursprünglich aus dem Stanton-System stammte – das lag deutlich außerhalb der Reichweite des Kolonieschiffes, selbst außerhalb der Möglichkeiten vieler folgender Schiffstypen. Und trotzdem… vor ihnen lag möglicherweise das erste Stück eines Puzzles, dass die Menschheit seit dem Verschwinden des Schiffes beschäftigte.

Instinktiv hob Tanner seine rechte Hand, um sich damit durch die Haare zu fahren, scheiterte jedoch am Helm des Raumanzuges, den nach wie vor alle trugen. Verärgert ließ er seine Hand wieder sinken, während sein Verstand auf Hochtouren lief. Selbst wenn es sich bei dem Relikt tatsächlich um eine Kälteschlafeinheit der Artemis handeln sollte… irgendetwas stimmte hier nicht. Dann dämmerte es ihm mit einem Mal: Ein solcher Fund mochte bedeutend sein, immerhin handelte es sich um das erste Fundstück, dass je von der Artemis entdeckt worden war. Es erklärte jedoch nicht, warum ein Colonel der Marines bereit gewesen war, sowohl seine Männer als auch sich selbst für diesen Fund zu opfern. Irgendwie bezweifelte der Captain der Pegasus, dass es sich bei dem Colonel um einen begeisterten Hobby-Archäologen gehandelt hatte, für den das Auffinden des Artefakts Grund genug gewesen war. Er blickte in Richtung der Geräte. Irgendwo hier gab es die Antwort auf diese Frage. Sie mussten sie nur finden. Mit diesem Gedanken weihte er die anderen in seine Überlegungen ein und kurz darauf widmete sich jeder wieder seiner Aufgabe.

Wenig später stieß Tanner in einem der Logbücher auf eine Aufzeichnung des kommandierenden Offiziers, die in direktem Zusammenhang mit dem Artefakt stand. Offenbar hatte die Crew des Explorers etwas im Innern der Kapsel gefunden – einen Gegenstand mit einer Aufzeichnung, den sie nicht aus der Einheit entfernten, bevor sie abstürzten und die Energie wieder unterbrochen wurde. Hinweise verwiesen auf eine Art Logbuch, dass sich im Innern der Kapsel befand und in dem von einem gewaltigen Schatz die Rede war, der unter allen Umständen für immer bewahrt werden müsse.

Den Ausführungen des Colonels nach schloss dieser aus der Überlieferung und dem Umstand, dass es sich bei der toten Frau im Innern der Kapsel um eine Ingenieurin gehandelt hatte, dass die Artemis auf bisher unerklärliche Weise in den Besitz von Technologien gekommen war, die selbst nach heutigen Maßstäben noch unglaublich sein mussten. Seiner Meinung nach bestand die wahrscheinlichste These in der Entdeckung einer hochentwickelten Antriebstechnik, die es selbst einem veralteten Schiff wie der Artemis erlaubt hatte, unabhängig von Sprungtoren unglaubliche Entfernungen zurückzulegen. Das würde auch das Auftauchen der Kälteschlafeinheit der Artemis im Shanton-System erklären. Ferner sah der Befehlshaber der Marines in der Sicherstellung einer solchen Technologie einen entscheidenden Wendepunkt im Kampf gegen die Vanduul.

Tanner dachte nach. Die Ausführungen des Colonels schienen ihm etwas vage, doch nicht völlig aus der Luft gegriffen. Letzten Endes war die Artemis völlig unerwartet verschwunden und zumindest ein Teil von ihr war in einem System aufgetaucht, dass völlig außerhalb ihrer Reichweite lag. Sicher, vielleicht war auch die Kapsel von jemand anderem im Shanton-System platziert worden, doch der Archäologe in ihm bezweifelte das irgendwie. Es fehlte das Motiv – und handfeste Informationen zum Verbleib des Kolonieschiffes wären zu jeder Zeit eine Menge Credits wert gewesen. Nachdenklich widmete er sich wieder seinen Nachforschungen, ohne jedoch etwas zu finden, dass Licht in dieses Mysterium bringen konnte. Auch Flores gab irgendwann deutlich entnervt auf. Die Energie der vorhandenen Systeme war einfach zu sehr erschöpft, um die Kapsel einmal mehr zum Leben zu bringen. Schließlich kopierten sie alle gefundenen Daten in ihre Anzüge und kehrten mit einigen Grav-Einheiten des Rovers zurück, um die Kälteschlafeinheit selbst zu bergen. Das war leichter gesagt als getan, doch letzten Endes waren sie erfolgreich und befanden sich auf dem Rückweg zur „Pegasus“. Noch bevor sie die Rampe erreicht hatten, meldete sich Shen über das Interkom.

„Captain, ich habe mich hier in unserer Nähe mal umgesehen. Genau betrachtet befinden wir uns hier mitten auf einem Schiffsfriedhof voller militärischer Hardware. Sollten wir uns hier nicht noch ein wenig umsehen und uns nehmen, was wir finden können? Ich bin sicher die UEE würde eine Menge zahlen, um ihre Hände auf einige Waffen und Datenbanken der Vanduul legen zu können…“

Tanner blickte beiläufig zu Ron, der neben ihm den Rover fuhr. Die Idee war nicht zu abwegig. Die Vanduul hatten sie nicht bemerkt und sie hatten noch einigen Platz in ihren Frachträumen. Sicher konnte es nicht schaden, sich zumindest ein wenig umzusehen, wo sie nun schon einmal hier waren. Bevor er jedoch etwas erwidern konnte, schaltete sich Skeeter sichtbar nervös in die Konversation ein.

„Captain, ich fange ein Signal auf, dass sich langsam aber sicher nähert .Ich schicke ihnen die Koordinaten.“

Tanner versteifte sich bei dieser Mitteilung.

„Vanduul?“

Skeeter zögerte, bevor er antwortete und auch dann wirkte er unsicher.

„Keine Ahnung, es ist einfach ein Kontakt. Ich habe sowas noch nicht gesehen, aber es muss groß sein.“

Gleichzeitig erhellte sich eine Anzeige mit den Koordinaten auf dem Display vor Mirabels Augen. Er blickte in die entsprechende Richtung und befahl seinem Anzug, den entsprechenden Ausschnitt zu vergrößern. Das, was er sah, ließ sein Blut gefrieren: Eine riesige Maschine schwebte knapp über den mit Wracks übersäten Boden und wirbelte dabei eine beträchtliche Menge an Sand und Staub auf. Das Konstrukt hatte gigantische Ausmaße, wirkte seltsam verformt und war offenbar dabei, Teile der Oberfläche ins Innere zu saugen. Nein, korrigierte der Boreaner seine eigene Beobachtung: Nicht Teile der Oberfläche, sondern ganze Raumschiffe. Er stockte, während er sich innerlich bewusst wurde, welche Energien für einen solchen Vorgang nötig sein mussten. Gleichzeitig fühlte er seine trockene Kehle und schluckte. Er hatte von diesen Ungetümen gehört. Es musste sich um einen Harvester handeln. Maschinen, die sich von Wracks und sonstigen Konstruktionen ernährten, über eine nahezu unzerstörbare Panzerung verfügten und sich bei einer bestimmten Menge am Ressourcen selbst vervielfältigten. Ein einzelner Harvester konnte, losgelassen auf eine besiedelte und schutzlose Welt, jegliches Leben vernichten.

Bisher schien der Harvester ihre Präsenz noch nicht geortet zu haben doch der Captain der „Pegasus“ hatte nicht die geringste Absicht, sein Glück heraus zu fordern. Sobald sie mit ihrem Rover die Rampe erreichten, wurde diese bereits eingefahren. Keine zehn Minuten später saßen alle in ihren Sitzen auf der Brücke, während die Carrack langsam abhob und dicht über dem Boden davonraste, bevor sie weit außer Reichweite des Harvesters ihren Kurs änderte und ins All vorstieß. Ein gewaltiger Schub brachte sie einmal mehr in Reichweite des Trümmerfeldes, an dessen Grenze sie wie geplant eine weitere Drohne mit der Signatur ihres Schiffes abschossen und zeitgleich sämtliche Systeme erneut abschalteten. Noch während sich Tanner entkräftet in seinen Sitz fallen ließ, brandeten plötzlich rote Alarmsignale auf dem HUD seines Anzugs auf. Offenbar hatte eine Scythe, die sich bisher in den Ausläufern des Trümmerfeldes versteckt hatte, das Signal der Sonde aufgefangen und befand sich nun auf einem direkten Abfangkurs. Dabei schien sie die dunkle Silhouette der „Pegasus“, die sich direkt auf einem Kollisionskurs vor ihr befand, nicht zu bemerken. Eine gewaltige Erschütterung erfasste die Carrack, als die Scythe ungebremst in eine der seitlichen Ausläufer krachte und dort auseinander gerissen wurde. Die Explosion erhellte kurzzeitig das All, während die Reste in alle Richtungen davongetragen wurden. Gleichzeitig sprang die Crew des Explorers auf.

Auch wenn aufgrund der abgeschalteten Systeme keine Warnmeldungen erklangen war doch jedem klar, dass der Rumpf und die darin integrierten Systeme durch die Gewalt des Aufpralls schwer beschädigt worden sein mussten. Gleichzeitig war jedoch auch jedem klar, dass sie vorerst so gut wie keine Möglichkeit hatten, daran etwas zu ändern. Ein Öffnen der Brückenschotts könnte sie im schlechtesten Fall alle ins All reißen, bevor jemand in der Lage gewesen wäre, etwas dagegen zu unternehmen. Der einzige positive Aspekt an der Kollision war der, dass keine kritischen Systeme betroffen sein konnten. Nachdem es Flores schließlich gelungen war, das Schiff mit den Steuerdüsen wieder so zu stabilisieren, das sie auf Kurs waren, lehnten sich alle in ihren Sitzen zurück. Die Untersuchung des Artefakts würde wohl vorerst warten müssen. Mit diesem deprimierenden Gedanken bereitete sich die Crew der „Pegasus“ auf weitere sechs lange Wochen vor, in denen die zahlreichen Spekulationen über das Artefakt und seine Bedeutung jedoch dazu beitrugen, die Crew dauerhaft abzulenken. Lediglich der Umstand, dass Artefakt erst nach ihrer Rückkehr näher untersuchen zu können, schmälerte die allgemeine Stimmung etwas.

Schließlich erreichten sie nach dem Ende des Trümmerfeldes den freien Raum, der ebenso verlassen war wie der Sprungpunkt, den sie einige Tage später erreichten. Als die Brücke von einem Moment auf den anderen wieder in grelles Licht gebadet wurde und sämtliche Systeme zum Leben erwachten, kam Tanner nicht umher, ein Stoßgebet gen Himmel zu senden. Auch wenn er sich nie einer höheren Macht verpflichtet gefühlt hatte, konnte es sicher nicht schaden, ihrem Schutzengel zu danken – wo auch immer er sich befinden mochte. Dann verzerrte sich die Struktur der „Pegasus“ zum Sprung und das Schiff ließ den Schiffsfriedhof und die beiden toten Planeten Tiber I und Tiber II hinter sich.

Im Garron-System angekommen riss Tanner sich als erstes den Helm seines Anzugs vom Kopf und ließ ihn aus seinen Fingern lautstark aufs Deck fallen. Die übrigen Besatzungsmitglieder taten es ihm gleich und Laute der Befreiung erfüllten die Brücke, als die Crew die kalte, jedoch frische Atemluft einsog. Eine erste Analyse zeigte, dass auch das Schiff die Reise und den Zusammenstoß mit der Scythe gut überstanden hatte. Zwar gab es mehrere Stellen, an denen der Rumpf durchschlagen worden war, doch ließen sich diese ohne größere Probleme bis zum Aufsuchen eines Docks versiegeln. Dann, nach einem kurzen Moment der Ungläubigkeit, hieb Shen mit einer Hand auf einen freien Platz neben seiner Konsole.

„Wir haben es geschafft!“

Mit diesen Worten brandete Jubel durch die Brücke der „Pegasus“. Malzeiten wurden ausgebreitet und miteinander angestoßen. Schließlich erhob sich Flores und griff ihren Lebensgefährten mit einem Ruck am Kragen.

„Zeit für eine Dusche und fürs Bett, Raumfahrer. Ich habe einige animalische Triebe angestaut, denen wir auf den Grund gehen müssen.“

Unter lautem Gelächter erhob sich Ron und verließ ebenfalls die Runde, während die Carrack sich mit Hilfe des Autopiloten auf den Weg zur nächstgelegenen Basis machte. Tanner schmunzelte, während er einmal mehr bedauerte, selbst nie Zeit für eine Beziehung gefunden zu haben. Dann wanderten seine Gedanken jedoch wieder zu ihrem Fund, bevor er sich kurze Zeit später ebenfalls auf den Weg in seine Kabine machte, um ausgiebig zu duschen und sich wieder in ein menschliches Wesen zu verwandeln.

Zwei Tage später war es ihnen schließlich gelungen, die Kälteschlafeinheit wieder mit Energie zu versorgen und das mysteriöse Tagebuch zu bergen. Viel war nicht mehr auszulesen gewesen, der Zahn der Zeit hatte einen großen Teil der Nachrichten scheinbar unwiederbringlich zerstört. Andererseits standen ihnen auf der „Pegasus“ nur begrenzte Ressourcen zur Verfügung und vielleicht hatten andere Spezialisten ja mehr Glück. Dennoch handelte es sich auch so bei dem Logbuch um ein einzigartiges Artefakt, das Tanner voller Ehrfurcht einmal mehr durch seine Hände gleiten ließ, bevor er die Aufzeichnung zum wiederholten Male startete. Das meiste davon war belanglos, bestätigte jedoch die Identität seiner Besitzerin als Ingenieurin der Artemis. Mirabel sprang innerhalb der Aufzeichnung vorwärts, bis er zum interessanten Teil kam:

“... üssen diesen größten Schatz des Universums für immer bewahren… nd Danvers trägt ihn für immer n ihrem Herzen.

So oft er die Aufzeichnung auf abhörte, er konnte sich keinen Reim darauf machen. Die Marines waren überzeugt davon gewesen, dass es sich um eine Kriegsentscheidende Technologie handelte. Aus Erfahrung wusste er jedoch, dass mysteriöse Hinweise wie dieser nur selten das offenbarten, was man erwartete. So oder so war sein Interesse geweckt und sie hatten zu viel investiert, um jetzt einfach aufzugeben und wieder ihrem Tageswerk nachzugehen. Nein. Sie hatten etwas gefunden, was noch kein Mensch vor ihnen gefunden hatte – einen Hinweis auf eins der größten Mysterien der Menschheit, die Artemis. Und wer wusste schon, welche Geheimnisse das alte Kolonieschiff noch bewahrte?

Mirabel drehte die Kopie des Lochbuchs in seiner Hand. Brody hatte sich förmlich überschlagen, als er von den Neuigkeiten erfahren hatte. Artemis-Artefakte gab es nicht gerade viele, und seit weit über 200 Jahren war kein einziges Neues mehr aufgetaucht. Brody hatte umgehend die nächste Constellation bestiegen und sogar mehrere Sprünge auf sich genommen, um ihnen entgegen kommen und sich bereits vorab persönlich ein Bild machen zu können. Als er schließlich das erste Mal seine Hand auf die metallische Abschirmung gelegt hatte, war er Tanner wie ein kleiner Junge an seinem Geburtstag vorgekommen. Der Captain der „Pegasus“ konnte es ihm nicht verdenken, ihm selbst war es ähnlich ergangen. Das Mysterium um den ursprünglichen Fundort der Kälteschlafeinheit im Stanton-System und die waghalsige Rettung hatten der Bergungscrew alles andere als geschadet. Der gebürtige Terraner mit dem stets weißen Anzug und seinem Hut hatte ihnen ohne langes Gerede einen mehr als fairen und für den imperialen Kulturausschuss ungewöhnlich hohen Preis gemacht. Die Mittel für eine tiefergehende Suche waren damit vorhanden.

Allerdings war dem Captain der „Pegasus“ bewusst, dass eine solche Unternehmung nicht allein zu bewerkstelligen war. Sie würden eine Infrastruktur und eine Menge Leute brauchen, Spezialisten auf ihren jeweiligen Gebieten. Außerdem hatten Shen und Skeeter durchblicken lassen, dass sie sich möglicherweise eher mit dem Profit von der Kälteschlafeinheit zufrieden geben und zur Ruhe setzen würden anstatt der unsicheren Suche nach der Artemis nachzujagen. Das bedeutete, er würde adäquaten Ersatz auftreiben müssen. Er fuhr sich nachdenklich mit der Hand über die Schläfe. Und sie benötigten weitere Informationen, am besten aus erster Hand. Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, als ihm der Gedanke an eine noch ausstehende Schuld kam. Er aktivierte sein Terminal und fütterte einen Trawler mit einigen Informationen. Dann lehnte er sich zurück und griff nach einer Nahrungsration, die er mit einem Schluck Wasser herunterspülte. Wenig später signalisierte ihm ein leises Piepsen, dass sein Suchprogramm ein Update bereithielt. Er überflog die Daten, dann aktivierte er das Interkom an seinem Schreibtisch.

„Flores, neuer Kurs. Wir fliegen zur Erde.“

Dann beendete er die Verbindung und lehnte sich zufrieden lächelnd in seinem Sessel zurück. Gleichzeitig betrachtete er erneut den Eintrag auf seinem Bildschirm. Dieser lautete:

Carol Danvers, Lieutenant Comander a.D., derzeitiger Aufenthaltsort: Boston, Erde.

Dann schloss er müde seine Augen und flüsterte geistesabwesend:

„Wir sehen uns zum Essen, Lt.Commander…“

Kara

Stellv. Gildenleitung

Titel: RP-Queen

  • Nachricht senden

3

06.01.2015, 09:35

2945 - Erde, Boston

“Steve, das gefällt mir nicht! Lass uns hier abhauen.”

Carol starrte durch das Glas ihres Cockpits angestrengt in den leeren Raum.

“Ach Quatsch, Schwesterchen, hier ist nichts, sämtliche Anzeigen sind auf null. Wir warten hier bis zur angegebenen Zeit. Vielleicht taucht der Frachter noch auf.”

Die junge Frau biss sich nervös auf die Unterlippe. Der zweite Wingman ihres Bruders meldete sich per Funk.

“Ich weiß auch nicht, Steve. Das riecht für mich nach einem Hinterhalt.”

Ihr Bruder stöhnte laut durch den Kommunikationskanal.

“Mike, nur weil du meine Schwester vögelst heißt das noch lange nicht, dass du sämtliche Rationalität ablegen kannst. Wir drehen jetzt noch eine Runde und wenn in fünf Minuten niemand beim Checkpoint ankommt, dann verlassen wir das System. Und jetzt keine Diskussionen mehr.”

“Aye, Captain Danvers.”

Und dann geschah es. Ein gnadenloser Gott sorgte dafür, dass sie diesen Moment immer und immer wieder durchleben musste. Kurz bevor sie ihren Auftrag abbrechen wollten - absolute Routine eigentlich für drei SQ 42 Jäger, lediglich der Eskort eines Frachters mit brisanter Ladung - brach die Hölle los. Captain Steven Danvers, Lieutenant Commander Carol Danvers und Lieutenant Michael Rossi wurde von einem guten Dutzend Vanduul Fighter attackiert, die sich hinter einem kleinen Mond in Stellung gebracht hatten. Mike, den Carol Ende des Jahres heiraten wollte, erwischte es als ersten. Seine Cutlass explodierte vor ihren Augen und sie schrie ohne es zu merken. Carol wich aus, schoss und kämpfte verbissen, während ihr die Tränen hinabliefen. Ihr Bruder gab unablässig Anweisungen über Funk, doch Carol nahm ihn erst wahr, als seine Hornet an ihr vorbei schlingerte und Steve mit der Rettungskapsel ausstieg. Kurz danach musste ihre Avenger selbst mehrere Treffer einstecken und die Alarmleuchten spiegelten sich in ihrem nassen Gesicht. Sie würde sterben, das wusste sie, die Übermacht war zu groß. Und Vanduul schossen die Fluchtbehälter generell mit ab. Trotzdem betätigte Carol instinktiv den Schleudersitz und wurde aus dem Schiff katapultiert. Sie bekam gerade noch mit, wie ihre Kapsel mit einem der Vanduulschiffe kollidierte, schmeckte warmes Blut im Mund, und dann gingen die Lichter aus.

Wie es weiterging wusste sie nur zu gut. Sie würde mit höllischen Kopfschmerzen in einem Hospital erwachen, man würde ihr mitteilen, dass sie gerade so überlebt hatte, allerdings musste eine handtellergroße Titanplatte in ihren Schädel eingesetzt werden, damit das Gehirn nicht herausfloss. Und man würde ihr sagen, dass sonst niemand der kleinen Gruppe des SQ 42 überlebt hatte. Nicht ihr Bruder und nicht ihr Verlobter. Carol bebte vor Kummer und Verzweiflung und schlug dann die Augen auf. Doch sie war nicht in einer Klinik… sie war im Weltraum. Ohne Schiff, nur ihr Körper. Aber ihr war nicht kalt, nein, sie fühlte sich ausgezeichnet. Und sie konnte fliegen, ohne Schiff, und sie konnte goldene Strahlen aus ihren Händen feuern, mit denen sie ein Vanduulschiff nach dem anderen…

“Carol? Carol, Mädchen, wach auf!”

Carol schlug die Augen auf - diesmal wirklich - und sah sich verwirrt in ihrem Zimmer um.

“Dad? Wwwas ist?”

Ihr Vater sah sie sorgenvoll an.

“Du hast im Schlaf gestöhnt. War es wieder dieser Albtraum?”

Sie versuchte sich aufzusetzen. Ihre linke Gesichtshälfte hämmerte schmerzhaft.

“Es ist leider kein Traum, sondern immer diese Erinnerung an damals, Dad. Aber diesmal war das Ende anders… irgendwie besser. Wenn du mich nicht geweckt hättest…”

Die Gesichtszüge von Joe Danvers wurden härter.

“Es ist schon spät am Vormittag. Du trinkst zu viel, Mädchen. Bleib mal nüchtern, vielleicht träumst du dann besser.”

Carol sah ihn nicht an.

“Ohne das Zeug könnte ich gar nicht schlafen.”

“Dann mach eine Therapie oder so etwas. Das Ganze ist jetzt beinahe ein Jahr her, und sieh dich an. Du warst ein Eliteoffizier, aber seit du aus der Armee entlassen wurdest…”

Sie rollte mit den Augen.

“Ich habe den Dienst quittiert, nicht umgekehrt.”

“... geht es mit dir immer weiter bergab. Du machst entweder nichts oder erledigst irgendwelche dubiosen Aufträge, trinkst jeden Tag und... “

Carol griff unter ihr Bett, fand dort eine Flasche Whiskey, drehte den Deckel ab und nahm einen Schluck. Dann sah sie ihren Vater herausfordernd an.

“Wenn du mich rausschmeißen willst, musst du es nur sagen. Dann bin ich weg.”

Joseph Danvers zögerte, sein Gesicht war gerötet. Einen Moment dachte Carol, er würde sie tatsächlich aus dem Haus jagen, aber dann knickte er ein.

“Ich… muss ein paar Besorgungen machen. Sieh nach deiner Mutter, ich bin in ein paar Stunden wieder da.”

Er verließ das Zimmer. Carol wartete bis sie die Haustür hörte, dann nahm sie noch einen großen Schluck aus der Flasche, in der Hoffnung, es würde die furchtbaren Kopfschmerzen vertreiben. Schließlich schlurfte sie ins Bad und betrachtete sich im Spiegel.



Sie war mal eine wirkliche Schönheit gewesen, lebenslustig und attraktiv. Viele Kadetten und Offiziere hatten um sie gebuhlt. Und jetzt… Sie strich sich über die kahle Haut an ihrem Schädel und betastete die tiefen Augenringe. Dann duschte die ehemalige Kampfpilotin ausgiebig und frühstückte eine Kleinigkeit. Anschließend setzte sie sich mit der Flasche Whiskey neben ihre Mutter auf die bequeme Couch.

“Hast du deine Pillen genommen, Mum?”

Marie Danvers blätterte wie jeden verdammten Tag in einem digitalen Fotoalbum und lächelte verträumt.

“Hallo Carol, Schätzchen. Habe ich dir schon mal unseren Stammbaum gezeigt?”

Die junge Frau seufzte und ließ sich tief in die Couch sinken.

“Ungefähr zwölf Millionen mal. Am Tag. Mum, du hast die hadurianische Demenz, nicht ich. Die Pillen, hast du die Pillen genommen?”

Ihre Mutter wischte über den Touchscreen des Albums.

“Wir Danvers waren immer schon sehr große und erfolgreiche Piloten. Das lässt sich auf fast 1000 Jahre zurückverfolgen, siehst du?”

Carol gab auf, schaltete auf Durchzug und führte die Flasche zum Mund. Was jetzt folgte, konnte sie Wort für Wort mitsprechen, wenn sie wollte. Marie schien jedoch ganz aufgeregt zu sein.

“Da! Sieh mal, das ist Carol Susan Jane Danvers, die erste, zumindest soweit wir wissen. Dein Vater und ich, wir haben dich nach ihr benannt, weißt du?”

“Ja, Mum.”

“Sie sieht dir sogar ziemlich ähnlich, findest du nicht? Damals hat man Fotos noch auf Papier gedruckt, kannst du dir das vorstellen?”

“Ja, Mum.”

“Diese Carol Danvers war Pilotin eines Düsenjägers der US Air Force auf der Erde, später sogar bei der NASA, ist das nicht aufregend?”

“Ja, Mum.”

“Sie liebte das fliegen so sehr und es war ihr so ins Blut gelegt, dass manche sagen, wenn keiner hinsah, flog sie auch ohne Flugzeug, nur mit ihrem Körper.”

“Ja… Mum.”

Carol zögerte kurz, als sie an ihren Traum dachte, doch dann ergab sie sich wieder der Litanei ihrer Mutter. Als Marie Danvers bei der größten Legende der Familiengeschichte angekommen war, stellte Carol mit Bedauern fest, dass der Whiskey leer war.

“Und das ist sie. Lisa Danvers, Captain der Artemis. Es war der erste Versuch mit einem bemannten Raumschiff zum nächsten Sternensystem zu kommen. Lisa, die Crew und tausend freiwillige Kolonisten wurden für die Reise in Stasis versetzt. Leider verschwand das Schiff damals und wurde nie wieder gesehen. Spurlos verschwunden, seit 700 Jahren, ist das nicht traurig?”

“Ja, Mum.”

“Ich würde alles dafür geben, wenn ich wüsste, was aus ihr geworden ist.”

“Du Mum, ich komme gleich wieder. Mein Trinken ist leer.”

Carol erhob sich leicht schwankend und ging in Richtung Küche. Auf halbem Wege erklang plötzlich die Türklingel. Die junge Frau blieb wie erstarrt stehen und die melodische Stimme ihrer Mutter erklang aus dem Wohnzimmer.

“Joe, Liebling, es klingelt, kannst du mal nachsehen?”

Wer konnte denn etwas von ihnen wollen, sie bekamen eigentlich nie Besuch.

“Ich geh schon, Mum.”

Sie sah auf den kleinen Monitor an der Tür und aktivierte die Sprechanlage?

“Ja? Was wollen Sie?”

Vor der Tür stand ein attraktiver und etwas verwegen aussehender Mann, der Carol irgendwie bekannt vorkam.

“Ich möchte gerne mit Lieutenant Commander Carol Susan Danvers sprechen.”

Carol zog sich unbewusst den BH zurecht und glättete ihre Haare.

“Die… ist gerade nicht hier. Worum geht es denn?”

Der Mann lächelte enttäuscht in die Kamera.

“Oh, das ist sehr schade. Es geht um etwas persönliches und sehr interessantes. Aber das würde ich ihr gerne selbst mitteilen. Wann kann ich sie erreichen?”

Carol zögerte noch einen Moment, dann gab sie auf. Was immer er auch wollte, es konnte nur interessanter sein, als sich das Geseier ihrer Mum anzuhören.

“Also schön. Kommen Sie rein.”

Sie betätigte den Türöffner und wartet auf den geheimnisvollen Unbekannten.

Fox

Mitglied der Gemeinschaft

Titel: ***

  • Nachricht senden

4

07.01.2015, 13:39

2944 - Terra Prime

„Was meinst du mit ‚keine ökonomische Bodenhaftung‘, Jadon?“

Chloe sah den jungen Mann mit großen Augen an, während sie sich eine rote Haarsträhne hinter das Ohr strich. Der Anführer der kleinen Rebellenbewegung rollte kurz mit den Augen, lächelte dann aber sofort wieder verführerisch.

„Baby, manchmal bist du wirklich schwer von Begriff. Ich versuche es dir mal deutlicher zu sagen: Wir sind so gut wie pleite. Die AFT hat kein Geld mehr und das wirkt sich natürlich aus, wir müssen dringend etwas ändern.“

Chloe runzelte die Stirn.

„Aber… warum ist es weg? Wofür brauchen wie denn so viel Geld? Wir sind doch die ‚Alliance of Freedom for Terra“, wir kämpfen, um unseren Planeten aus den Fängen der imperalistischen Erde zu lösen, und nicht um uns zu bereichern.“

Jadon sah sie mitleidig an.

„Aber natürlich Baby, so ist es. Aber hast du auch nur irgendeine Ahnung, was dieser Kampf kostet? Die ganzen verdeckten Operationen, die Bewegung im Untergrund… das alles verschlingt viele Credits. Wir brauchen mehr Geld. Sonst droht dem Kampf für die Freiheit Stillstand, oder noch schlimmer, es droht das Ende der AFT.“

Chloe sah betreten zu Boden.

„Und was machen wir jetzt, Jadon?“

“Wir ändern unsere Strategie!”

Der junge Rebell zeigte sein charismatisches Lächeln und sein langes blondes Haar leuchtete golden im Plasmalicht des kleinen unterirdischen Hauptquartiers der AFT.

“Jeder von uns muss mit anpacken und Opfer bringen, damit wir das Ruder herumreißen, wie man so schön sagt.”

Die rothaarige Frau sah auf.

“Aber Ethan und ich tun schon was wir können. Alles was geht zwacken wir für die Allianz ab, leider ist mein kleiner Drugstore aber nicht so profitabel und…”

“Shhht.”

Jadon legte ihr sanft einen Finger auf die Lippen.

“Das weiß ich doch, Babe. Ihr tut was ihr könnt, du und dein Zwillingsbruder. Aber das reicht eben nicht. Und deswegen wird die Strategie geändert. Ihr werdet einen anderen Weg einschlagen, einen Weg, der uns viel Kohle bringt! Und… euch natürlich auch.”

Er zwinkerte.

“Und ich werde euch auch noch dabei helfen.”

Chloe starrte ihn mit offenem Mund an.

“Wie soll das gehen?”

“Ihr steigt ins Händlergeschäft ein, richtig groß, und macht die fette Kohle. Du verkaufst deinen Laden und…”

“Meinen Laden?!”

Erschrocken riss die junge Frau die Augen auf.

“Niemals, nein, das geht nicht, ich habe ihn bereits seit…”

Jadon schnellte vor und packte sie fest am Arm. Chloe verstummte vor Schreck und Schmerz.

“Hör mir zu, Fox, und lass mich ausreden. Dieser Drugstore ist einen Scheissdreck wert, er wirft gerade mal genug ab, damit ihr eure Miete zahlen könnt. Das ist eine Sackgasse! Ich weiß, du liebst das Teil, aber was du nun machen wirst, wirst du auch lieben. Also hör auf zu flennen und reiß dich zusammen!”

Er ließ Chloe los und sie rieb sich mit verletztem Gesichtsausdruck den Arm. In deutlich milderem Ton fuhr er fort.

“Ich weiß, ihr könnt das. Dein Bruder ist nicht nur ein guter Mechaniker, er versteht auch eine Menge von dem ökonomischen Zeug, sonst wäre deine Möchtegern-Apotheke schon längst den Bach runter gegangen. Und du… hast dafür andere Vorzüge, die in der Branche auch nicht unwichtig sind.”

Er strich ihr mit dem Handrücken über die Bluse und berührte dabei eine ihrer Brustwarzen. Unbehaglich schob sie seine Hand weg.

“Aber… wir haben doch gar keine Ahnung vom Handel selbst. Und wir haben keine Mittel. Wir haben ja nicht mal ein Schiff.”

Das charismatische Lächeln war in Jadon’s Gesicht zurückgekehrt.

“Das ist kein Problem. Das mit dem Handel werdet ihr ganz schnell lernen, ich weiß, dass du nicht auf den Kopf gefallen bist, wenn du willst. Ein wenig Startkapital bekommt ihr durch den Verkauf des Drugstores, und was das Schiff angeht…”

Er hob eine Augenbraue.

“Das bekommt ihr von uns, ich weiß, dass ihr beide fliegen könnt. Wir geben euch… leihen euch… sogar zwei Schiffe. Damit ihr effektiver seid.”

Chloe vergaß für einen Moment den Verlust ihres geliebten Ladens.

“Du gibst uns zwei Schiffe? Echt?”

“Ja, echt, Baby! Zwei ganz wundervolle Raumflitzer! Ich habe sie ‘Grasshopper’ und ‘Last Hope’ getauft. Sie stehen hinten im Hangar. Und nun lauf, Baby, lauf zu deinem Bruder und erzähl’ ihm die guten Neuigkeiten.”

Chloe sah Jadon etwas befremdlich an, dann verließ sie zögerlich den Raum und machte sich auf zum Hangar. Dort würde sie Ethan finden, wie er an einigen Schiffen der Rebellen herumbastelte oder sie wartete. Auf dem Weg dorthin dachte sie über das nach, was Jadon ihr gesagt hatte. Er verlangte, dass sie ihr komplettes Leben umkrempelte und ihren kleinen, geliebten Drugstore verkaufen sollte. Das war hart. Aber auf der anderen Seite… wäre nicht ein wenig Veränderung in ihrem Leben auch gut? Aufregend?

“Na, was wollte der Boss?”

Chloe blieb überrascht stehen als sie erkannte, dass sie gedankenverloren schon bei ihrem Ziel angekommen war. Ihr Bruder schob sich gerade auf einem Hoverboard liegend unter einer ziemlich mitgenommenen Aurora hervor, sein Gesicht war dunkel verschmiert.
Chloe sah ihn an und wusste nicht, wie sie beginnen sollte.

“Tja… also weißt du Ethan, das ist etwas kompliziert. Der AFT geht es nicht so besonders gut und Jadon will ein paar Sachen ändern.”

Der junge Mann stöhnte und ließ sich wieder unter das defekte Schiff gleiten.

“Wundert mich nicht, bei seinem Führungsstil. Also los, erzähl schon, was wollte er?”

Die rothaarige Frau zögerte.

“Du… magst ihn nicht, stimmts? Schon solange wir hier sind.”

Ethans Stimme klang gedämpft.unter der Aurora.

“Stimmt. Jadon Korov ist ein selbstgefälliges Arschloch, das in letzter Zeit mehr an sich selbst, als an unsere Sache denkt. Aber ein charismatisches Arschloch, zugegeben.”

Chloe lehnte sich mühsam an das Schiff.

“Lass ihn das bloß nicht hören.”

“Bestimmt nicht. Und solange du es ihm nicht sagst…”

Chloe gab sich entrüstet.

“Warum sollte ich?”

Ethans Gesicht lukte unter der Aurora hervor.

“Jetzt stell dich bitte nicht dumm. Ich weiß doch, dass du auf ihn und seine goldenen Löckchen stehst. Vermutlich war er sogar der Grund, warum du überhaupt zu den Rebellen gegangen bist.”

Sie schnappte nach Luft.

“Das ist nicht wahr!”

Ihr Bruder hustete.

“Und wie das wahr ist. Möchte nicht wissen, wie oft er dich schon gevögelt hat. Aber keine Sorge, du bist da sicher nicht die einzige, ihm sind bestimmt schon reihenweise Frauen verfal… Au!”

Chloe hatte ihrem Bruder einen Tritt verpasst.

“Du bist ja sowas von fies!”

Ethan seufzte erneut.

“Ich mach mir nur Sorgen um dich, Schwesterchen. Also, erzählst du mir jetzt was er wollte, oder muss ich ihn selbst fragen gehen.”

Chloe schluckte.

“Er… er will, dass ich den Laden verkaufe.”

Ethan hielt inne und schob sich dann wieder unter dem Schiff hervor.

“Ist nicht dein Ernst!”

“Ähm… doch. Ich… ich weiß auch nicht, er meint, der Drugstore bringt nichts. Er will, dass wir stattdessen… Raumhändler werden. Und das dicke Geld machen.”

Ihr Zwillingsbruder begann laut zu lachen.

“Ist Korov jetzt völlig übergeschnappt? Das ist ja wohl die dümmste Idee des Jahrhunderts. Händler! Ha!”

Chloe verzog ihren Mund zu einem Schmollen.

“Warum denn? Denkst du, ich… wir können das nicht? Du hast doch viel Ahnung davon, ich hätte gedacht, du freust dich darüber.”

Ethan erhob sich und wischte sich an einem Lappen die Hände ab.

“Chloe. Um ein erfolgreicher Händler zu sein, braucht man Startkapital, Kontakte und natürlich auch ein Raumschiff. Wir haben nichts davon! Wie sollen wir…”

“Wir haben ein Raumschiff! Sogar zwei! Jadon gibt sie uns!”

Ihr Zwillingsbruder zögerte erstaunt.

“Was? Ehrlich?”

Sie stemmte die Hände in die Hüfte.

“Ja! Ha! Da staunst du, was?”

Ethan wirkte skeptisch.

“Und wo will er die herzaubern?”

“Keine Ahnung, aber sie sollen hier im Hangar stehen. Das eine ist die ‘Grasshopper’ und das andere die ‘Last...”

“... Hope.”

Ethan hielt sich kopfschüttelnd eine Hand vor das Gesicht. Chloe blinzelte.

“Ja… genau. Woher weißt du das?”

Er deutete auf das Schiff bei dem sie standen und dann sah sie es auch. Unter einem tiefen Kratzer an der Seite konnte man die Buchstaben ‘Last Hope’ erkennen.

“Oh… oh. Das ist es also.”

Ethan sprach mit ausdrucksloser Stimme.

“Ja. Und da hinten steht die Grasshopper.”

Chloe reckte den Hals. Eine weitere Aurora zierte eine Ecke des Hangars. Sie sah nicht aus, als ob sie jemals wieder fliegen würde.

“Äh… du bekommst sie doch wieder hin, oder Ethan? Du bist doch ein guter Mechaniker, nicht wahr?”

Ihr Bruder setzte sich entnervt auf den Boden.

“Du hast dich vom Boss mal wieder für blöd verkaufen lassen, Chloe, kein wunder, dass er mit dir allein sprechen wollte. Das sollen unsere Handelsschiffe sein? Selbst wenn ich sie wieder zum laufen kriege… schau sie dir mal genau an. Das sind ehemalige Polizeischiffe, ich möchte nicht wissen, wo Korov die her hat, das ist ganz schön heikel. Außerdem… kannst du mir sagen, wie wir damit Fracht transportieren sollen? Was passt da schon hinein? Das ist ein Witz!”

Chloe setze sich neben ihn und legte ihm einen Arm um die Schultern.

“Komm schon, Ethan. Wo bleibt dein Optimismus? Wir fangen einfach klein an und arbeiten uns hoch. Wir kaufen uns ein größeres Schiff und dann werden wir es allen zeigen. Vor allem Jadon. Was meinst du wie der guckt, wenn wir tatsächlich erfolgreich werden.”

Sie lächelte ihn aufmunternd an, ein Lächeln dem nur wenige zu widerstehen wussten. Und Chloe’s Herz erwärmte sich, als sie ein kleines Glitzern in den Augen ihres Bruders sah und seine Mundwinkel herausfordernd zuckten. Er schien letztendlich doch Feuer gefangen zu haben.

Sim Russ

Mitglied der Gemeinschaft

Wohnort: Berlin

  • Nachricht senden

5

07.01.2015, 17:42

2945 - Irgendwo im Nul-System

Das Schiff glitt antriebslos durch die Schwärze des Alls, langsam um die eigene Achse rotierend.
Es würde vollkommen mit der Dunkelheit seiner Umgebung verschwimmen, wäre da nicht die in orangem Ton aufgeprägte Kennung „Origin 315p“.
In weiter Ferne befand sich der Gasriese Nul, dem das System seinen Namen verdankte, dem Schiff war der Planet Ashana am nächsten, der sich kaum merklich um seine eigene Achse drehte. Ein Asteroidenfeld lag längs des Eindringlings, in dem sich Gesteinsbrocken verschiedener Größen befanden. Neben dem Schiff hielten sich noch vier Andere im Raum auf. Während der einsame Jäger im All vor sich hin trieb, schwärmten drei andere Jäger aus und ein größeres Kanonenboot wendete sich einem bestimmten Punkt zu.
An diesem Punkt tat sich ein Riss im Raum auf, welcher fünf klobige Transportschiffe ausspuckte. Das Kanonenboot nahm Kontakt zu den Frachtern auf, um kurz darauf als Geleitschutz neben dem Konvoi zu fliegen. Die Jäger umschwärmten die Frachter, nur das Schiff mit der auffälligen Aufschrift verharrte an seiner Position.

Von außen betrachtet, gab es keinen Einblick in das Cockpit, doch dafür konnte der Pilot von seiner Seite aus die Welt außerhalb sehen. Er saß in einem Raumanzug im Pilotensitz, den Helm auf dem Schoß abgelegt, einzig die Lichter der Instrumententafel vor ihm, belichteten sein Gesicht. Es war jung, strahlte aber bereits Reife und eine gewisse Ernsthaftigkeit aus. Seine gepanzerte linke Hand streifte durch die kurzen dunklen Haare und seine Augen huschten, zwischen der Aussicht auf die Welt außerhalb und den Anzeigen vor sich, hin und her.
Schließlich atmete Sim Parker aus und ordnete seine Gedanken, um die Unruhe in Zaum zu halten. Genaugenommen klang sein Auftrag recht einfach.
Er sollte mit den anderen Söldnern eine Lieferung für einen Mann, der sich ihnen als „Vedo“ vorgestellt hatte, überwachen und sicherstellen, dass sie den Planeten Ashana erreichte.
Nur gab es da ein kleines Detail.
Das Nul-System stand nicht unter dem Schutz der UEE oder einer anderen großen galaktischen Fraktion. Gewisserweise war sie eine neutrale Zone, die sich zwischen dem Hoheitsgebiet des Imperiums und den Vanduul befand. Für die weniger rechtschaffenen Bürger war es ein geeignetes Plätzchen um zwielichtige Geschäfte abzuschließen, wie dieses von Vedo. Sim wäre in der Lage die Fracht zu durchleuchten, aber so genau wollte er es nicht wissen, was die Frachter in ihrem Inneren verbargen. Einige seiner früheren Taten als Söldner belasteten immer noch sein Gewissen, da konnte er gut auf zusätzlichen Ballast verzichten. Vor der Zeit seiner momentanen Karriere, war Sim Pilot in der Armee der UEE, wo es ein Sprichwort dafür gab, das es erforderlich war dem Vorgesetzten Bericht zu erstatten.
„Melden macht frei.“
Jedoch lernte er auch dort, dass es ein Gegenstück zu dieser Einstellung gab, die sich vor allem in seiner momentanen Laufbahn auszahlte.
„Nichts hören, nichts sehen und nichts sagen.“
Er hatte eine Vermutung, aber bei dieser beließ er es lieber.
Alles wovon sein Auftraggeber Profit zog, bereicherte auch ihn, sollte er den Auftrag erfolgreich abschließen, denn so profitabel der illegale Handel in diesem Gebiet war, stellte er auch ein verlockendes Ziel für Räuber und Piraten da. Hier kamen Sim und die anderen Söldner ins Spiel.
Während er die Lage im vornherein auskundschaftete, flogen die Söldner ihre Patrouille.
Obwohl sich die Bewaffnung der Söldner sehen lassen konnte, vor allem die des schwerbewaffneten Kanonenboots der Redeemer-Klasse, verfügte auch er über eine ansehnliche Ausrüstung.
Er selbst führte eher eine ausgefeilte Sensorik zum Erkunden der Umgebung mit sich. Sie diente in erster Linie dazu das Gebiet aufzudecken, weniger gezielt nach Schiffen zu suchen, aber mit einigen besonderen Modifikationen war auch das bis zu einem bestimmten Grad möglich. Außerdem war das Schiff mit einem Fangstrahl ausgerüstet, um Objekte zur Untersuchung heranzuziehen. Und falls es doch hart auf hart kommen sollte, warteten zwei unter dem Bug befestigte Omnisky VI Laserkanonen auf ihr Ziel.
Aber das war noch nicht alles.

Sim straffte sich, den Blick auf die Scheibe gerichtet.
„Erzähl mir was Jill.“
Kurz darauf drang die Stimme der KI des Schiffes aus den Innenlautsprechern im Cockpit.
„ Die Scans der Midway zeigen neben den Transportern und den Schiffen der Söldner, sowie unserer Wenigkeit keine auffällige Aktivität. Es halten sich in der Nähe der Umlaufbahn von Ashana um die 50 Schiffe verschiedener Klassen auf, aber ihre Bewegungen lassen auf keinen Abfangkurs mit unserer geplanten Route schließen. Die ausgesendeten Pods in und außerhalb des Asteroidenfeldes liefern auch keine auffälligen Daten.
Wir sind momentan außer Gefahr.“
Die weibliche Stimme klang künstlich und ruhig mit einem angenehmen Bariton.
Sim schüttelte leicht den Kopf:
„ Wir sind in dem Job nie sicher, außerdem…“, kommentierte er und lächelte darauf in die vor ihm auf Augenhöhe im Pult eingebaute Kamera, „..seit wann bist du so ungenau?
`Um die 50 Schiffe´, das klingt nicht sehr professionell für eine KI.“
„ Meine Auswertungen sind genauer als die ach so tollen Sensoren die von deiner Art entworfen wurden, mehr noch da ich sie modifiziert habe.“, meinte Jill schnippisch,
„ Außerdem möchte ich dich nicht mit zu vielen Informationen beladen, da ich dein Hirn nicht überfordern will. Oder würde es dir helfen, wenn von den 54 erfassten Schiffen in Ashana´s Umlaufbahn, dreizehn für den Handel von Lebensmitteln bestimmt sind?“
Sim´s Lächeln wurde breiter.
„ Das würde bedeuten, ich hätte dreizehn Anlaufstellen mich satt zu essen.“
Ein kurzes, anhaltendes, helles Rauschen drang durch das Cockpit. Ein KI-Seufzen.
„Hast du nicht schon deine niederen Bedürfnisse stillen können?“
„ Du weißt schon, dass wir seit drei Stunden hier sind und dieses Schiff kein Klo hat…“
„Das mein ich nicht. Was war das letztens, dein Mitbringsel aus der einen Bar?“, fragte Jill amüsiert. Sim neigte den Kopf leicht zur Seite.
„ Ich weiß nicht was du meinst…“, sagte er im Ton der Unschuld.
„ Ich denke schon. Blond, blauäugig, viel Make-Up, eindeutig minderjährig und Vaterkomplex. Klingelt´s?“
„ Ach das. Ich wollte dem Mädchen nur mein Schiff zeigen…“
„ Sicher wolltest du das.“, meinte sie und klang dabei nahezu ironisch.
„…und ihr einen Ausflug zu den Sternen gönnen.“, fuhr er fort, „Naja bis auf einmal der Schiffsalarm losging und sie Hals über Kopf das Schiff verließ. Du kannst dir nicht den plötzlichen Alarm erklären?“
„ Ich würde sagen der Zeitpunkt meiner üblichen Untersuchung der Schiffs-Sicherheitssysteme und dein beherzter Griff unter das Hemd des Mädchens, fielen unvorhergesehen zu einem gemeinsamen Zeitpunkt zusammen.“, antwortete sie schelmisch.
Sim grinste, er konnte ihr nicht böse sein: „ Sicher.“
Jill war noch nicht allzu lange auf seinem Schiff, genau genommen erst seit einem Jahr.

Nach seinem Dienst beim Militär, der mit einem Disziplinarverfahren endete, heuerte er sich zum Begleitschutz bei den Händlern der UEE an, nur war das nicht ganz so einfach als ehemaliger Pilot ohne Raumschiff. Die Lizenz wurde ihm glücklicherweise nicht genommen, aber ein Schiff konnte er sich nicht leisten.
So war er gezwungen als Besatzungsmitglied auf anderen Schiffen zu dienen und schlug sich somit mehr schlecht als recht durch, da der Lohn gering war und die Auftraggeber meist nichts mit ihm anzufangen wussten.
Doch dann traf er einen Mann, der sich als Vermittler für seinen aktuellen Auftraggeber Vedo vorstellte und einen höheren Lohn mit „interessanteren“ Aufgaben versprach.
Es fing mit Kurieraufträgen an, wo er sich bei einem durch seine in der Armee geschulten Nahkampfkünste behauptete und ihm darauf anspruchsvollere Aufgaben zugeteilt wurden.
Dann wurde er eines Tages einem Team zugeteilt, das dafür zuständig war die Schulden eines Mannes einzutreiben. Es stellte sich heraus, dass der Mann ein Sammler von exotischen Technologien war. Während es nach dem unangekündigten Besuches auf der Station des Sammlers zur Sicherstellung der „Pfandobjekte“ kam und der Herr des Hauses ruhig gestellt wurde, fiel Sim ein besonderer Abschnitt auf der Station auf und war sichtlich überrascht eine Künstliche Intelligenz vorzufinden. Er wusste das die UEE seit einiger Zeit keine KI´s mehr einsetzte, aber im Lager eines technophilen Sammlers eine anzutreffen war wirklich sonderbar. Er erkundigte sich nach der Funktion der KI, erhielt aber zunächst keine Antwort vom Sammler. Ein gebrochener Arm und ein paar blaue Flecke, sowie eine ansehnliche Schwellung am Auge, ließen diesen redselig werden.
Er sagte, dass die KI zur Verwaltung des Lagers, sowie der Unterhaltung seiner Gäste diene, in dem sie Bestellungen an die Küche weiterreichte, oder über das ein oder andere Ausstellungsstück berichtete. Sim konnte es sich nicht genau erklähren, aber es kam ihm vor das der Mann ihm zu dem Thema noch was vorenthielt, denn bevor er was hinzufügte, blickte er mit einem Anflug von Scham zu Boden und schwieg.
Später erzählte der hauseigene erfahrene Programmierer des Sammlers, der die KI beaufsichtigte, von der seltsamen Apparatur, die sich im Schlafzimmer des Hausherren befand und ließ Ekel in Sim aufsteigen. Technophil war eine vielsagende Beschreibung.
An dem Tag hatte Sim außergewöhnliches Glück.

Nicht nur, das er durch den erfolgreichen Auftrag eine Menge Geld verdient hatte, um sich endlich sein Schiff zu kaufen, zu welchem ihm Vedo in eigenem Interesse etwas mehr Geld beisteuerte, er konnte auch ohne großen Kostenaufwand den Programmierer, Richard genannt, überreden, sein Schiff mit der KI aufzurüsten. Richard hatte schon vor seiner Zeit als „Hausprogrammierer“ für den Sammler Erfahrungen in dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz sammeln können. Er gestand an der Entwicklung von einigen abseits der UEE beteiligt gewesen zu sein, so gelang es ihm auch die KI auf die Bedürfnisse seines ehemaligen Herrn anzupassen, eine "minderwertige Aufgabe" nach Richard.
Er kam Sim nicht aufgrund reiner Wohltätigkeit entgegen, sondern weil er im Schiff die Nutzung einer KI wesentlich sinnvoller und interessanter fand, als sie als ein Mittel rein zur Unterhaltung zu verwenden. Der Meinung war auch Sim und gemeinsam führten sie die entsprechenden Modifikationen durch. Er hatte Sorge, dass die anderen Söldner Vedo von seiner Entdeckung berichten und sie ihm auslieferten, aber nach einer durchzechten Nacht, von Sim gesponsert, war der ganze Tag vergessen und es gelang nie ein Wort an das Ohr seines Auftraggebers, der sich über die eingetriebenen Einnahmen freute.
Während der Arbeit fragte er Richard, warum die KI nur für so niedere Zwecke eingesetzt wurde. Er kannte die Geschichten von selbstdenkenden Programmen, die ganze Raumstationen steuern konnten.
Der Programmierer antwortete das es teils daran lag, das das Potenzial der KI nicht ganz ausgeschöpft wurde und das sie auch schon vor ihrem Besitz schwer beschädigt war.
Zudem gestand er bedauernd, dass er auch zur weiteren Beschädigung von seinem Herrn gezwungen wurde.
Die KI wehrte sich anfangs, trotz Befehlscodes, häufig gegen die Aufgaben, die ihr aufgetragen wurden. Daher befahl der Sammler Richard, die KI zu bestrafen, wofür er Schadprogramme einsetzte.
Richard erklärte es folgendermaßen. Sowas wie körperlicher Schmerz wurde der KI nicht zugeführt, es war vielmehr eine zufällige Löschung der Teile ihrer Erinnerungen.
Sie versuchte auf diese Erinnerungen zurückzugreifen, fand aber nichts, da sie so stark beschädigt waren. Sie war verwirrt, konnte die Leere nicht zuordnen.
Er meinte es lässt sich am besten als „Phantomschmerz“ beschreiben.
Diese Erkenntnis stellte KI´s für Sim in einem anderen Licht da.
Sicher, eine KI könnte nie solche Gefühle wie körperlichen Schmerz oder Liebe wahrnehmen, dennoch ließ sich nicht leugnen, dass sie auf äußere Einflüsse reagierte, für sie empfänglich war.
Was letztendlich auch Sinn machte, da jede KI ihre eigene Persöhnlichkeit hatte und sie durch das Sammeln von Erfahrungen, in dem Sinne Informationen, geprägt wurde und Jill war zu dem Zeitpunkt schon besonders.
Sim ließ daher mit Ausnahme des „Persöhnlichkeitkerns“, was man bildlich als das Bewusstsein und Gehirn der KI verstehen konnte, alle ursprünglichen Befehle und Codes auflösen.
Jill gestand ihm viel später, das sie bei dieser Entscheidung „aktiv“ und sie ihm dafür immer noch dankbar war .Dies war auch der Grund, weshalb sie ihm seit Anfang bereitwillig half. Sowas wie erzwungenen Gehorsam, ließ er bei ihr nicht einfügen.
Nach dem Vorgang konnte sie zwar aufgrund des bereits verursachten Schadens nicht ihr volles, ursprüngliches Potenzial ausschöpfen, war aber weitaus weniger fehlerbehaftet und genügte somit vollkommen seinen Anforderungen.
So wurde Jill, so hatte er sie unwillkürlich getauft, in erster Linie zu einer Unterstützungskomponente für sein Schiff programmiert.

Zum Beispiel arbeitete Jill wesentlich schneller und effizienter als die standartisierten Navigationscomputer der Raumschiffe und war auch wesentlich flexibler wenn es darum ging einen neuen Kurs zu berechnen. Sie konnte auch schnell Energie von Systemen auf andere umleiten. Er könnte natürlich auch das Schiff alleine fliegen, aber durch sie, liefen die Prozesse des Schiffes wesentlich schneller ab. Außerdem stellte Jill den Vorteil dar, dass sie im Gegensatz zum Navigationscomputer, auch eigenständig Befehle geben und damit das Schiff beispielsweise für komplexe Manöver vorbereiten konnte. Sie war auch in der Lage die gegebene Ausrüstung im Schiff, rein digital, zu modifizieren. Zum Beispiel verfügten die Sensoren des Schiffes im Vergleich zu denselben Geräten auf anderen über eine höhere Auflösung und die schiffsinterne Datenbank eine höhere Kapazität. Jill stellte als Sicherheitssystem für das Schiff auch einen guten Wachhund dar, zumindest gegen durchschnittliche Hacker.
Zusammengefasst hatte sie mit Ausnahme der Ziel/Abschuss- und Flugkontrolle vollen Zugriff auf sämtliche Systeme und konnte sie nach Belieben manipulieren.
Sim ließ von Richard eine Art Notfallprotokoll in Jill einfügen, was ihr in Notsituationen die volle Kontrolle über das Schiff mit aber eingeschränkten Funktionen gab, aber das hatte er bisher nie anwenden müssen.
Auch dazu hatte sie ihm einmal eine Frage gestellt, worauf er antwortete, dass es schon ausreicht wenn er jemanden auf dem Gewissen hatte und er ihr keine Toten anlasten wollte.
Damals traf es nicht ganz die Wahrheit, denn Sim traute ihr zu dem Zeitpunkt noch nicht und wollte ihr nicht zu viele Freiheiten über sein Schiff geben.

Mittlerweile glaubte er seiner ursprünglichen Notlüge mehr, denn Jill hatte sich nicht nur als wertvolle technische Hilfe herausgestellt, sondern sie lieferte ihm auch eine gute Ablenkung zu seinem alltäglichen Beruf. Die einzigen menschlichen Kontakte die er pflegte waren der zu seiner Schwester Rachel und dem angefreundeten Programmierer Richard, sonst hatte er keine Freunde.
Eine Beziehung egal welcher Art, würde ihm mit einem Menschen außerhalb seines Berufes Probleme aufgrund der Entfernung und Zeit bereiten, da er ständig unterwegs war.
Einer Bindung mit jemandem aus seiner Zunft war er ebenso abgeneigt, da sich eine Person entweder gegen ihn wenden, oder sterben konnte. Das wäre zu viel für ihn.
Jill fühlte vielleicht nicht wie ein Mensch, dennoch bewies sie manchmal ein gewisses Taktgefühl und Einfühlungsvermögen, was andere nicht aufbringen konnten. Richard hatte einmal erklährt, das ihr zum besseren sozialen Umgang mit Menschen eine komplexe Gesichts-und Stimm-Erkennungssoftware implementiert wurde, in Kombination einiger assoziativer Funktionen. Verständlich ausgedrückt, Jill war in der Lage aus der Stimme und Gestik auf die Bedürfnisse der Gäste zu schließen und nach dem Verhalten dieser entsprechend zu reagieren. Die Programme gingen wie die anderen ursprünglichen Funktionen nach ihrer aktuellsten Überarbeitung verloren, aber Jill konnte sich noch erinnern, wie sie in welchen Situationen auf andere reagiert hatte und hat sich so aus diesen Erfahrungen weiterentwickelt.
Es gab für ihn aber trotzdem Momente in denen sie die falschen Worte fand und ein sensibler Mensch besser agiert hätte.

Deswegen behandelte er sie nicht direkt wie einen seinesgleichen, sondern vielmehr wie eine gleichberechtigte Persöhnlichkeit, was sie ihm hoch anrechnete und sie daher gemeinsam gut auskamen. Er musste sich schon diesbezüglich einige dumme Sprüche gefallen lassen, aber es war ihm egal. Trotzdem war da eine Distanz die er nie greifen konnte, ihm fehlte doch die Nähe zu anderen Menschen. Irgendwie wusste das Jill auch und ermutigte ihn dazu Nähe zu anderen zu suchen, aber er erklährte immer wieder, dass es nicht ginge.
Noch nicht.

„Hast du dich eigentlich wieder bei Rachel gemeldet?“, fragte Jill ihn soeben.
Sim blickte nachdenklich auf die Instrumente.
Rachel Parker, Schwesterherz. Die einzige noch lebende Person in meiner Familie die nicht verkommen ist…
„Nein…noch nicht. Sobald wir den Auftrag hinter uns haben, ruf ich mal durch.“
Eine Stimme, die hätte warm klingen sollen, drang durch die Lautsprecher:
„ Ich bin sicher sie würde sich freuen Sim, es ist schon so….oh nein.“
Er hob eine Braue, irritiert über den Wandel.
„Was gib´s?“
„ Ich bin die Daten zum Asteroidenfeld nochmal durchgegangen und mir ist ein Fehler in meinen Berechnungen aufgefallen.“
„Welche Art von Fehler?“
„ Nun…es sah so aus, dass die Rotation der größeren Asteroiden bei allen identisch wär, jedoch treten nach erneuter Berechnung Unterschiede auf.
Es deutet auf mehrere Masseanomalien hin.“
Das ist nicht gut…
„ Überprüf die betroffenen Asteroiden auf elektromagnetische Felder, leg einen Filter drauf, der die natürliche Strahlung ausblendet, sowie die der umliegenden Asteroiden. Such außerdem nach Hitzesignaturen. Wie viele betrifft es und wo genau sind sie?“
Nach zwei Sekunden meldete sich die KI wieder.
„ Temperatur hat keine Abweichung zu den anderen, aber nach meiner Zählung haben acht Asteroiden abweichend der natürlichen Strahlung auffällige Magnetsignaturen auf der Oberfläche. Eine pro Körper.“
Sim fluchte, er kannte dieses Vorgehen. Nachdem er sein Schiff bekam, führte er im Auftrag von Vedo Eskorten aus, in denen er auch Überfälle miterlebte. Sich an einen größeren Körper mit geeigneter Oberfläche anzuheften und abzuwarten, war eine Methode. Hierzu wurde mit einer Vorrichtung ein Magnetfeld unter dem Schiff aufgebaut, welches ermöglichte an einem bewegten Körper anzudocken. Eine Tarnvorrichtung konnte alles innerhalb eines Schiffes verbergen, wie Temperatur und Funkwellen, aber das Magnetfeld außerhalb war davon nicht betroffen.
Das sie sie nicht sofort erfasst haben, deutete auf eine ausgefeilte Tarntechnik hin und da kam ihm nur ein Volk in den Sinn was in der Nähe ihren Sitz hatte.
„Vanduul“, spie Sim aus, es war mehr ein Fluch.
„Soll ich eine Verbindung zu dem Anführer der Söldnergruppe herstellen?“, fragte Jill.
Er biss sich nervös auf die Unterlippe.
„ Ja und nimm eins der Frachtschiffe hinzu. Sie sollen wissen wie es um uns ausschaut.
Ich fahr die Systeme unseres Schiffes wieder hoch. Wir halten uns aber an der Position.
Unser neuer Freund soll nicht misstrauisch werden. Bereite dich sicherheitshalber auf einen wilden Ritt vor.“
„ Verstanden.“, sagte sie. Der Ton in ihrer Stimme hörte sich bedrückt an.
„ Fehler passieren Jill, auch dir. Irren ist…natürlich.“, lächelte er aufmunternd.
Hätte die KI ein Gesicht, so würde sie das Lächeln erwidern.
„ Danke…“, sagte sie mit sanftem Ton und wurde gefasster,
„Verbindung zur Chariot und Overkill hergestellt, lege sie jetzt auf den Schirm.“
Auf dem Sichtfenster wurden zwei Bildausschnitte projiziert.
Das eine zeigte einen Mann in ziviler Arbeitskleidung, mit gepflegtem Äußeren, auf dem Anderen war genau das Gegenteil abgebildet.
Midway hier. Ich habe die Gegend erneut gescannt und im Asteroidenfeld in der Nähe mögliche Räuber der Vanduul gesichtet. Ich empfehle, dass sie wie gewohnt ihre Route fortsetzen und dem Feld nicht zu nahe kommen.“, forderte Sim die Kapitäne auf.
Der Anführer der Söldner, der Kapitän der Redeemer, schüttelte den Kopf.
„ Das kannst du vergessen. Wir machen diese Säcke sofort platt, dann sind wir sie los.“
Sim klackte missgelaunt mit den Backenzähnen.
So ein hitziger Dummkopf.
„Wir sollten sie nicht provozieren. Vielleicht sind wir gar nicht ihr Ziel, oder sie warten auf andere um mit ihnen in ein anderes System zu springen.“
Der Söldner grinste gehässig.
„Dann tun wir den anderen hilflosen Leuten einen Gefallen und beschützen sie bevor sie das Problem am Hals haben.“
„Das ist ein Fehler. Die Vanduul werden uns sofort angreifen wenn…“
„ Hör auf zu nerven, du hast wohl keine Eier in der Hose du Schleicher.“ unterbrach ihn sein Gegenüber und trennte die Verbindung. Der Kapitän des Frachtschiffs sah ihn an.
„Toll und was machen wir jetzt?“
Sim mahlte mit dem Kiefer und atmete einmal schwer ein und aus.
„ Sie werden weiterhin die Route fortführen. Geben Sie auch den anderen Schiffen ihres Konvois Bescheid. Falls sie Mittel zur Abwehr haben, machen Sie sie bereit, die Räuber erledigen wir.“, ordnete er an und beendete das Gespräch.

„ Und darum hasse ich Teamwork.“
Jill, die sich während der Unterhaltung ruhig verhalten hatte, meldete sich zu Wort:
„ Das verstehe ich nicht, ist eine Gruppe von mehreren nicht effektiver als einer allein?“
Er grunzte darauf nur.
„ Das mag auf alle anderen zutreffen, aber nicht auf Söldner wie die. Das einzige was wir uns von diesem Teamwork versprechen können ist nicht sofort draufzugehen, wenn ein anderer vor uns abgeschossen wird. Versuchen wir jetzt das Beste draus zu machen.“

Er setzte sich den Helm auf und startete die Triebwerke. Die Midway erwachte zum Leben.

Währenddessen waren auch die versteckten Jäger der Vanduul aus dem Asteroidenfeld geflogen und nahmen den Kampf mit den Söldnern auf. Einer allerdings hielt auf den Konvoi zu. Sim ließ sich einen Abfangkurs von Jill berechnen, die die Route auf dem Sichtfenster des Cockpits projizierte. Er näherte sich rasch dem Gegner an und suchte eine ideale Feuerposition, jedoch machte es der feindliche Jäger ihm nicht leicht und blieb in Bewegung.
Sim klemmte sich energischer hinter den Steuerknüppel und setzte ihm unablässig nach.
Der feindliche Pilot probierte es mit einer anderen Taktik, denn er setzte zu einer 180 Grad Kehrtwende an. Sim ahmte das Manöver nach, plötzlich brach aber der Jäger aus der Formation aus und er selbst konnte nicht rechtzeitig reagieren.
Für ihn war es abzusehen das sein Gegner nun ansetzte ihn zu jagen und das er mit seinem Schiff zum Ausweichen nicht so wendig war wie sein Gegenüber.
Er hielt auf das Asteroidenfeld zu.
„ Berechne mir einen Kurs der uns mit erhöhter Geschwindigkeit durch das Feld bringt, vielleicht können wir ihn da ausmanövrieren. Nutze die Daten der Pods.“
Seine KI projizierte eine Route, samt empfohlener Geschwindigkeit, auf dem Cockpitfenster und Sim flog ins Asteroidenfeld, mit seinem Gegner im Schlepptau.
Anfangs sah es so aus, dass er genug Abstand zum Gegner gewann, doch dieser holte unablässig auf. Er schien ebenfalls das Feld gut zu kennen.
Sein Gegner schaffte es ihn ins Visier zu nehmen und feuerte, doch Sim konnte sich vor dem Beschuss retten, indem er durch eine Lücke im Feld von seiner geplanten Route abwich.
Der Beschuss des Gegners sprengte einen kleineren Asteroiden, der in mehrere Stücke zerbarst. Da kam ihm eine verzweifelte Idee.
„ Jill, hier ein Rätsel für dich. Zwei Schiffe fliegen in einen Asteroidenhagel, wie viele schaffen es wieder heraus?“ Sie verstand sofort.
„Ich denke wir beide kennen die Antwort. Ich erstelle eine neue Route samt empfohlenen Zielen um den Schaden an unserem Schiff gering zu halten. Ich ziehe außerdem Energie von den Waffen ab, um sie auf die Schilde und Schiffscanner umzuleiten, damit sie genauere Daten liefern. Die Pods im Feld werden durch das Manöver mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent vernichtet.“
„ Die kann man ersetzen, uns nicht. Richte dich darauf ein die Route anzupassen wenn er wieder zu nahe kommt.“, meinte er und flog nach dem neu entworfenen Kurs.
Während des Flugs beschoss er festgelegte kleine bis mittelgroße Asteroiden und wich durch Jills Berechnungen den Trümmern aus. Von weiten betrachtet, entsprach die Flugroute einer Schleife im Asteroidenfeld. Durch die neue Vorgehensweise schufen sie eine größere Distanz zum Gegner, da sie zwischendurch die Richtung wechselten und ihre Fluchtwege mit Trümmern absicherten. Es war erkennbar, dass er ihnen trotzdem nach wie vor folgte.
Hartnäckiger Bastard.
Ein grösser werdender Nebel aus Trümmern waberte durch das Feld.
Sobald der Nebel dicht genug und der Abstand zum Gegner groß genug war, brachte ein sicherer Weg der KI sie aus dem Feld.
„ Wo ist unser Freund?“, fragte Sim, als sie außerhalb des Feldes flogen, bereit sich auf ihn zu stürzen. Im Nebel war kurz darauf ein Feuerball zu sehen und das Abbild des Feindes erlosch im HUD.
„ Welches Stück von ihm meinst du?“, erwiderte die KI.
Er lächelte leicht.
„ Zynismus steht dir nicht. Du bist doch mein gutes Gewissen.“
Eine Folge abgehackter hoher Laute drang durch das Schiff. Sie kicherte.
„ Ach ich will auch mal das böse Mädchen sein.“ Ein Schatten legte sich über seine Miene.
„Tu das bitte nicht.“, bat er sie.
„Okay…tut mir Leid“ entschuldigte sie sich, „…unsere Sensoren erfassen neben den Trümmern der Asteroiden auch Raumschiffteile im Feld. Es war sonst keiner dort.
Ich registriere außerdem, dass von den acht feindlichen Schiffen nur noch zwei intakt sind, sie befinden sich bereits auf dem Fluchtweg. Von den Schiffen der Söldner sind nur noch ein Jäger und das Schiff des Anführers übrig. Allerdings haben wir auch zwei Frachter verloren und einer ist flugunfähig.“
Er fluchte.
„ Scheiße! Das hätte nicht passieren dürfen. Wenn die Söldner die Schiffe nicht angegriffen hätten, wären sicher mehr von unserer Seite am Leben.“
Nach einer halben Sekunde meldete sich Jill.
„ Vielleicht. Es bestand eine Chance von 60 Prozent das sie uns angreifen würden. In Anbetracht dessen das die Vanduul meist eher aggressiv…“
„Jill…sei still“, unterbrach er sie barsch. Stille.
Er atmete schwer aus. Sim wusste, dass sie kein Mensch war und sie nur die Tatsachen aufzählte. Gewisserweise wollte sie ihm damit helfen sich nicht mit dem Was-wäre-Wenn zu plagen, aber er ärgerte sich trotzdem über die kopflose Vorgehensweise der Söldner.
Er entschuldigte sich bei ihr und sie gesellten sich zu den Überlebenden.
Der Rest der Mission verlief ereignislos. Sobald sie die Umlaufbahn von Ashana erreichten, suchten sie sich einen sicheren Bereich im Orbit und stellten gemeinsam mit den verbliebenen Söldnern eine Verbindung zu ihrem Auftraggeber her. Es war das erste Mal seit Beginn der Mission, das sich die Söldner in der Videokonferenz sahen und die Kapitäne der beiden Schiffe blickten Sim verächtlich an. Es sah so aus, das sie ihn für ihre Verluste verantwortlich machten. Doch bevor jemand etwas sagte, kam ein Bild von ihrem Auftraggeber.

Beim ersten Treffen, in dem Sim Vedo persönlich traf, dachte er zunächst der Kerl hätte seinen Auftraggeber gefressen. Nach menschlichen Maßstäben war er mehr als einfach nur übergewichtig. Vedo war einfach fett. Sim vermied es aber ihm das so ins Gesicht zu sagen.
Er war einmal dabei, als ein anderer Söldner vor der Gegenwart ihres Auftraggebers sich zum Aussehen von diesem äußerte. Vedo ließ ihn darauf mundtot machen, indem er ihm die Zunge ausreißen ließ.
Vor Sim und den Söldnern befand sich ein Ausschnitt von Vedo, der ihn von unten bauchaufwärts zeigte. Er hatte dabei die Augen geschlossen und den haarlosen Kopf entspannt nach hinten gelegt. Zwischendurch war im unteren mittleren Bereich des Bildes der auf und absenkende Hinterkopf einer Frau erkennbar, den Vedo mit einem seiner Hände umfasste.
Sim empfand es als ziemlich eindeutig und wiederwertig, besaß aber den Anstand nichts zu sagen und konzentrierte sich auf die Stirn des Mannes.
Ein anderer Mann außerhalb des Bildes neigte sich zu Vedo und flüsterte etwas in sein Ohr, dieser verscheuchte darauf die Frau und wandte sich grinsend den Söldnern zu.
„ Ahhh, da seid ihr ja meine Freunde. Gut gut. Ich habe gehört das meine Schiffe gut angekommen sind…zumindest einige.“, sagte Vedo im gespielt freundlichen Ton.
Der Anführer der Overkill tobte los.
„ Es wären wesentlich mehr Schiffe durchgekommen, wenn dieser Feigling sich nicht im Asteroidenfeld versteckt hätte. Meine Männer wären noch am Leben!“
Sim wandte sich dem Bild vom Anführer zu, er selbst hatte vor der Konferenz seinen Helm wieder auf dem Schoss abgesetzt.
„ Eure Männer und die toten Kapitäne wären noch am Leben, wenn ihr die Räuber nicht angegriffen hättet. Unser Auftrag war einzig und allein unsere Schiffe zu verteidigen. Wir sollten keine Kampfhandlungen mit möglichen Gegnern eingehen. Ich war im Asteroidenfeld weil ich von einem Räuber gejagt wurde, den ich abgefangen habe…an der Stelle bei den Schiffen wo ihr während des Kampfes hättet sein sollen. Doch dafür habt ihr euch vom Feind woanders ablenken lassen.“, berichtigte er kühl.
Während des sicheren Fluges nach Ashana hatte er mit Jills Daten den Kampf der Söldner ausgewertet und es stellte sich heraus, dass diese nie in der Nähe der Frachter waren.
Bevor der Anführer der Söldner was sagen konnte, kam Vedo dazwischen.
„ Ist ja jetzt auch egal. Die Fracht wurde von allen verbliebenen Schiffen abgeliefert und dementsprechend fällt euer Lohn auch geringer aus. Da ich aber heute sehr gute Laune habe, wird euch der Lohn eurer toten Leute angerechnet. Das Geld wird überwiesen, ihr könnt jetzt gehen…außer du Falcon.“
Sim hatte sich mit seinem alten Codenamen bei Vedo vorgestellt. Er sah keinen Sinn darin ihm seine volle Identität preiszugeben.
Die verbliebenen Söldner warfen ihm noch einen letzten bösen Blick zu, in dem auch ein Hauch von Schadenfreude lag und trennten die Verbindung.
Ich hab da ein ganz mieses Gefühl…

Vedo legte seine Hände überkreuz auf den Bauch und musterte ihn.
„ Meine Frachtkapitäne haben mir von dem Gespräch vor dem Angriff zwischen dir und dem anderen Söldner erzählt. Ich würde gerne von dir wissen, warum du gegen einen Angriff warst.“
Also ein Verhör. Klasse. Er atmete tief durch.
„ Wie ich bereits sagte, der Auftrag war eindeutig. Wir sollten einzig und allein sicherstellen, dass die Fracht an ihrem Ziel ankommt. Nicht mehr und nicht weniger.“
„ Aber wär es nicht klüger gewesen das Problem im vornherein zu beseitigen? Schließlich hätten sie euch trotzdem überfallen können.“
„Das bestreite ich auch nicht. Ein gut koordinierter Angriff hätte auch was gebracht, aber die Söldner sind kopflos zum Gegner geflogen und überließen den Konvoi sich selbst. Hätten sie einige zum Schutz dagelassen, wären mehr deiner Frachter durchgekommen.“, erklärte er. Ärger keimte in ihm auf, aber er schluckte ihn hinunter. Vedo nickte.
„ Das hat man davon wenn man Amateure anstellt, aber deswegen…“, grinste Vedo nun ihn an, „…habe ich auch einen Söldner mit Köpfchen dabeigehabt.“
Er wollte was sagen, aber Vedo brachte ihn mit einer Hand zum Schweigen.
„ Das sollte kein Vorwurf sein. Die Typen ließen nicht mit sich reden, sie erkennen keine Autoritäten an. Das einzige was sie interessiert ist Sachen kurz und kleinzuschießen und dafür bezahlt zu werden. Aber du bist anders…“, grinste er.
Das ist mir auch schon aufgefallen.
Vedo fuhr fort: „ Hast du dir mal überlegt, auf längere Zeit für mich zu arbeiten?“
Bietet er mir…einen Vertrag an?
„ Ich arbeite schon recht lange für dich.“, tastete Sim sich vor. Vedo grinste.
„ Das tust du und du hast mich überzeugt dir etwas mehr zu bieten. Wusstest du, dass diejenigen, die einen Vertrag mit mir haben wesentlich mehr verdienen als sporadisch angeheuerte Söldner? Das was du bisher bekommen hast ist nur ein kleines Trinkgeld. Wenn du aber zusagst, hast du nach einer Hand voll Aufträgen genug um dir ein neues Schiff zu leisten. Außerdem stell ich dir eine gut ausgestattete Unterkunft, samt eins meiner Mädchen zur Verfügung. Kostenlos.“
Sim überlegte. Er hatte schon von einigen gehört, das Vedo denjenigen, die bei ihm unter Vertrag standen, finanziell mehr entgegenkommend wäre, als denen die, wie er, sich für einzelne Aufträge anheuern ließen. Rein des Geldes wegen würde es sich lohnen, er hatte nur ein Problem mit der Art der Aufträge. Er hatte gehört, dass nicht wenige für spezielle Missionen zur „Problembeseitigung“ eingesetzt wurden und er konnte sich gut vorstellen was das bedeutete. Sich selbst zu verteidigen und dabei jemanden zu töten war eine Sache, gezielt Jagd auf jemanden zu machen war für ihn etwas ganz anderes. Bisher gelang es ihm Überfallmissionen aus dem Weg zu gehen, aber mit dem Vertrag hätte er nicht mehr so viele Freiheiten bei der Wahl des Auftrags. Das Geld konnte er gut gebrauchen, es war nur die Frage ob er sein Gewissen noch mehr belasten sollte.

„ Das Geld klingt verlockend, aber die Geschlechtskrankheiten kannst du behalten.“, antwortete Sim mit einem entschärfenden Lächeln.
Vedo lachte, wobei jede Falte seines Körpers mit bebte.
„ Falcon, du tust mir unrecht. Meine Mädchen sind alle sauber und rein. Keine billigen, heruntergekommenen Frauen von der Straße. Wenn du ein Mädchen willst, gehört es ganz allein dir…“, grinste Vedo verschmitzt, „Sie sind gut darin geschult für Entspannung nach einem harten Arbeitstag zu sorgen. Aber mir scheint, ich muss dich erst überzeugen. Du bist ein zäher Brocken, das gefällt mir. Charity, komm mal her und zeig dich diesem halsstarrigen Mann.“
Eine äußerst ansehnliche Frau trat ins Bild. Mit Ausnahme eines rosafarbenen Slips und einem BH, trug die Frau nichts, sodass ihre wohlgeformten, aber natürlichen Proportionen, sowie die leicht gebräunte Haut zur Geltung kamen. Sie hatte langes pechschwarzes Haar, was sie zu einem Zopf geflochten hatte, der vorne an der Seite ihrer Brust lag. Mandelförmige, dunkle Augen musterten ihn interessiert und sie schenkte ihm mit ihren vollen Lippen ein verführerisches Lächeln, wodurch ihre perlweißen Zähne zur Geltung kamen.
„Uh mhm, mir gefällt was ich da sehe.“, raunte sie.
Sim musste schlucken, fasste sich wieder und setzte ebenso ein Lächeln auf.
Charity ja? Ich hab eine Schwäche für Frauen die sich für die Wohlfahrt einsetzen.“
Ihr Lächeln wurde breiter und mit einer warmen, volltönenden Stimme antwortete sie:
„ Ich kann seehr wohltätig sein, wenn du es wünscht.“ Es war mehr ein Schnurren.
Im Hintergrund wedelte Vedo ungeduldig mit der Hand.
„ Jaja, ihr habt euch beide gefunden, jetzt lasst uns wieder zum geschäftlichen kommen. Weg mit dir Mädel.", sagte er und gab der Kurtisane einen Klaps auf den Hintern. Sie gab ein verspieltes „Auuu“ von sich, sah dabei Sim süffisant an und ging mit einem betonten Hüftschwung aus dem Bild. Er starrte ihr nach. Sie gefiel ihm wirklich.
Vedo bemerkte seinen Blick und grinste.
„ Wie gesagt, arbeite vertraglich für mich und sie gehört dir. Du kannst dich gern selbst von ihren Entspannungskünsten überzeugen…nachdem du zugesagt und deinen ersten Auftrag erledigt hast.“
„ Ich muss darüber nachdenken Vedo…“, sagte er nach einigem Zögern.
„ Natürlich, so ein großer Karrieresprung muss gut durchdacht werden, aber lass dir nicht zu viel Zeit. Du weißt ja wie das läuft. Es gibt immer einen anderen…“, grinste Vedo vielsagend, beendete somit das Gespräch und trennte die Verbindung.

Sim atmete schwer aus und überlegte. Ihm stellte sich eine gewaltige Möglichkeit dar.
Er konnte mit dem Arbeitsvertrag wesentlich besser über die Runden kommen und sich zum Beispiel die lang ersehnte Hornet kaufen, zu der Vedo ihm damals nichts beisteuern wollte.
Zudem gab es eine attraktive Frau, die ihm die Abende nach der harten Arbeit in seiner ansehnlichen Unterkunft versüßte. Die Phantasien die er mit der Kurtisane ausleben konnte, berauschten ihn. Er sah sie schon vor seinem inneren Auge. Doch dazu gesellte sich noch ein anderes Bild aus seiner Vergangenheit. Eine ebenfalls nicht ganz unattraktive Frau machte ihm ein Angebot und berührte ihn unsittlich. Dieselbe Frau die sich mit einem älteren und einem jüngeren Mann in seiner Familie abgab. Ein Schauder rann ihm den Rücken runter.
Voller Scham schaute er zu Boden. Er konnte es nicht fassen, dass er Vedos Angebot allein seinem Vergnügen halber in Erwägung zog. Das Geld wär eine andere Sache, aber ob sein Gewissen mit seinen zukünftigen Taten leben konnte, sodass er damit im reinen blieb, bezweifelte er. Es wurde so schon genug belastet. Besonders seit…
Doch bevor er sich weiteren dunkleren Gedanken hingab schaltete sich Jill ein.
„ Weißt du, was mich immer wieder bei Vedo verblüfft?“, fragte sie.
Er blickte auf.
„ Das er Frauen wie diese hat? Es liegt am Geld.“, antwortete er geknickt.
„ Nein, dass er so fett ist, das selbst seine Titten Titten haben.“, klärte sie belustigt auf.
Er starrte sprachlos auf die Kamera vor sich…und starrte.
Sim konnte nicht anders und brach in schallendes Gelächter aus. Die ganze Anspannung löste sich mit einem Schlag auf.
„ Tja Jill. Auf der Erde war es in einigen Ländern ein Zeichen von Wohlstand einen dicken Bauch zu haben.“, grinste er, nachdem er sich einigermaßen beruhigt hatte, „Mittlerweile stellen Wohlstandstitten Luxus dar.“

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Sim Russ« (07.01.2015, 18:25)


Logan

Veteran des Outpost 7

Wohnort: Schweiz

Titel: ***

  • Nachricht senden

6

08.01.2015, 09:29

2931 – Träger Belarion, 211 Battle Group

“Hast du gehört, Tommy? Wir sollen einen neuen Wingman erhalten.“

„Ah ja? Weiss man schon wer es ist und wo er vorher geflogen ist?“

„Ja weiss man, er war bei den Marines!“

„Willst du mich verarschen?“

„Nein, er sollte übermorgen hier eintreffen“

„Und weisst du das Beste?“

„Nein, erzähl schon……..“

„Der Typ ist ein Krüppel. Er hat seinen Arm verloren“ beide lachten lauthals los.

„Quatsch…..Woher weisst du das?“ fragte der eine mit Tränen in den Augen.

„Gerard schläft mit Stacy der blonden Tussi, der Assistentin des Rear Admirals. Sie hat zufällig ein Gespräch mitbekommen, wo dies thematisiert wurde. Zwar hat sie nicht alles gehört, aber genug um dir zu sagen, dass ich darüber gar nicht glücklich bin.“

Die zwei jungen Piloten unterhielten sich leise in der Schiffseigenen Bar, welche zwar nicht sonderlich gross war, jedoch gross genug, um einige durstige Piloten zu bedienen. An diesem Abend war die Bar aber nicht sonderlich voll, da es am nächsten Tag einen grossen Einsatz gab, worauf viele Piloten einsatzbereit sein mussten und deshalb keinen Alkohol konsumieren durften.

„Also von einem Marine lasse ich mir bestimmt nicht den Rücken decken, vor allem nicht von einem Krüppel“ Beide lachten wieder lauthals.

„Ich auch nicht, ich frage mich welcher Vollidiot dafür verantwortlich ist, dass der „einarmige Bandit“ neu in unserer Staffel ist.“

„Der Selbe Vollidiot der dafür verantwortlich ist, dass Sie noch in dieser Staffel sind Lieutenant.“ Die beiden Piloten verstummten augenblicklich und drehten sich rasch um. Ein Mann, er müsste um die dreissig sein, stand mit verschränkten Armen hinter ihnen. Seine Uniform sass perfekt und er sah die beiden Piloten mit scharfem Blick an. Diese sprangen sofort auf und salutierten unsicher.

„Oder haben Sie bereits vergessen, dass der Captain Sie nach Ihrer Letzten Mission zum Teufel jagen wollte und ich mich für Sie verbürgt habe?“ fuhr der Mann in Offiziersuniform fort.

„Natürlich nicht Sir, ich…ich wollte nicht“ versuchte sich der eine Pilot zu entschuldigen.

„Und Sie Lampart…..“ der Offizier unterbrach den Piloten und fixierte sein zweites Gegenüber scharf. „Von Ihnen hätte ich etwas mehr Respekt und Toleranz erwartet, ich dachte Ihre Schwester sei selber körperlich beeinträchtigt? Ist sie deswegen auch ein Krüppel?“

„Nein Sir…..“ Der Pilot mit Namen Lampart sah beschämt zu Boden.

„Habt Ihr das Gefühl die Marines bilden keine Piloten aus? Zusätzlich zu ihren Landungstruppen verfügen die Marines noch über Elite-Kampffliegereinheiten. Aber ich nehme an das wusstet Ihr nicht. In meiner Staffel toleriere ich kein Waschweiber Geschwätz.“ Er schüttelte sichtlich genervt den Kopf.

„Ryan Tellford hat seinen linken Arm in einem Einsatz gegen die Vanduul verloren, als er und unzählige andere Marines dabei halfen eine Stadt zu evakuieren, welches von den Vanduul überrannt wurde. Er und seine Einheit konnten alleine über Dreihundert Menschen retten, darunter viele Frauen und Kinder. Tellford hatte verhältnismässig grosses Glück, er verlor zwar seinen linken Unterarm, war aber einer der einzigen, welche es schaffte lebendig aus dieser Hölle wieder herauszukommen. Ihr könnt euch geehrt fühlen neben solch einem Helden fliegen zu dürfen. Und jetzt wegtreten!“

„Ja Sir“, schoss es zeitgleich wie aus einer Pistole und die Piloten verschwanden blitzschnell.

Der Offizier ging an die Bar, genehmigte sich einen Whisky und kehrte seinen Barhocker, damit er aus dem grossen Fenster, auf der anderen Seite des Raumes blicken konnte. Einige Jäger zogen am Schiff vorbei, dicht gefolgt von einer Fregatte der Idris Klasse.

„Sei nicht zu hart mit deinen Piloten Christopher, sie sind noch Jung.“

Der Barkeeper reichte Logan ein weiteres Glas, schenkte sich ebenfalls ein und schüttete sich die braune Flüssigkeit ohne weiteres die Kehle herab.

„Du weisst wie ich diese ewigen Vorträge hasse Caleb“ Logan sah den Barkeeper etwas bedrückt an.

„Ich weiss, du darfst aber trotzdem nicht vergessen, dass viele Piloten noch halbe Kinder sind. Es fehlt ihnen an Erfahrung und Disziplin. Ach ja und sowieso, als du noch in ihrem Alter warst hast du bestimmt Tag ein Tag aus nur Scheisse gelabert.“ Die beiden lachten lautstark. Aus irgendeinem Grund hatte Caleb Mokley den Steuerknüppel gegen einen Bierzapfhahnen eingetauscht und war seitdem ein guter Freund von Logan. Zwei Jahre später würde Caleb bei einem Angriff der Vanduul sein Leben lassen.

Ryan Tellford hatte sich mittlerweile rasch einen Ruf als ausgezeichneter Pilot und verlässlichen Wingman in der Bravo 7 Staffel und bei anderen Piloten erarbeitet. Vielen Piloten hatte er das Leben gerettet, darunter auch zwei jungen Piloten, welche seine Fähigkeiten zu Beginn in Frage gestellt hatten. Christopher Logan und Ryan Tellford wurden sehr gute Freunde und flogen in den darauffolgenden zwei Jahren gemeinsam unzählige Einsätze.
Im Jahr 2933 kam es zu schweren Kampfhandlungen an der Grenze der UEE und der Vanduul nahe Kellog. Das 211. Battle Group musste trotz Sieg, schwere Verluste hinnehmen. Diverse Jägerstaffeln und Hilfsschiffe wurden zerstört. Das Flagschiff Belarion (Trägerschiff der Bengal-Klasse) wurde mittelschwer beschädigt. Dutzende Piloten, darunter auch Ryan Tellford und Christopher Logan wurden für die Verteidigung der Flotte und besonders herausragende Leistung ausgezeichnet.

Beide flogen noch weitere drei Jahre zusammen, ehe Christopher Logan im Jahr 2936 wegen einer Tätlichkeit gegenüber einem direkten Vorgesetzten unehrenhaft aus der UEE Navy Entlassen wurde. Bis heute schweigt er zu diesem Vorfall und keiner weiss was genau geschehen ist.

Fünf Jahre flog Tellford für die UEE Navy und das 211. Battle Group und hatte in dieser Zeit noch regen Kontakt mit seinem ehemaligen Wingman. Aus persönlichen Gründen verliess dann Tellford die UEE Navy und gründete ein Jahr später mit Logan zusammen die Logan & Tellford Inc.

Die L&T Inc. spezialisierte sich auf diverse Aufträge, wie zum Beispiel: Geleitschutz, Transport diverser Personen und Fracht, sowie Rettungsmissionen und gelegentliche Kopfgeldjagd. Mittlerweile haben beide Inhaber 8 Personen bei der L&T Inc. angestellt und verfügen über eine Gladius, eine Cutlass Black und einer Redeemer. Neuste Anschaffung ist eine Constellation Andromeda, welches sich noch bei der Central Core Bank in Abzahlung befindet. Der Sitz der L&T ist in Boston auf der Erde.

Zu Beginn lief das Geschäft richtig gut, es gab viele Aufträge und die Firma konnte sich mit der Zeit einen guten Ruf aufbauen. Jedoch änderte sich dies nach zwei Jahren und es wurde zunehmend schwieriger alle Kosten dank schwindender Auftragszahlen zu bezahlen. Ein kürzlich eingegangener Auftrag könnte die Rettung für die finanziell angeschlagene Firma sein…

Ryan

Mitglied der Gemeinschaft

Wohnort: Berlin

Titel: Mr. Laserbeam

  • Nachricht senden

7

08.01.2015, 10:29

2945, Geddon-System

Ryan Tellford tippte ungeduldig mit seiner linken Hand auf die Lehne seines Sessels. Der Captain der “Samurai” hatte so einige Tugenden, Geduld jedoch war keine davon. Die metallenen Finger seiner Unterarmprothese machten dabei ein klackendes Geräusch, während die winzigen Servomotoren leise summten.

“Wie lange dauert der Scan noch, Ice?”

Angela Gregorovich dreht sich in ihrem Stuhl zu ihm um. Ihr Gesichtsausdruck war streng und ernst, wie immer, was ihr auch ihren Rufnamen eingebracht hatte. Dennoch… Ryan liebte diese Frau, sie war eine Granate im Bett.



“Nur noch ein paar Minuten, Captain. Das System ist groß.”

Ryans Blick fiel auf die Cutlass, die vor der Nase der Redeemer auf und ab zu tanzen begann. Logan wurde also ebenso ungeduldig.

“Ah. Ah.”

Der ehemalige Soldat sah zu seinem indianischen Waffeningenieur. Tomahawk war ein Bulle und man traute ihm sein Geschick in Sachen Raumschifftechnik nicht zu. Die Tatsache, dass er nicht sprechen konnte, trug sicherlich seinen Teil dazu bei. Er gab nur animalisch klingende Laute von sich.

“Ah, Ah!”

Ryan hatte über die letzten Jahre gelernt das eine oder andere zu deuten. Ihm war aber auch bewusst, dass er oft viel zu viel interpretierte.

“Nein, Tomahawk, wir fliegen nicht einfach aus das Geratewohl los. Wir haben unser Päckchen beinahe abgeliefert, da gehe ich nicht auf den letzten Metern ein unnötiges Risiko ein.”

“Ah, Ah!”

“Halt den Mund, du zungenlose Rothaut, wir…”

“Captain, Scan komplett.”

Ryan sah auf die Computerkonsole vor sich.

“Leg’s mir auf den Schirm, Ice.”

Drei kleine Schiffe mit zivilen Signaturen waren im System unterwegs, zwei davon Auroras, eine 315i. Dazu noch eine riesige Merchantman. Sonst war alles ruhig. Ryan öffnete einen Kanal zur “Strong Hand”.

“Chris, hier ist Ryan. Reichweitenscan abgeschlossen, keine Gefahr erkennbar. Auslieferung kann jetzt beendet werden.”

Der Funk krächzte, als Christopher Logan antwortete.

“Samurai, hier ist die Strong Hand. Na endlich, warum hat das so lange gedauert? Hast du mit Ice noch ne Nummer geschoben, bevor ihr gescant habt?”

Ryan grinste und ersparte sich einen Seitenblick auf Angela.

“Halt die Klappe, Logan. Lass uns das hier fertig bringen, dann können wir alle ‘ne Nummer schieben. Die Hand geht vor, das Päckchen kommt in die Mitte, verstanden? Das Päckchen kommt in die Mitte!”

“Roger. Aber wer hat dich eigentlich zum Chef ernannt, Tellford? Mein Name steht vor deinem.”

Ryans ältester und bester Freund spielte damit auf ihren Firmennamen an. Nachdem die beiden das Militär der UEE unter wenig erfreulichen Umständen verlassen hatten, suchten sie ihr Heil in einer selbstgegründeten Firma “Logan & Tellford Inc.”. Sie übernahmen Aufträge aller Art und waren dabei mehr oder weniger erfolgreich, auch wenn sie gerade in letzter Zeit großes Pech hatten. Ryan erhoffte sich deshalb von ihrem aktuellen Auftrag eine deutliche Besserung.

Logans Cutlass setzte sich in Bewegung und die große Redeemer folgte langsam. Das sogenannte Päckchen setzte sich zwischen sie, ein Päckchen, was ihnen viele Credits bescheren sollte.
Ihr aktueller Auftrag war ein “VIP-Eskort”, irgendein wichtiger Mann sollte ins Geddon-System begleitet werden. Ryan hatte keine Ahnung, was der Typ in der M50 auf diesem Banu-Vulkan-Klotz wollte, vermutlich ging es um Wirtschaftsspionage, aber es war augenscheinlich, dass ihn bestimmte Leute tot sehen wollten. Vor zwei Sprungpunkten war die kleine Gruppe von zwei Hornets angegriffen worden. Logan und Ryan hatten sie ohne selbst Schaden zu nehmen abgefertigt, aber es war immer heikel, wenn man nicht nur für sich selbst kämpfen, sondern auch noch etwas beschützen musste, vor allem, wenn es in einer fragilen M50 saß.

Nun aber war es gleich geschafft, Tat’Ko lag vor ihnen und in einer halben Stunde würden sie da sein und das Paket abliefern. Chen, ein Spezialist für Schilde und Energie, der zur Zeit für die L&T Inc. arbeitete, unterbrach die Stille.

“Sir, darf ich Sie was persönliches fragen?”

Ryan rümpfte die Nase.

“Nenn mich nicht ‘Sir’, Junge, sonst komme ich mir wieder vor wie beim Militär. ‘Captain’ reicht.”

Chen nickte.

“Okay, dann Captain. Sie waren mit Ihrem Schiff beim Militär, davon gibt es hier an Bord noch viele Spuren. Wie haben Sie ihren Rufnamen bekommen? Ryan ‘The Mage’ Tellford. Ungewöhnlicher Name. Sie sind ein Magier?”

“Ah, Ah!”

Der Indianer grinste und Ryan sah ihn böse an, bevor er sich wieder an Chen wandt.

“Halt die Klappe, Tomahawk. Also Kleiner, einen Rufnamen sucht man sich in der Regel nicht selbst aus, die Frauen und Männer deiner Einheit geben ihn dir, wenn es passt. Manche bekommen nie einen, und ich habe meinen sogar schon erhalten, als ich noch bei den Marines war, bevor ich zur Navy gewechselt bin.”

Ryan rutschte kurz auf seinem Sessel zurecht, während er die M50 und die Cutlass vor sich beiläufig im Auge behielt. Sie passierten jetzt die riesige Banu Merchantman.

“Als junger Marine hatte ich es drauf, mich immer gut zu tarnen oder aus der Ferne zu schießen und so plötzlich aufzutauchen, dass es manchen wie Zauberei vorkam. Die meisten meiner Feinde waren tot, bevor sie überhaupt wussten, dass sie angegriffen wurden.”

Der Ex-Soldat lachte trocken.

“Außerdem hatte ich…”

“Ah, Ah!”

Er sah ärgerlich zum Indianer hinüber.

“Ich hab doch gesagt, du sollst die Klappe…”

“Captain! Da, Backbord!”

Der Schreck in der Stimme der sonst so abgebrühten Angela, ließ Ryan zusammenfahren. Er riss den Kopf nach links und starrte ins All.
Die Merchantman, an der sie rechts vorbeizogen, schien nicht das zu sein, was sie schien. Mehrere Schotten öffneten sich. Der große Händler jedoch hatte augenscheinlich keine Frachtcontainer geladen, sondern… Schiffe. Lauter kleine Schiffe, die aus ihm hinausströmten. Es waren fünf oder sechs Stück, P-52 Merlins, wenn Ryan das richtig sah, und sie gingen in Angriffformation über.

“Verdammt, eine Falle! Chen, Schilde auf Maximum, Tomahawk, Waffen ausrichten!”

Logan hatte den Hinterhalt auch schon registriert und drehte die Cutlass. Seine Stimme erklang aus dem Funkgerät.

“Angriff von Backbord, Verteidigungsposition einnehmen! Das Päckchen muss geschützt werden, die Samurai muss Deckung geben.”

Ryan versuchte mit der Redeemer immer vor der kleinen M50 zu bleiben, doch die Merlins waren schnell und umrundeten ihre Opfer immer wieder. Die Angriffe der kleinen Schiffe prasselten auf die Samurai, die aber dadurch nur leichten Schaden nahm. Sie jedoch war nicht das Ziel, die Angreifer wollten an das Päckchen.
Logan rammte gerade einen Flieger bei Seite, als Ryan einen der Merlins mit einer Salve regelrecht platzen ließ. Tomahawk stieß einen Triumphlaus aus, doch kurz danach wurde die Redeemer kräftig durchgerüttelt und ein Funkenregen stob von einer Konsole empor. Der ehemalige Soldat starrte auf die Anzeigen.

“Ice, was war das?”

Die junge Frau schrie, um sich durch das Laserfeuer bemerkbar zu machen.

“Es ist die Merchantman! Sie schaltet sich in den Kampf ein!”

Ryan öffnete einen Kanal zur Strong Hand und knurrte durch zusammengebissene Zähne.

“Logan, wir bleiben in Position. Kümmere du dich um die Merlins, ich puste die dicke Qualle vom Himmel!”

Die Samurai flog ein Ausweichmanöver und Ryan ließ schließlich alle Waffentürme auf das Handelsschiff ausrichten. Leider war das der Moment, in dem das Päckchen die Nerven verlor. Die M50 des VIPs stob aus ihrer Deckung heraus und raste so schnell wie möglich auf den Planeten zu. Darauf hatten die drei übrig gebliebenen Merlins nur gewartet, sie nahmen die Verfolgung auf und feuerten aus allen Rohren.

“Nein! Fokus wieder auf die Merlins! Logan, das Päckchen brennt durch, hinterher, er…”

Doch es war zu spät. In einem Funkenregen zerstob die M50 in ihre Einzelteile und Ryan hämmerte wutentbrannt mit seiner Armprothese auf die Sessellehne.

Eine Stunde und ein paar Sprungpunkte später waren die Samurai und die Strong Hand wieder auf dem Weg zur Erde. Die Stimmung war gedrückt und Ryan hatte sich zu Logan auf die Cutlass gesellt, während Ice die Redeemer kommandierte. Er reichte seinem Freund eine halbleere Flasche Bourbon.

“So eine Scheiße! Wieder nichts! Ein Schuss in den Ofen! Wenn der Penner bei uns geblieben wäre, hätten wir ihn mit Sicherheit abgeliefert, so ein Hosenschisser!”

Logan nickte und setzte die Flasche ab.

“Stimmt. Und jetzt ist er tot. Aber die Merlins und die Merchantman auch. Immerhin.”

Ryan zuckte mit des Schultern.

“Na und? Denkst du, wir bekommen auch nur einen Credit dafür?”

“Das werden wir gleich sehen.”

Logan öffnete einen Kommunikationskanal und das Gesicht eines fetten Boreaners erschien auf dem Monitor. Als er die Geschäftsinhaber der Logan&Tellford Inc erkannte, rötete sich sein Gesicht vor Zorn.

“Dass ihr es überhaupt wagt, euch bei mir zu melden, ihr unfähigen Bastarde!”

Ryan sah verblüft zu Logan rüber. Er wusste es schon. Wie konnte er das so schnell schon wissen? Sein Freund hob abwehrend die Hände.

“Nun mal langsam, Meister. Das war nicht unsere Schuld. Wir sind in einen Hinterhalt geraten und dein Kumpel hat die Nerven verloren. Ist einfach abgehauen, wenn er auf uns gehört hätte, wäre er noch am Leben.”

Der Boreaner schien kein Verständnis dafür aufbringen zu wollen.

“Eure Ausflüchte sind mir scheissegal! Ihr seid die Loser der Galaxis, nichts kann man euch anvertrauen, nichts!”

Ryan räusperte sich.

“Schon gut, der Auftrag wurde nicht erledigt. Aber wir haben gehörige Spesenkosten gehabt, es wäre nur fair, wenn…”

“FAIR?!”

Der Boreaner sah aus, als würde er gleich platzen. Speichel flog gegen das Objektiv seiner Holocam.

“Ich sage dir, was fair ist, Tellford! Ich werde dafür sorgen, dass ihr nie wieder irgendeinen Auftrag bekommt, nie wieder, egal was! Euer lächerliches Unternehmen wird den Bach runtergehen, ihr werdet eure Schiffe verkaufen müssen, um eure wertlosen Ärsche zu retten, und ich werde…”

Das Bild verschwand, als Logan den Kanal schloss.

“Ich denke das reicht. Ist ja nicht so gut gelaufen. Gehen wir nach Hause.”


Als die beiden Schiffe den Raumhafen von Boston erreichten, wurde es langsam dunkel in der östlichen Zeitzone der ehemaligen Vereinigten Staaten von Amerika. Die Gruppe nahm ein Shuttle zum Büro der Logan & Tellford Inc., doch dort erwartete sie bereits die nächste unangenehme Überraschung.
Ryan öffnete die Tür zu den leeren Räumlichkeiten und sah sich überrascht um.

“Beatrice? Verdammt, wo steckt sie? Die soll doch immer am Hörer sitzen, was ist, wenn Kunden sich melden?”

Sie durchsuchten die Büroräume doch es war niemand dort. Logan schnaubte.

“Kein Verlass auf das Personal! Wie lange war sie hier, gerade mal zwei Wochen? Du hast sie eingestellt, oder?”

Ryan sah ihn genervt an.

“Nur weil du gesagt hast, du findest ihre Titten toll! Ich wollte dir einen Gefallen tun!”

“Solche Gefallen brauchst du mir zukünftig nicht mehr zu tun!”

“Kannst du haben, du…”

Bevor sich die beiden ehemaligen Soldaten noch weiter in die Wolle bekamen, unterbrach sie die schneidende Stimme von Angela Gregorovich.



“Jungs! Die Schlampe ist nicht nur fort, sie hat auch einiges mitgenommen.”

Ice stand am Firmenrechner und tippte zügig auf die Tasten.

“Wenn ich das richtig sehe… hat sie 50.000 Credits auf ein anonymes Konto überwiesen, schon vor 2 Tagen. Das Geld dürfte weg sein.”

Ryan klappte der Mund auf.

“Wie zum Henker ist das möglich? Wie war sie dazu in der Lage?”

Angela zuckte mit den Schultern und sah ihn mit ihrem strengen Blick an.

“Wahrscheinlich hatte sie doch noch mehr zu bieten als nur große Titten.”

Chen machte einen unsicheren Schritt vor.

“Soll das heißen, ihr könnt mich nicht bezahlen?”

Ryan seufzte, klopfte seinem Freund Logan auf die Schulter und und ließ sich unsanft auf einer Eckcouch nieder. Das waren ihre Notersparnisse gewesen. Jetzt wurde es wirklich eng. Sie brauchten dringend einen neuen Auftraggeber, der verlässlich war…

Ethan

Mitglied der Gemeinschaft

Wohnort: Berlin

Titel: Der Pfeffersack

  • Nachricht senden

8

08.01.2015, 11:51

2944 - Terra Prime

“Ihr werdet WAS tun?” Sheila Fox riss ungläubig die Augen auf, als sie von dem Plan hörte.

Chloe war etwas überrascht von der Reaktion ihrer Mutter und zögerte einen Moment.

“Wir werden Händler, fliegen Waren durch die Gegend und machen damit hoffentlich viel Geld.”

Chloe und Ethan wohnten schon lange nicht mehr bei ihren Eltern, aber es war mit der Zeit zu einer Art Ritual geworden, dass sie einmal in der Woche vorbei kamen und die Familie gemeinsam zu Abend aß.

“Mädchen, weißt du eigentlich, auf was du dich da einlässt?” schaltete sich nun auch ihr Vater in das Gespräch mit ein. “Dein Drugstore ist eine Sache, aber als Händler hast du Unmengen an Papierkram zu erledigen. Genehmigungen, Lizenzen, Zertifikate, Versicherungen… all das muss bezahlt und erstmal besorgt werden. Wo nimmst du die Credits dafür her? Und wo wollt ihr überhaupt ein Raumschiff auftreiben?”

Ethan hatte diese Unterhaltung bisher schweigend mit einem Schmunzeln verfolgt. Es war nur ein paar Stunden her, dass er mit seiner Schwester genau die gleiche Diskussion gehabt hatte. Doch letztendlich war er davon überzeugt, dass es funktionieren könnte und mittlerweile freute er sich auch darauf.
“Dad, es wird schon klappen. Chloe verkauft ihren Drugstore und damit haben wir ein bisschen Startkapital. Jadon stellt uns günstig zwei Schiffe zur Verfügung, ich muss sie nur noch zum fliegen….”

“Jadon Korov, der Kerl, dem die Werkstatt gehört, in der du arbeitest?” unterbrach ihn Sheila. “Wenn er Schiffe hat, dann gehören die wohl eher auf den Schrottplatz, als in den Weltraum.”

“Nicht, wenn ich mit ihnen fertig bin. Es wird zwar eine Weile dauern, aber ich mache sie schon wieder flott. Die Ersatzteile bezahlt Korov ja auch. Und Chloe steigt erst in das Raumschiff, wenn ich der Meinung bin, dass es absolut sicher ist.”

Mürrisch schüttelte das Familienoberhaupt den Kopf, gab es aber auf, die Beiden von ihrem Vorhaben abbringen zu wollen. “Dennoch halte ich es für viel zu gewagt. Aber wenn ihr das unbedingt machen wollt… eure Mutter und ich werden euch immer unterstützen. Womit wollt ihr denn anfangen?”

Unschlüssig sahen sich die Geschwister an. Darüber hatten sie sich noch gar keine Gedanken gemacht, allerdings hat Ethan im Laufe der Zeit ein paar Dinge am Raumhafen aufgeschnappt, die hilfreich sein könnten. Kleinere Transport-Aufträge gab es überall und das wäre für den Anfang geeignet.

“Ihr solltet dann eure eigene Firma gründen.” warf ihre Mutter ein. “Wenn ihr sie registrieren lasst, habt ihr bessere Chancen bei den Aufträgen und es ist seriöser. Es kostet zwar ein wenig, aber das sollte es Wert sein.”

Ethan begann zu grinsen.

“Was meinst du, Schwesterherz? Von der eigenen Apotheke zum eigenen Unternehmen? Das wäre definitiv ein Aufstieg.”

Chloe strahle vor Zuversicht.

“Ja das stimmt. Aber wir brauchen zuerst einen Namen.”

“Wie wäre es mit…”

“NEIN!” unterbrach ihn seine Schwester direkt.

“Aber...” entgegnete Ethan mit gespielter Empörung. “.. ich hab doch noch gar nichts gesagt.”

“Das brauchst du auch nicht, Brüderchen.” antwortete Chloe lachend. “ Ich sehe doch ganz genau, dass du gerade nur Blödsinn im Kopf hast.”





Die Vorbereitungen nahmen noch einige Wochen in Anspruch. Für Chloe war es nicht einfach, ihren geliebten Drugstore aufzugeben und es musste auch erstmal ein passender Käufer gefunden werden. Zu Ethan’s Leidwesen versuchte auch Korov bei jeder Gelegenheit, sich dabei einzumischen und die Sache unbewusst zu versauen. Er mochte ja seine Talente und Fähigkeiten haben, aber von Geld verdienen hatte er keinen Schimmer.

Auf der anderen Seite hatte der Rebellenführer dank seiner Kontakte die nötigen Ersatzteile für die zwei Auroras besorgen können und die ‘Grashopper’ war jetzt so gut wie Neu, auch wenn es ihr von außen nicht anzusehen war.
Ethan hatte entschieden, dass er selbst die ‘Last Hope’ fliegen wird, da sie anfangs nur ein Wrack war und er vermutlich noch einige Monate damit verbringen wird, das Ding in einen guten Zustand zu versetzen. Aber auch dieses Schiff war wieder flugtauglich und genügte zumindest seinen eigenen Anforderungen.


Wie fast jeden Tag arbeitete der zukünftige Tycoon im Hangar an seiner Aurora, als er die Stimme seiner Schwester hörte, die voller Freude war.

“Ethan, wo versteckst du dich?”

Er hämmerte mit seiner Faust von Innen an die Verkleidung, um auf sich aufmerksam zu machen.

“Ich bin hier drin, Chloe.”

Seine Schwester kletterte über die Einstiegsluke in das Innere der ‘Last Hope’ und entdeckte ein paar wackelnde Füße, die aus dem hinteren Abteil des Schiffes herausragten.

“Was machst du da? Probierst du schon dein neues Bett aus?”

Mit einiger Mühe konnte sich Ethan in der kleinen Röhre so positionieren, dass er nach vorne sehen konnte, wo ihm Chloe mit einem breiten lächeln ansah.

“Nein, ich habe die komplette Andockklammer ausgetauscht. Die Alte war völlig im Eimer und vermutlich wäre das Frachtmodul beim Eintritt in die Atmosphäre dann eher gelandet, als der Rest des Schiffes. Allerdings muss ich das Ding von innen befestigen, was sehr unpraktisch ist.”

Er sah sie noch einen Moment an und bemerkte, dass irgendetwas Anders war, als sonst.

“Du bist heute ja besonders gut drauf, Schwesterchen. Hab ich irgendwas angestellt?”

Anstatt zu antworten, wedelte Chloe nur mit einigen Dokumenten und Ethan bekam große Augen.

“Ist das…”

Chloe nickte strahlend.

“Ja. Das sind die Unterlagen für unsere Firma, gerade angekommen.”

Ihr Bruder kletterte aus der schmalen Röhre, setzte sich neben seine Schwester auf den Boden des kleinen Eingangsbereiches der ‘Last Hope’ und sah sich die Unterlagen an.

“Behördliche Unterlagen zu FTL… Fox Twins Logistics. Eigentümer: Chloe Fox, Ethan Fox. Natürlich schon mit Steuerbescheid, was auch sonst. Und was haben wir hier? Die Versicherung für unsere Schiffe, Laufzeit 6 Monate sowie die Zulassung auf unsere Firma. Perfekt.”

Er legte einen Arm um ihre Schulter und sah sie warmherzig an.

“Dann wird es jetzt wohl Realität, wir fliegen mit unseren eigenen Schiffen los.”

Chloe lehnte ihren Kopf an seine Schulter.

“Ich bin schon ganz aufgeregt, ich will gleich morgen früh losfliegen. Geht das?”

“Ja, warum nicht. Die Schiffe sind fertig und müssen nur noch aufgetankt werden. Korov hat uns schon den ersten Auftrag besorgt. Die Container stehen dort hinten und müssen nur angedockt werden. Kein Zeitdruck und am Treffpunkt ist einer seiner Kontaktmänner. Sollte ein Kinderspiel werden.”

Aufgeregt sprang Chloe auf und schlüpfte durch die Luke wieder raus in den Hangar.

“Dann packe ich wohl besser meine Sachen zusammen. Sehen wir uns heute Abend bei Mum und Dad?”

“Ja natürlich.”

Ethan sah ihr noch einige Augenblicke nach, bevor er die letzten Arbeiten erledigte und die Schiffe auftanken ließ. Das kleine Abenteuer konnte beginnen….


"Lieber glücklich auf dem Fahrrad, als heulend im BMW."

Fox

Mitglied der Gemeinschaft

Titel: ***

  • Nachricht senden

9

09.01.2015, 09:38

2945 - Umlaufbahn Terra

Chloe wackelte nervös mit den Knien und rutschte auf der kleinen Sitzbank unruhig hin und her, als sie sich im kleinen Hangar der Banu Merchantman umsah.

“Bist du sicher, dass wir hier am richtigen Ort sind? Von einem… Geschäftsmann, der auf seinem Schiff wohnt, habe ich noch nie gehört.”

Ethan neben ihr nickte.

“Der Tipp kam von jemandem aus der Bewegung. Der Typ soll ein wenig eigenartig und mysteriös sein, aber er hat Schiffe, versteht etwas von dem was er tut, hilft auch mal kleinen Unternehmen, ist verlässlich, vertrauenswürdig und absolut preiswert.”

“Na dein Wort in Gottes Ohr.”

Chloe hatte einen weiblichen, aber dennoch seriösen Buisiness Look gewählt, trog eine Bluse mit Jackett und einen kurzen Rock. Ihr leuchtend rotes Haar war zu einem Pflerdeschwanz zusammengebunden. Sie holte die Liste heraus und betrachtete sie nachdenklich. Ethans Liste zum Erfolg, nannte sie sie im Stillen.

Wir brauchen:

einen guten Namen
erste kleinere Aufträge

mehr Stauraum, bzw. ein größeres Schiff
Kontakte
Große Aufträge


Lediglich die ersten beiden Punkte waren durchgestrichen und die Gründung von Fox Twins Logistics lag nun schon einen Monat zurück und es ging sehr spärlich voran. Die wenigen Aufträge, die sie bisher hatten, waren der Credits kaum wert gewesen und die Zeit zehrte an dem immer kleiner werdenden Budget, welches sie durch den Verkauf des Drugstores bekommen hatten. Ethan war der Meinung, dass es nun Zeit wurde, mehr zu investieren um größere Fische an Land zu ziehen. Bei drei Unternehmen zum Schiffsverleih waren sie schon gewesen, aber entweder hatte man sie nicht ernst genommen, oder ihnen viel zu hohe Preise in Aussicht gestellt.

Ein kleines Schott zum Hangar öffnete sich und ein Mann in einer Lederjacke betrat den Raum. Er hatte kurze Haar, einen drei Tage Bart, war um die 30 Jahre alt und sah in Chloe’s Augen unverschämt gut aus. Er wirkte ernst, aber nicht unfreundlich, und sie erhob sich sofort in der Hoffnung, nicht allzustark zu erröten. Chloe ging auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen.



“Mister Enyalios, ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen! Mein Name ist Chloe Fox, Mitgründerin von Fox Twins Logistics, und das dort ist mein Bruder Ethan.”

Auch Ethan hatte sich erhoben und schüttelte dem jungen Mann die Hand. Enyalios nickte verbindlich.

“Freut mich auch, Mister und Miss Fox. Was kann ich denn für Sie tun?”

Chloe warf ihrem Bruder einen kurzen Blick zu, dann fuhr sie fort.

“Nun… Sie sind uns als Dienstleister für die Schiffsvermietung empfohlen worden, Mister Enyalios, und daher beabsichtigen wir, Ihre Dienste in Anspruch zu nehmen. Wir sind ein junges Handelsunternehmen, welches expandieren möchte und brauchen für größere Aufträge mehr Stauraum und Kapazitäten. Können Sie uns ein faires Angebot machen, welches uns ermöglicht unsere Ziele zu erreichen?”

Enyalios betrachtete die rothaarige Frau interessiert und rieb sich mit einem Lächeln über sein unrasiertes Kinn.

“Miss Fox, darf ich Sie fragen, wie viel Erfahrung Sie in diesem beruflichen Sektor schon haben?”

“Nun, wir haben… schon… einiges…”

Chloe schluckte. Wenn der Mann mitbekam, wie erfolglos sie waren, würde er ihnen bestimmt wie alle anderen auch aus Risikogründen eine Kooperation verweigern. Auf der anderen Seite… Chloe war eine verdammt schlechte Lügnerin, das wusste sie. Sollte sie es riskieren und unglaubwürdig wirken? Sie ließ die Schultern hängen und gab nach.

“Um ehrlich zu sein, Mister Enyalios, wir… nun, wir stehen erst am Anfang. Wir sind noch ein sehr neues Unternehmen und… waren vorher eher im lokalen Betrieb tätig.”

Das Lächeln des Schiffsverleihers schmälerte sich nicht im Geringsten.

“Und wie erfolgreich sind Sie bisher mit ihrem jungen Unternehmen gewesen? Welche Aufträge konnten Sie schon an Land ziehen? Haben Sie irgendwelche Präferenzen? Aus wie vielen Mitarbeitern besteht ihre Firma?”

Chloe schrumpfte in sich zusammen.

“Also… ich will Sie nicht belügen, Mister. Bisher sah es nicht sehr rosig aus, bis auf ein paar kleinere Aufträge hatten wir nichts, gar nichts. Wir sind nur zu zweit, mein Bruder und ich. Vorher hatte ich einen keinen Drugstore auf Terra Prime, aber der lief nicht besonders gut.”

Ethan räusperte sich nervös und stieß Chloe leicht an, aber die junge Frau erzählte einfach weiter.

“Wir sahen nur eine Chance aus diesem finanziellen Abwärtsstrudel herauszukommen, indem wir etwas riskierten. Uns selbständig machen. Wir hatten Visionen und waren motiviert.”

Sie sah Enyalios mit großen Augen an.

“Leider… ist das alles nicht immer so einfach, wie man sich vorstellt. Wenn man versucht ehrlich in dem Gewerbe zu starten, so ganz ohne Beziehungen… das ist sehr schwer. Sie sind eigentlich unsere letzte Hoffnung, Mister Enyalios. Sonst steht FTL bald vor dem aus.”

“Ich weiß.”

Der junge Mann vor den Zwillingen verschränkte die Arme und sah sie ernst an. Chloe war irritiert.

“Sie… wissen das?”

Er nickte.

“Natürlich. Ich habe mich vor ihrem Eintreffen genauestens über Fox Twins Logistics und seine beiden Gründer informiert.”

Sie knetete nervös ihre Hände.

“Äh… und?”

“Und… ich finde gut, dass Sie mir die Wahrheit erzählt haben. Lügen und Heuchelei kann ich gar nicht leiden. Dafür denke ich, dass eine Investition in und Unterstützung für Sie beide eine richtige Entscheidung wäre.”

Ein deutlicher Hoffnungsschimmer leuchtete in den Augen der jungen Frau auf.

“Ja? Ja, wirklich?”

Enyalios nickte.

“Ja. Allerdings habe ich zum Verleih momentan nur eine Origin M50 und 350R zur Verfügung.”

“Oh.”

Ethan hatte sich das erste mal in das Gespräch eingeschaltet.

“Das hilft uns leider auf der Suche nach Stauraum nicht wirklich weiter.”

Deimos Enyalios hob einen Finger.

“Trotzdem hätte ich einen Vorschlag zu machen. Ich bin sowieso seit einiger Zeit auf der Suche nach einer längerfristigen vertrauensvoll-geschäftlichen Bindung. Was halten Sie von einer Langzeitmietung der Solis Ortis?”

Chloe verstand nur Bahnhof.

“Der… Solis… Ortis? Langzeitmietung?”

Ethan schaltete etwas schneller und starrte ihn an.

“Sie wollen uns dieses Schiff vermieten? Die Merchantman? Ist das ihr Ernst? Das… das können wir nie bezahlen!”

Enyalios winkte ab.

“Ich denke, da werden wir uns einig. Mich müssten Sie nämlich sozusagen mitmieten, schließlich wohne ich hier. Aber ich denke das würde Ihnen entgegenkommen, viele Erfahrungen mit dem Flug und der Wartung eines so großen Schiffes dürften Sie ja nicht haben.”

Er lächelte wieder.

“Also, was sagen Sie? Haben wir einen Deal?”

Chloe fing an zu lachen und fiel dem Mann um den Hals.

“Eine Merchantman, ich kann es nicht fassen! Sie sind ein Schatz, Mister Enyalios!”

Dieser lachte nun auch und versuchte nur halbherzig, sich aus der Umarmung zu befreien.

“Holla, immer langsam, Miss Fox.”

Sie ließ ihn langsam los und sah ihn lächelnd an.

“Nennen Sie mich doch Chloe.”

Der Vermieter errötete nun tatsächlich auch ein wenig.

“Gut, Chloe. Jetzt brauchen Sie nur noch einen vernünftigen Auftraggeber. Ach… und Sie beide können mich Eny nennen, wenn Sie möchten.”

Tangalur

Mitglied der Gemeinschaft

Wohnort: Ravensburg

Titel: Der Erbsenzähler

  • Nachricht senden

10

12.01.2015, 16:59

Nächstenliebe, Rechtschaffenheit, Anstand, Weisheit und Aufrichtigkeit. Seit seinem dreijährigen Aufenthalt in einem Konfuziustempel bestimmen diese fünf Konstanten das tägliche Handeln von Nero Corleone.

Er hatte schon früh seine eigenen Interpretationen einfließen lassen, nachdem die strengen Interpretationen der Mönche ihm außerhalb des Tempels nur Scherereien einbrachten. Gleich am ersten Tag nach Verlassen des Tempels wurde ihm nicht nur sein Geldbeutel gestohlen, er musste den Räubern auch die Schuldscheine aushändigen, welche er in einer geheimen Tasche in seiner Jacke verborgen hatte. Sie stellten sein ganzes Vermögen dar, mit welchem er ein neues Leben hatte anfangen wollen. Vor lauter Aufrichtigkeit, hatte er den Räubern auf deren Frage hin, „ob er nicht noch mehr hätte?“ die Schuldscheine gezeigt. Als ein Windstoß einem der Räuber einen Schuldschein aus der Hand blies und Nero ihn aus lauter Nächstenliebe aufheben wollte, erwachte er mit einer gebrochenen Nase auf dem Erdboden wieder. Als sich dann ein paar Huren um ihn „kümmern“ wollten, verbot dies sein Anstand was ihm die Häme der umstehenden Passanten einbrachte.

10 Jahre ist dies nun her und er hielt sich noch fast immer an die fünf Konstanten. Er ignorierte sie nur, wenn es um die Feststellung von Eigentumsverhältnissen ging. Sonst würde heute auch nicht die Reclaimer „Grave Digger“ sein Schiff sein, aber das ist eine andere Geschichte…

Er hatte sich auf die Bergung von Alien-Technologie spezialisiert. Das Militär zahlte gut für alles was auch nur im Entferntesten von den Vanduul stammen könnte und Xi-an- und Banu-Bauteile brachten auf dem Schwarzmarkt ordentlich was ein. Und wenn ein Bauteil zur Grave Digger passte, dann schaffte es sein langjähriger Freund und ehemaliger Zellengenosse Alphonse Catzone und dessen Zögling Billy McCarty das Ding irgendwie in die Reclaimer zu integrieren. Sie waren alle aus New York und Nero hatte gelernt, dass man Leuten aus seiner Geburtsstadt mehr vertrauen konnte, als allen anderen.

Nächstenliebe hatte ihm seinen aktuellen Piloten Tom Kitten beschert. Der war zwar nicht aus New York, aber immerhin von der Erde. Aber dessen Tochter… Man sah ihr sofort ihre Herkunft von Terra an.

Sein eigentlicher Pilot hatte die letzte Bergungsmission nicht überlebt. Der für Tod geglaubte Besitzer der gestrandeten Constellation hatte dummerweise schon einen Raumanzug an, als die Reclaimer die Außenhülle aufriss und alle Luft aus der Constellation geblasen wurde. Er war also durchaus in der Lage sich zu wehren als die Crew der Grave Digger die Constellation betrat und am Ende musste Nero die Reclaimer selbst zurück zur Erde steuern. Da der Eigentümer der Constellation die Selbstzerstörung aktiviert hatte, war der Ertrag der Mission gleich Null, die Explosion hatte obendrein den Greifarm der Reclaimer verbogen und Nero’s Ch‘i war dementsprechend aufgebracht.

Kaum in New York gelandet musste er sich aller Konstanten besinnen, welche er im Tempel gelernt hatte. Jemand war in seine Büroräume im Hangar eingedrungen und dieser jemand stand noch darin und hielt einer jungen Frau mit orangenen Haaren eine Standpauke. Sie bemerkten ihn erst, als er breitbeinig im Türrahmen, der wie Nero bemerkte keinerlei Einbruchsspuren aufwies, zum Stehen kam. Aus Nächstenliebe verzichtete er vorerst darauf die Behörden zu rufen. Die Offiziellen hätte am Ende nur ihre Nasen in Dinge gesteckt, wo sie nichts zu suchen hatten.

Der Mann schien Ende Dreißig zu sein, hatte kurze schwarze Haare, einen 5-Tage Bart und trug eine alte lederne UEE-Pilotenjacke.

Nero: „Was such ihr hier und was macht die Kleine auf meinem Stuhl?“

Der Fremde: „Mein Name ist Tom Kitten und das ist meine Tochter Kitty White. Entschuldigen Sie unser Eindringen… Ich wollte ja draußen auf Sie warten aber meine Tochter ist manchmal etwas … ungeduldig. Ich habe … gehört, … dass Sie einen Piloten suchen?“

Der Fremde, der sich als Tom Kitten vorgestellt hatte, warf einen kurzen Blick auf seine Tochter, welche in Nero’s Stuhl Karussell spielte, und fixierte dann wieder Nero.

Nero ließ sich seine Überraschung nicht anmerken und antwortet: „Gute Piloten werden immer gesucht. Sind Sie ein guter Pilot Tom?“

Ein kurzes Lächeln huschte über Toms Gesicht: „Ich habe 5 Jahre in der UEE am Steuer von Starfarer-Tankern gesessen.“

Nero’s Ch’i ließ ein Kribbeln über seinen Rücken laufen. Starfarer-Piloten gehörten zu den besten, da sowohl die Tankflüge in Sonnennähe als auch die Betankung anderer Schiffe ein hohes Maß an fliegerischer Präzision erforderten. Genau diese Präzision benötigte auch ein Pilot einer Reclaimer.

Nero war niemand, der lange rumfackelte: „Gut Tom, sie bekommen 10% des Gewinns nach Abzug aller Aufwands- und Instandhaltungskosten. Die Crew ist klein, du wirst also auch sonst mal wo anpacken dürfen.“

Tom verzog keine Miene: „10 %? Ich sagte Starfarer-Pilot und nicht Hull C! Ich will 15%!“

Nero verzog sein Gesicht zu einer grimmigen Grimasse: „12% und deine Tochter hilft meinem Elektriker und Chef de Cuisine in der Küche!“

Eigentlich hatte Nero damit gerechnet noch 1-2% nachgeben zu müssen, aber Tom streckte ihm die Hand entgegen: „Abgemacht!“

Tom schnappte das Handgelenk seiner kreidebleichen Tochter und verließ das Büro mit den Worten: „Dann schauen wir uns mal unser neues zuhause genauer an. Sie waren noch keine 5 Sekunden aus dem Büro als ein Schrei durch die Hangarhalle echote: „IN DER KÜCHE? Du spinnst wohl! Das wird sicher so ein fettes, stinkendes Schwein sein, dass seine Glubscher nicht von mir lassen kann.“ Alles Weitere ging im Getöse der anlaufenden Hangarlüftungsanlage unter. „Billy wird sich sicher noch bei ihm bedanken“, dachte sich Nero die Stirne runzelnd, „aber jetzt musste er sich erstmal nach einem neuen Auftrag umsehen. Wenn schon ein Pilot vom Himmel fällt, dann kann ein lukrativer Auftrag ja nicht weit sein!“. Voller Elan verließ er sein Büro durch die Außentür und fand sich im belebten Viertel des Raumhafens wieder.

Kara

Stellv. Gildenleitung

Titel: RP-Queen

  • Nachricht senden

11

13.01.2015, 08:45

2945 - Erde, Boston

Carol hatte die Tür zur kleinen Wohnung geöffnet und wartete, bis der fremde Mann die Stufen des Wohnkomplexes erklommen hatte. Als er vor ihr auftauchte, hatte sie wieder das vage Gefühl des Erkennens, doch sie konnte ihn nicht so recht zuordnen. Er war groß und breitschultrig, hatte strahlend blaue Augen und ein sehr gewinnendes Lächeln. Sein Mantel war abgetragen und sein unrasiertes Gesicht zeigte ebenso graumelierte Spuren, wie das ungekämmte Haar, welches ihm ein etwas verwegenes Aussehen bescherte. Er trug eine große Tüte unter dem Arm und als er die blonde Frau sah, zögerte er kurz, lächelte dann aber wieder.

“Guten Tag Miss Danvers. Schön, dass Sie Zeit für mich haben.”

Attraktivität hin oder her, Carol hatte noch nicht entschieden, ob Sie Zeit für diesen Mann hatte. Sie blieb reglos an der Tür stehen.

“Was wollen Sie, Mister…”

“Oh, ich will eine Schuld begleichen. Ich schulde Ihnen ein Essen.”

Carol kniff die Augen ein wenig zusammen.

“Tat… sächlich?”

Sie überlegte fieberhaft und versuchte den leichten Alkoholdunst in ihrem Kopf abzuschütteln. Wer war dieser Kerl? Hatte Sie irgendetwas mit ihm gehabt? Wenn ja, musste es schon länger her gewesen sein. Sie trat unschlüssig von einem Fuß auf den anderen.

“Äh… hören Sie, was auch immer da zwischen uns war, es war nur für den Moment und nicht auf Dauer ausgelegt, ich denke nicht, dass…”

Der Mann starrte sie erst irritiert an, dann lachte er laut los.

“Oh nein, Lieutenant, ich glaube, Sie verwechseln mich. Ich bin Captain Mirabel und Sie haben mir einmal den Arsch bei Tiber II gerettet, als uns die Vanduul beinahe aufgefressen hätten. Wenn ein Mädchen namens Cheeseburger damals nicht gewesen wäre, könnte ich heute nicht hier stehen.”

Er kannte sogar ihren alten Rufnamen vom Militär! Es dauerte ein paar Sekunden, bis plötzlich eine Erinnerung an die Oberfläche von Carols Bewusstsein schwappte.

“Tiber II? Vanduul? Aber ja, ja natürlich! Sie sind der Captain des Bergungsschiffes, welches damals zerrissen wurde! Wir haben Ihr Rettungsschiff reingeholt.”

Mirabel nickte.

“So ist es. Damals wollte ich mich mit einem Essen dafür revanchieren, aber Sie waren wohl nicht mehr verfügbar. Deshalb würde ich mich sehr freuen, wenn ich das nun nachholen könnte, wo ich doch zufällig in der Gegend war. Vorausgesetzt… nun, Mister Danvers hat nichts dagegen.”

Er war charmant, obwohl sie in einem ausgefransten, grauen Shirt, einer verwaschenen, eng anliegenden Trainingshose gänzlich ohne Make Up vor ihm stand und vermutlich wie eine halbe Destillerie roch. Wie lange war es her, dass so etwas überhaupt passiert war?

“Einen... Mister Danvers gibt es nicht, es sei denn, Sie reden von Dad, aber inzwischen muss ich ihn nicht mehr um Erlaubnis fragen.”

Sie zwinkerte.

“Allerdings…”

Carol warf einen Blick über die Schulter nach hinten in die Wohnung.

“Ist es gerade trotzdem kein guter Zeitpunkt. Ich kann hier nicht weg… weil… also meine Mum…”

Mirabel lächelte optimistisch und hob die Tüte hoch.

“Also das wäre kein Problem, Miss Danvers, ich habe Essen mitgebracht. Asiatische Küche, falls Sie das mögen, von einem Laden hier gleich um die Ecke.”

Carol grinste überrascht und betrachtete das Logo auf der Plastikverpackung.

“Mei Hong macht ausgezeichnetes Dim Sum, eine gute Wahl! Aber… also ich weiß nicht…”

Sie warf noch einmal einen unsicheren Blick in die Wohnung und biss sich auf die Unterlippe. Mirabel hielt die duftende Tüte hoch.

“Es wäre mir wirklich eine Freude Miss Danvers, und ich habe genug dabei, dass auch Ihre Mutter satt wird.”

Carol hob die Schultern und gab nach.

“Also schön, kommen Sie rein. Aber sparen Sie sich das ‘Miss Danvers’, einfach nur ‘Carol’ bitte.”

Sie machte den Weg frei und ließ den Mann eintreten.

“Gern, und ich bin Tanner.”

Sie gingen in den Wohnraum und Carol holte Besteck aus einer Schublade. Als sie sich vorbeugte, spürte sie Mirabels Blick auf ihrem Hintern. Sie lächelte.

“Gefällt Ihnen, was Sie sehen, Sir?”

Carol biss sich auf die Zunge. Der Spruch war einfach so herausgerutscht, ein Spruch, den sie oft benutzt hatte, als sie noch beim Militär und… jünger… und… attraktiver war.

“Allerdings, Carol… eine fantastische Aussicht, ehrlich.”

Sie sah sich leicht errötend zum ihm um, doch Mirabels Blick schweifte aus dem Fenster über Boston. Er warf ihr einen schelmischen Seitenblick zu. Carol überkam ein wohliger Schauder. Mein Gott, da flirtete tatsächlich ein Mann mit ihr. Sie brauchte einen Drink! Eine Stimme von der Couch unterbrach die Szenerie abrupt.

“Endlich bringst du mal einen Jungen mit nach Hause, Kleines.”

Sie fuhr zusammen. Mum hatte sie beinahe vergessen. Sie wandte sich entschuldigend an Tanner.

“Äh… verzeihen Sie, das ist meine Mutter. Am besten, Sie ignorieren sie einfach. Es… geht ihr nicht so gut.”

Carol machte eine kreisende Fingerbewegung an der Schläfe, doch Tanner ging direkt auf Marie
Danvers zu und gab ihr die Hand.

“Freut mich, Sie kennenzulernen, Mrs. Danvers. Ich bin ein alter Bekannter Ihrer Tochter. Ich hoffe, ich störe nicht.”

Marie sah von ihrem Fotoalbum auf und Mirabel mit glänzenden Augen an.

“Sehr manierlich, mein Junge. Fühlen Sie sich wie zu Hause.”

Er deutete auf den inzwischen von Carol gedeckten Tisch.

“Möchten Sie mit uns speisen, Ma’am? Ich habe asiatische Küche mitgebracht.”

Marie schüttelte den Kopf und versank wieder in ihrem Album.

“Nein Danke, mein Junge, ich habe keinen Appetit. Ich esse nachher mit meinem Mann.”

Carol beobachtete die Szene mit offenem Mund und als sich Tanner mit einem Lächeln an den Tisch setzte, tat sie es ihm beeindruckt gleich. Sie begannen zu essen und es dauerte eine Weile, bis Mirabel wieder das Wort ergriff.

“Und wie ist es Ihnen in der Zwischenzeit ergangen, Miss… ich meine Carol? Wie ich hörte, haben Sie den Militärdienst verlassen? Wie geht es Ihrem Bruder und Lieutenant… Rossi war sein Name?”

Carol war darauf gefasst gewesen, dass das Gespräch in diese Richtung ging, aber als es dann soweit war, wurde ihr Mund trocken und ihre Stimme belegt. Sie öffnete die neue Flasche Whiskey, die sie bereitgestellt hatte und goss sich etwas davon in ein kleines Glas.

“Möchten… Sie auch einen?”

Tanner schien kurz zu überlegen, dann nickte er aber und ließ sich ebenfalls ein Glas einschenken. Carol leerte ihres mit einem Zug.

“In der Kurzversion: Steve und Michael… sind tot. Gestorben bei einem Hinterhalt der Vanduul. Ich wurde schwer verletzt.”

Sie deutete auf die kahlrasierte Stelle ihres Schädels.

“Seit dem habe ich mit dem Fliegen ein paar… Probleme und deshalb die Navy verlassen.”

Mirabel sah sie betroffen an.

“Das tut mir Leid, Carol. Davon wusste ich nichts.”

Sie bemühte sich um ein gequältes Lächeln und wischte sich eine kleine Träne weg.

“Macht nichts, Tanner, woher sollten Sie. Es ist schon bald ein Jahr her, aber… nun es wirkt noch nach.”

Sie aßen wieder einen Moment schweigend, bis Carol sich noch etwas Whiskey nachgoss, Tanner lehnte diesmal ab und betrachtete sie stirnrunzelnd. Sie stellte das Flasche wieder hin uns sah ihn an.

“Also gut, Captain Tanner Mirabel. Das Essen schmeckt gut, ich habe mich über Ihren Besuch gefreut, und Sie sich über meinen Arsch. Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, dass dies wirklich der einzige Grund war, weshalb Sie mich aufgesucht haben. Also raus mit der Sprache. Was wollen Sie von mir?”

Mirabel lachte leise.

“Sie sind sehr direkt, Carol, das gefällt mir. Also schön, Sie haben mich ertappt. Ich habe noch etwas anderes für Sie als ein Essen. Nämlich eine geradezu unglaubliche Chance, die Sie und Ihre Vergangenheit betrifft.”

Die ehemailige Navy-Pilotin hob die Augenbrauen und Tanner begann zu erzählen. Er erzählte ihr alles, was seine mehrjährige Jagd nach dem Artefakt von der Artemis und den schließlichen, arbeitsintensiven Erfolg betraf. Carol lauschte gespannt und ihr Respekt für geschichtsliebenden Captain der Pegasus wuchs. Als Mirabel fertig war, sah er sie erwartungsvoll an. Carol strich sich nachdenklich über die linke Kopfseite.

“Eine interessante Geschichte. Aber… was wollen Sie jetzt von mir? Ich weiß garantiert nicht mehr über meine Vorfahrin, als ein Historiker. Soll ich etwa mitkommen, während Sie nach weiteren Puzzle-Teilen der Artemis in der ganzen Galaxis suchen?”

Sie sah ihn skeptisch an und er konnte eine gewisse Enttäuschung nicht verbergen.

“Um ehrlich zu sein hatte ich das gehofft, ja. Haben Sie denn kein Interesse daran herauszufinden, was mit Ihrer Vorfahrin geschehen ist? Wo die Artemis abgeblieben ist?”

Carol schwenkte ihr Whiskeyglas hin und her.

“Ein viele hundert Jahre altes Schiff zu suchen und zu bergen… was soll ich bitteschön davon haben? Und was mich auch interessiert: was haben Sie davon, wenn ich mitkomme? Sehen Sie mich an. Ich tauge vermutlich nicht mal mehr als Begleitschutz.”

Ihr Blick blieb am Teller haften, während sie das Besteck beiseite legte. Tanner seufzte leise.

“Verkaufen Sie sich nicht unter Wert, Carol, ich wette, Sie haben noch einiges drauf. Vielleicht müssen Sie nur mal wieder… in die Gänge kommen. Außerdem… der Fund eines so bedeutsamen Schiffes würde sich auch finanziell lohnen, und zwar nicht zu knapp. Aber um so eine Suche erstmal zu starten… tja, das ist ein großes Projekt. Wir bräuchten mehr Mitarbeiter und müssten rekrutieren. Leute, die uns bei der Suche unterstützen, die in unser Projekt investieren und helfen, es zu finanzieren. Leute, die uns mit Informationen und Material versorgen, und Leute, die uns gegen Piraten, Spionage, Konkurrenten und andere Gefahren schützen. Ich fliege nicht nochmal mit der Pegasus alleine auf des Messers Schneide, wenn ich nicht muss. Und wenn Sie, Carol, als Nachkomme der berühmten Lisa Danvers, ein Teil dieses Projektes sind, dürfte es deutlich einfacher sein, andere zu…”

“Aha!”

Carol sah ihn sarkastisch an.

“Daher weht also der Wind. Sie wollen mich nur als… Aushängeschild, als Maskottchen, als…”

Mirabel hob die Hände.

“Nein, so war das nicht gemeint, nur…”

“Lisa Danvers!”

Die beiden fuhren erschrocken zusammen, als Carols Mutter sich von der Couch erhoben und diesen Namen gerufen hatte. Langsam ging sie auf Tanner zu.

“Du… du kannst sie finden, ja? Herausfinden, was mit ihr passiert ist?”

Mirabel lächelte.

“Ich will es versuchen, Ma’am. Wenn mir Ihre Tochter hilft.”

Carol warf ihm einen bösen Blick zu.

“Wagen Sie es nicht, meine Mutter gegen mich einzusetzen, Mirabel…”

“Aber natürlich wird sie das. Nicht wahr, Carol, Liebes.”

Marie Danvers ging zu ihrer Tochter und umarmte sie herzlich. Carol knirschte mit den Zähnen.

“Mum! Die Chancen sind sehr gering und Lisa Danvers ist seid Jahrhunderten tot. Egal wo ihre Gebeine liegen, sie zu finden macht sie nicht mehr lebendig.”

Marie Danvers baute sich in ihrer ganzen Größe vor ihrer Tochter auf.

“Lisa Danvers war eine Heldin! Eine sehr mutige Frau die bereit war, alles aufzugeben und die Verantwortung für viele Menschen zu übernehmen. Es war ein Dienst für die ganze Menschheit und ihr Mut wurde damit belohnt, dass sie einfach so verschwunden ist. Das hat sie nicht verdient!”

Carol sah ihre Mutter erschrocken an.

“Mum, du darfst dich nicht aufregen, ich…”

“Du!”

Sie deutete mit einem zittrigen Finger auf Carol.

“Du hast nun die Chance das in Ordnung zu bringen und wenigstens für ein wenig Gerechtigkeit zu sorgen. Mein ganzes Leben habe ich versucht, dir ebenfalls diesen Mut und diese Ehrenhaftigkeit nahezubringen. Sage mir, Carol Susan Danvers, habe ich versagt? Als Deine Mutter? Oder steckt noch etwas von Lisa in dir?”

Carol schluckte, als ihr eine Träne die Wange hinablief. Über lange Zeit hatte sie dieses Feuer in sich gespürt, den brennenden Mut und das Verlangen nach Ehre und Gerechtigkeit, aber dann… war dieses Gefühl zerbrochen und das Feuer unter der Titanplatte in ihrem Kopf erstickt worden. Und sie war sich nicht sicher, ob es je wieder geschürt werden konnte.
Mirabel nahm überraschend ihre Hand in die seine.

“Schon gut, Mrs. Danvers, seien Sie nicht zu hart zu Ihrer Tochter, sie hat viel durchgemacht.”

Er sah ihr direkt in die Augen.

“Carol, ich will Sie zu nichts überreden, was Sie nicht wollen. Aber vielleicht tut Ihnen ein Tapetenwechsel ja auch mal ganz gut. Verzeihen Sie meine Offenheit, aber wenn Sie mich fragen, müssen dringend mal wieder hier heraus.”

“Das meine ich allerdings auch!”

Alle Köpfe drehten sich zum Eingang der Wohnung, wo Joe Danvers im Flur verharrt war. Carol wischte sich mit dem Arm über das Gesicht.

“Dad! Wie lange stehst du da schon?”

“Seit ungefähr zehn Minuten. Und was dieser Herr zu sagen hat, klingt äußerst interessant. Mädchen, das wäre eine sinnige und lohnende Beschäftigung. Und damit würdest du nicht nur deiner Mutter einen Gefallen tun, sondern in erster Linie dir selbst.”

Carol gab auf.

“Also gut, also GUT! Ihr habt alle gewonnen. Ich bin dabei. Was soll ich tun, Tanner?”

Mirabel lächelte triumphierend.

“Zuerst einmal würde ich Sie gerne mit auf mein Schiff nehmen, um Ihnen die Daten vor Ort zu zeigen. Und dann überlegen wir, wie es am besten weitergeht. Haben Sie eigentlich… selbst noch ein Schiff, Carol?”

Sie zögerte, nickte dann aber.

“Statt der üblichen Abfindung von der UEE habe ich mir eine Gladius aus Militärbeständen ausgesucht. Das Schiff steht am Spaceport Boston.”

“Gut. Also… mir aus können wir gleich los. Oder haben Sie heute noch etwas anderes vor?”

Carols Vater mischte sich ungefragt ein.

“Nein, hat sie nicht, nehmen Sie sie ruhig gleich mit, aber passen Sie auf sie auf.”

Carol erhob sich ruckartig.

“Falls ich auch nochmal gefragt werde… ich würde mich gerne noch duschen und passend anziehen! Bitte warten Sie kurz, Tanner, ich bin gleich soweit.”

Sie leerte ihr Whiskeyglas und ging dann ins Bad. Dort duschte sie, putzte sich die Zähne und machte sich zurecht. Sie zog eine enge Jeans und eine Pilotenjacke über und besah sich nachdenklich im Spiegel. Wenn Sie sich Mühe gab, wahr sie noch immer ansehnlich. Sie musste vom Alkohol loskommen, wenn sie wieder zu ihrer alten Form zurück wollte, das wusste sie. Aber das war einfacher gesagt als getan.

Während Carol im Bad war, saßen ihre Eltern zusammen mit Mirabel am Tisch. Marie aß herzhaft von den Resten des asiatischen Essens.

“Das schmeckt sehr gut, Mister, ich habe großen Hunger. Ich glaube, ich habe den ganzen Tag noch nichts gegessen.”

Tanner lächelte etwas irritiert.

“Das freut mich, Mrs. Danvers. Sie scheinen sich ja außerdem mit der Geschichte Ihrer Vorfahren viel beschäftigt zu haben. Fällt Ihnen noch etwas ein, das uns weiterhelfen könnte?”

Sie sah ihn verständnislos an.

“Uns?”

“Carol und mir, meine ich.”

Marie lächelte.

“Carol? Sind Sie beide ein Paar?”

Mirabels Blick wanderte zu Carols Vater, doch der schüttelte nur traurig den Kopf.

“Nein, Liebling, Mister Mirabel und Carol wollen zusammen nach Hinweisen zur Artemis suchen.”

Marie’s überraschte Augen glänzten vor Begeisterung.

“Tatsächlich? Das ist ja toll! Vielleicht können Sie ja herausfinden, was mit Lisa passiert ist. Das wäre wunderbar.”

Tanner zögerte.

“Äh… ja, Ma’am. Sie können uns nicht zufällig noch etwas sagen? Ich habe zum Beispiel einen Hinweis bekommen, darin heißt es…”

Er überlegte kurz.

“... üssen diesen größten Schatz des Universums für immer bewahren… nd Danvers trägt ihn für immer n ihrem Herzen.”

Zu seiner Überraschung nickte Marie lachend.

“Ja, Lisa trug ihren Schatz immer an ihrem Herzen.”

“Wie meinen Sie das, Mrs. Danvers?”

“Nun, Lisa liebte es, Ketten und Medaillons als Schmuck zu nutzen. In einem trug sie immer, was ihr gerade am wertvollsten war. Den Ring ihrer Mutter, ein Bild von ihrem Verlobten, eine riesige Perle aus dem tahitianischen Meer… stand alles in einer Tagebuchseite, die ich von ihr habe. Natürlich geschrieben, bevor sie mit der Artemis verschwunden ist.”

Er sah sie verblüfft an, als Carol wieder hinzukam.

“Ich wäre dann soweit, Tanner. Dann zeigen Sie mir mal, was Sie haben.”

Candrielle

Mitglied der Gemeinschaft

Wohnort: Hamburg

  • Nachricht senden

12

13.01.2015, 13:09

2945, Magnus System, Borea, Mercurion-Werften
Tief in den langsam verfallenden Ruinen der alten Mercurion Werft klang das Peitschen des Sturms gedämpft. Ein entferntes Heulen wie von sterbenden Kojoten, das stete Rauschen des auf die undichten Hallendächer prasselnden Regens. Mehr war nicht zu spüren. Zumindest wenn man von der feuchten und leicht fauligen Kälte absah, die sich seit Jahrzehnten tief in all die Mauern, Träger und Maschinenreste gegraben hatte.

Schwankend erhellte eine einzelne Leuchtröhre Teile der Hauptantriebs-Sektion eines Explorers von guten hundert Metern Länge. Abgeplatzte Verkleidungen und Dutzende korrodierter Flecken schimmerten ungesund im unsteten Lichtschein. Hier und da hingen offene Wartungsklappen herab und ganze Platten der Panzerung waren entfernt worden um die darunter liegenden Leitungen frei zu legen. In das grösste dieser Löcher hätte bequem ein ganzes Bett gepasst.

„Nachricht erhalten.“
Die Kom-Einheit hatte Probleme gegen den Krach der Fräse anzukommen, die sich Funken-schlagend durch den Schmutz des alten Schiffsrumpfes kämpfte. Grunzend schaltete Nate den Generator ab und liess den Führungsarm der Fräse in seine Halterung fallen.
Mit einem leisen Schnatzen zog Nate ein paar kleine Tabak-Überreste zwischen seinen Zähnen hervor um sie mit einer kantigen Drehung des Kopfes neben sich auf den Boden zu spucken.

Nathaniel Grey war kein grosser Mann – kaum grösser als 1,70 Meter. Ein abgewetzter, brauner Ledermantel reichte fast bis zu seinen Knöcheln hinab, ein nicht minder abgenutzter alter Cowboy-Hut derselben Farbe saß schief auf seinem Kopf und beschattete im ohnehin schlechten Licht ein verbraucht wirkendes Gesicht. Falten, Schmutz und ein schlecht gepflegter Bart schienen sich in diesem Schatten förmlich vor der Welt zu verstecken. Lediglich die hellen, blauen Augen stellten sich kalt und als würden sie von innen beleuchtet diesem Anschein entgegen.Sehnig, ja richtiggehend ausgemergelt passte dieser Mann hervorragend in diese verlassenen Werftanlagen. Beide schienen sie aus älteren Tagen zu kommen. Und an beiden waren diese Jahre nicht sanft vorbei gegangen.

Mit schmutzigen Fingern aktivierte er das altmodische Unterarm-Display.
„Eine neue Nachricht. Absender: Cathrina Mastersen. Nur Text.“

Nate fischte einen kaum noch Daumen-langen Zigarrenstumpen aus einer Innentasche seines Mantels und klemmte ihn sich mit nachdenklichem Blick zwischen die Zähne.
„Cat.. hm? Hrm..“ Undeutlich murmelnd liess er seine Finger über dem Display schweben.
Ein kurzes Schmatzen an der kalten Zigarre später aktivierte er schliesslich die Nachricht und zog beim Lesen der wenigen Zeilen gereizt die Nase kraus.

Wenige Minuten später war die Leuchtröhre erloschen und Nate trat durch eines der riesigen Hangartore. Noch einmal wanderte sein Blick zurück über das Wrack der Carrack die hier auf ihre Wiederbelebung hoffte, und ein sanftes Lächeln schien für eine Sekunde die sonst so abweisende Miene zu erwärmen.
„Wir kriegen das schon hin meine Kleine.. und dann.. joa.. mal sehen was hinter dem nächsten Stern liegt, hm?“ verabschiedete er sich leise und tippte dabei grüssend an seine Hutkrempe.


2945, Magnus System, Borea, Odyssa, Kaijohn-Distrikt
Wo der Sturm in den Ruinen der alten Werftanlagen noch vor allem durch sein Heulen Präsenz gezeigt hatte, ging dieses in den überfüllten Vierteln Odyssas im Lärm der Strassen unter. Lautstark dröhnten aus gleich drei verschiedenen Bars ganz unterschiedliche Lieder um sich vor der Tür dann zusammen mit hupenden Fahrzeigen und dem allgegenwärtigen Gebrabbel der Massen zu einem kakophonischen Krach zu vermischen der seit Jahren so typisch für den Kaijohn-Distrikt war.
Odyssa war beileibe keine Perle des von Menschen besiedelten Raumes. Daran änderte auch die seit einigen Jahren wieder aufkeimende Produktivität nicht viel. Oh, Drake Interplanetary, die sich an den angrenzenden Werftanlagen angesiedelt, und diese mittlerweile sogar zu ihren Primär-Fertigungsanlagen ausgebaut hatten, gaben sich redlich Mühe. Aber auch wenn vereinzelte Strassenzüge mittlerweile ein modernes, buntes Äusseres zur Schau trugen; bis in den Kaijohn-Distrikt waren diese Maßnahmen nicht vorgedrungen und würden es wohl auch nie.
Dieses Viertel war das Heim der weniger Glücklichen, der verlorenen Seelen. Hier lag das Gesetz in den Handen einer Hand voll Gangs von denen mancher behauptete, ihr Einfluss würde noch sehr viel weiter reichen. Nate war vor vielen Jahren selbst Teil dieser Gemeinde gewesen; Eine Zeit die ihm viel gebracht und ihn viel gekostet hatte.

Nate saß in einer der dunklen Ecken des Schankraumes. Das Modok‘s war eine laute und verrauchte Bar in der die Gerüche nach Alkohol, Tabak und Schweiss sich mit dem Qualm zu einer fast schön zähen Masse vermengten.
Zwielichtige Gestalten tuschelten miteinander, wenig-attraktive Prostituierte versuchten Betrunkene von Ihren Reizen zu überzeugen und mehr als nur eine Handvoll der Besucher trugen ihre Handwaffen gut für jedermann sichtbar.
Nate war früh gekommen – er mochte es sich in eine Umgebung einzufühlen, bevor es zum Geschäft kam. Seit gut zwei Stunden beobachtete er unter seiner Hutkrempe hervor das Treiben. Zwei mal musste er aufdringliche Gäste abwehren. Sein Tisch war klein – gross genug für vielleicht drei Personen – und er wollte ihn nicht teilen.
Trotzdem stand bereits der dritte Humpen billigen Bieres auf der schmierigen Platte. Weder waren die leeren Humpen noch die Überreste seiner Spareribs abgeräumt worden, so dass der Tisch zumindest gut gefüllt wirkte.

Als endlich die bekannte Gestallt Catherines im Türrahmen des Modok’s auftauchte, paffte Nathaniel gerade gemütlich seine zweite Zigarre.
Still beobachtete er wie sie sich umblickte, wie sie abweisend schon nach so kurzer Zeit den ersten Interessenten nieder-starrte.
Cathrina Mastersen war ein erstaunlicher Anblick und Nate wäre beeindruckt gewesen, hätte er nicht gewusst, dass nicht nur diverse Operationen sondern sogar mittlerweile zwei Gen-Therapien für diesen Fleisch gewordenen Traumkörper verantwortlich waren.
In Ihrem Business-Kostümchen hätte sie viel besser in irgendeinen Konferenzsaal der oberen Zehntausend gepasst – auch wenn dort das Dekolleté vielleicht etwas zu offenherzig gewesen wäre.
Eigentlich hätte er erwartet, dass sich all die Rauch- und Schmutzpartikel in der Luft hier darum prügeln würden sich möglichst schnell auf ihrer viel zu sauberen Kleidung nieder zu lassen. Aber natürlich blieb diese sauber. Irgendeine Behandlung hatte sie gegen profanen Schmutz abweisend gemacht – eine Behandlung, die wahrscheinlich teurer war der Wert aller anderen anwesenden Kleidungsstücke zusammen-genommen.
Eine strahlend blonde Mähne wallte scheinbar chaotisch bis auf ihre Schultern. ‚Ich bin gerade eben erst aufgestanden‘ sagten diese Haare und schienen sich gleichzeitig in dieses Bett zurück zu sehnen.

„Hallo Nate..“
Leise begrüsste die junge Frau den sitzen bleibenden. Auch ihre Stimme war offenbar mittlerweile in den Genuss gewisser Verbesserungen gekommen. Eine sanfte Wärme schien die eine oder andere Phantasie zu verbergen. Als würde bereits ein Versprechen darin mitschwingen.
Und Nate musste widerwillig zugeben, dass diese Stimme selbst auf ihn eine gewisse Wirkung hatte. Die Versuchung Ihr einfach gleich einen Gefallen zu tun – um den sie sicher bitten würde – um dann in den verheissenden Genuss dieser wortlosen Versprechungen zu kommen, war nicht zu leugnen.
Dennoch spielte nur ein kalkuliert unpersönliches Lächeln um seine Lippen, und auch das nur für den kurzen Augenblick den er benötigte um sich grüssend an die Hitkrempe zu tippen.
„Hallo Cat.. frisch aus dem Büro?“ Eine abwesende Geste lud die Frau ein auf den freien Stuhl ihm gegenüber Platz zu nehmen.
Noch einmal schweifte sein Blick durch den Raum während er mit leisem Schmatzen an seiner Zigarre zog. „Du hast ein Angebot für mich?“
Catherines Lächeln war bezaubernd und für eine Sekunde fragte sich Nate, ob sie dieses Lächeln wohl vor dem Spiegel üben musste.
„Eher eine kleine Bitte, Nate.“ Verträumt begann ihre rechte Hand mit einer Locke zu spielen.

Diese kleine Bitte hatte sich als plumper Schmuggelauftrag herausgestellt.
Irgendwer würde in wenigen Tagen eine ganze Ladung Iso-42 im Cathcart System verklappen. Das Besondere war in diesem Fall, dass das Iso in angeblich noch restaktiv sein sollte. Nathaniel sollte also warten bis der Mülltransporter wieder verschwunden war um dann aus der grossen Pfütze die Aktiven Isos einzusammeln und nach Haus zu bringen.
Iso-42 fiel als Abfallprodukt bei der Aufbereitung und Instandhaltung moderner Antriebe an und war leicht radioaktiv, toxisch, zerfiel innerhalb weniger Tage in seine inaktive Form und war ganz nebenbei unerlässlich für die Produktion gewisser höchst illegaler Narkotica.
Aus diesem Grund war das Abladen aktiven Isos ebenfalls illegal. Andererseits würde für den fahrlässigen Verklapper wohl ein nettes Dankeschön dafür rausspringen, dass er seine Mülltanks ein paar Tage früher leerte.


2945, Cathcart System
Das Cathcart-System, Müllhalde der Galaxie, Schrottplatz und leider allzu oft Heim verrückter Piraten. Oh wie sehr Nate dieses System mochte.
Im Schutz unzähliger ausgeschlachteter Wracks trieb nun auch seine Planeswalker still durch die Dunkelheit. Übersäht von rostig braunen Schatierungen wollte diese Freelancer ohnehin gut in diese Gesellschaft aus Wracks und Tod passen. Lediglich ihre passiven Sensoren verfolgten im Moment die Aktivitäten der riesigen Hulll-C.
„Man man.. das ist mal nen Haufen.“ Wie so oft klemmte eine kalte Zigarre in Nathaniels Mundwinkel, während er angewiedert der Verklappung der noch immer leicht fluoreszierenden Substanz beobachtete.
Wenn all die Speedfreaks und Kinder reicher Eltern das hier sehen würden – vielleicht fänden sie dann plötzlich weniger Gefallen an ihren schicken Designerdrogen. Aber Nate beschwerte sich nicht. Diese Idioten finanzierten ihn allzu oft. Oder sie finanzierten die Geschäfte jener, die ihn bezahlten – es kam aufs selbe raus.

So ereignislos diese Beobachtungen auch verlaufen waren, die anschliessende Filtrierung des Isos war um Welten langweiliger. Zwangsweise trieb die Planeswalker in unmittelbarer Nähe der Masse – wodurch deren Schimmer jedes andere Licht bis auf das der blass-grünen Sonne überdeckte. Aktive Sensoren würden nur Aufmerksamkeit erwecken, und so gab es wenig zu sehen. Der Filtrator trieb zwischen Schiff und Masse, saugte an, filterte und pumpte in vorbereitete Stase-Container. Irgendwelche Magnetfelder zirkullierten oder pulsierten.. sie stoppten den Zerfall des Iso-42 in ihrem Inneren. Nate verstand die technischen Grundlagen nicht und sie waren ihm auch egal.

Ein leises Summen lenkte seine Aufmerksamkeit zurück auf die Sensoren. Drei kleine Punkte tauchten dort gerade auf – aktive Antriebe. Sie waren bereits recht nah was bedeutete, es waren kleine Antriebe, grössere hätten seine Sensoren schon aus höheren Entfernungen aufgespürt.
Nate schaltete den Filtrator und soweit möglich die Bordelektronik des Schiffes ab. Lediglich ein weiteres Wrack im Nirgendwo, kein Grund sich das näher anzusehen

Da die kleinen Schiffe keine offizielle Signatur sendeten ging er von Piraten aus. Natürlich hätten es auch nur ein paar Söldner sein können, die für irgendeinen anderen Schmuggler kundschafteten oder absicherten – das Ergebnis bliebe dennoch gleich: Ein Risiko.
Nicht dass eine UEE-Signatur angenehmer gewesen wäre. Selbst mit viel Phantasie wollte Nate kein glaubhafter Grund für seine Filtration einfallen die völlig legal und unverdächtig wäre.

Still vor sich hin blinkend wanderten die kleinen Punkte auf seiner Anzeige umher. Noch schienen sie ihn nicht entdeckt zu haben. Dennoch, wenn auch nicht auf direktem Kurs, so näherten sie sich doch stetig.
Ein Blick auf die Ladestands-Anzeige wies auf einen 45-prozentigen Filtrationsfortschritt hin. Zu wenig um bereits vorzeitig zu verschwinden.
Die Punkte folgten einer Helix-förmigen Flugbahn was Nate zu einem irritierten Stirnrunzeln veranlasste. Veranstalteten die da Übungen für eine Flugshow?
Langsam wurde die Entfernung kritisch – selbst eine nicht aktive Sensorsuche würde ihn eventuell auf ihre Schirme bringen. Wenn sie weiterhin auf diesem Kurs blieben, blieben sie für knappe 30 Sekunden innerhalb der kritischen Distanz und Nathaniel merkte, wie seine Handflächen langsam feucht wurden.
Gereizt rupfte er die mittlerweile erloschene Zigarre aus dem Mund und legte sie im Aschenbecher ab. Nur noch zwanzig Sekunden.
Der Blick schweifte zu den Waffensystemen. Hochfahren der Bordelektronik, aktivieren der Feuerleit-Systeme.. mit viel Glück wäre das in 15-20 Sekunden zu schaffen. Das würden allerdings verflucht lange Sekunden, wenn sich die drei zu einem Angriff entschliessen sollten. Vielleicht könnte er auch eines der grösseren Wracks manuell in die Raketen-Ziel-Steuerung nehmen und hoffen mit der Explosion die nahenden Schiffe zu erfassen. Zehn Sekunden.

Kurze Zeit später waren die Punkte verschwunden. Sie hatten ihn nicht gesehen oder einfach keinen Grund gesehen sich mit ihm auseinander zu setzen.

Die nächsten Stunden fielen dann in willkommene Langeweile zurück. Das extrahierte, aktive Iso-42 füllte die Stase-Container. Und die ausgeklügelten Störsysteme sorgten dafür, dass die Signaturen dieser Container hübsch unverdächtig nach einer Ladung simpler, elektronischer Komponenten aussahen.
Die Patrouillen im Magnus-System waren angenehm zurückhaltend und schöpften offensichtlich keinen Verdacht.
Selbst die Ablieferung der Ware lief ungewöhnlich unkompliziert. Catherine war nicht selbst gekommen und hatte an ihrer statt einen zappeligen Neuling geschickt. Dieser war zwar in seinem Zwang alles drei mal zu kontrollieren etwas nervig, aber alles in allem harmlos gewesen.

Und so gönnte sich Nathaniel Grey ein seltenes, zufriedenes Lächeln während er, den Hut neben sich liegend, im sanften Schein der Abendsonne auf der Strasse in Richtung Mercirion Werften fuhr.
Catherine hatte ihm für zwei Wochen eine Reclaimer samt Crew besorgt, der zumindest sie zu vertrauen schien. Zwei Wochen lang würde er ins Cathcart zurückkehren und sich auf die Suche nach Ersatzteilen für seine wunderschöne Jeremiah machen.

Sim Russ

Mitglied der Gemeinschaft

Wohnort: Berlin

  • Nachricht senden

13

18.01.2015, 20:57

2945 – Nul-System, Umlaufbahn von Ashana

„Wie steht es eigentlich um unser Schiff? Hat die Midway ernsthafte Schäden seit dem letzten Gefecht davongetragen?“, erkundigte sich Sim.
Jill projizierte ihm einen Schadensbericht auf dem Cockpitfenster.
„ Die Midway weist keine schweren Schäden auf, da die Schilde den Großteil der Treffer durch den Beschuss abgefangen haben, sowie die Einschläge der Asteroidentrümmer. Sie hat nur leichte Beschädigungen an der Oberfläche. Aber von den sechs Pods haben wir nur noch zwei intakte, die beide repariert werden müssten. Außerdem sollten wir bei Gelegenheit die Energiezellen wieder aufladen lassen. Die Batterien befinden sich nahe dem kritischen Niveau. Der Treibstofftank ist in einem ausreichenden Zustand gefüllt.“, berichtete sie.
Er besah sich die Daten und nickte zufrieden.
„ Die paar Kratzer lass ich bei Gelegenheit ausbessern, aber um die Zellen kümmere ich mich rechtzeitig. Das mit den Pods ist ärgerlich, allein einer kostet um die 5000 Credits. Ich werde zusehen wenigstens zwei weitere aufzutreiben, sofern Vedo wirklich das Geld überwiesen hat.“, murmelte er.
Sim stand auf und ging zu seinem persönlichen Spind. Viel Platz hatte er nicht auf dem Schiff, aber es reichte noch für eine Kammer aus, in der er seine Waffen und Ausrüstung deponieren, sowie für einen Spind, in dem er seine Habseligkeiten aufbewahren konnte.
Er nahm einen tragbaren Computer heraus und schloss ihn über einen Anschluss an sein Schiff an. Er ließ ihn hochfahren, machte es ich in seinem Pilotensitz bequem und schaltete den Autopiloten ein.

Er hatte festgestellt, das Jill wesentlich zufriedener wirkte wenn ihr ab und zu mal die Kontrolle übergeben wurde, wenn es auch nur im Rahmen des Autopiloten lag.
Manchmal ließ er sie auch über diesen frei rumfliegen, wenn sie in einer ungefährlichen Umgebung waren, genug Treibstoff und es nicht besonders eilig hatten.
Viel Unterhaltung konnte er ihr nicht bieten, aber das was ihm zur Verfügung stand nutzte er, um sie für ihre Arbeit zu belohnen.
„ Bring uns bitte zur Erde im Sol-System….und wärst du so freundlich Nummer 22 im Musik-Ordner meines Laptops abzuspielen? Den Rest bitte per Zufall.
Ich brauch was zum Entspannen.“, ordnete er an und lehnte sich zurück.
Jill startete die Triebwerke und richtete das Schiff auf den Sprungpunkt des Systems aus.
Die Midway flog nun unter der Kontrolle der KI zum festgelegen Ziel, gleichzeitig griff sie auf den besagten Ordner zu, erstellte eine Wiedergabeliste und spielte sie über die Innenlautsprecher des Schiffes ab.
Die Musik, die aus den Lautsprechern dröhnte, wäre mit dem „Heavy Metal“ aus dem
21. Jahrhundert vergleichbar.
„ Ich verstehe wirklich nicht warum du diese Musik so toll findest.“, kommentierte Jill, als die Musik einsetzte und Sim seinen Kopf im Takt mitbewegte. Er zuckte mit den Achseln.
„ Sie gefällt mir eben. Manche Texte regen zum Nachdenken an, manche sind dazu da um mal ordentlich Dampf abzulassen. Oh, hier kommt eine meiner Lieblingsstellen…“,
sagte Sim und sang beim Refrain mit. Jill hörte zu und sinnierte.
„Ich versteh´s trotzdem nicht…Jedenfalls wird das ein seeehr langer Flug…“,
seufzte sie.

Ein paar Sprungpunkte, sowie einige für Jill nervenaufreibende Lieder später, kam das Schiff an seinem Zielort an. Sim schaltete den Autopiloten aus, steuerte das Schiff durch die Erdatmosphäre und hielt auf den Raumhafen in Boston von Amerika zu. Nachdem er sein Schiff im Hangar gelandet und die dortigen Techniker angewiesen hatte sein Schiff mit Treibstoff und Energie zu versorgen, steuerte er zunächst den nächsten Bankautomaten an, um sich zu vergewissern, ob sein Sold bereits überwiesen wurde. Erleichtert zog er sich auf sein Schiff zurück und wählte über das Kommunikationsnetzwerk des Schiffes die Kontaktnummer seiner Schwester, die ein paar Sekunden nach dem Rufzeichen abnahm und kurz darauf über eine Kamera in einem Bildausschnitt im Cockpitfenster erschien.
Sie beide hatten dieselben Augen und ähnliche Wangenknochen, doch während ihn seine Züge mit dem kurzen Haar eher markant wirken ließen, machten die Züge seiner Schwester ihr Gesicht anziehender, was durch die wenigen, zarten Sommersprossen auf ihrer Nase und dem schulterlangen, kastanienbraunen Haar hervorgehoben wurde.
„ Hey Schwesterchen, rate mal wer wieder Zuhause ist.“, lächelte er sie an, den Helm hatte er abgenommen.
„ Wird auch verdammt nochmal Zeit!“, herrschte sie ihn an.
Sim guckte perplex drein.
Seine Schwester starte ihn böse an,
aber nicht lange, denn kurz darauf grinste sie über das ganze Gesicht.
„ Damit hast du wohl nicht gerechnet was? Dein Gesichtsausdruck…unbezahlbar.“, grinste sie frech und fügte mit einem warmen Lächeln hinzu, „Willkommen zurück.“
Er atmete erleichtert aus und gab ein leichtes Lachen von sich.
„ Du hast dich kein bisschen verändert Rachel…“
„ Und du solltest langsam wissen wann dich jemand hochnimmt Brüderchen.
Hi Jill, wie geht´s dir?“, wandte sie sich an die KI. Rachel und Richard waren die einzigen Personen, vor denen Sim offen über seine KI sprach und sie auch mit ihnen. Er wollte nicht dass die falschen Leute von ihrer Existenz wussten.
„ Hallo Rachel, schön dich wieder zusehen. “, erwiderte diese, „ Den Umständen entsprechend, ich bin ja mit deinem Bruder zusammen…also auf engstem Raum eingepfercht.“
Sim rollte mit den Augen und es begann ein verspieltes Streitgespräch zwischen ihm und Jill, welches nur von seiner Schwester mit einem belächelten „Sucht euch ein Zimmer“ unterbrochen wurde.
Darauf tauschten sich Rachel und er ausgiebig über Neuigkeiten voneinander aus, wobei er versuchte die weniger schönen Dinge des Söldner-Lebens nicht zu erwähnen.
So erfuhr Sim, dass seine Schwester seit kurzem eine höhere Stellung als Ärztin bekleidete und auf eine mobile Krankenstation verlegt wurde. Im Gegensatz zu ihm, arbeitete sie immer noch in der Navy der UEE, allerdings im Sanitätswesen.
An der Stelle erwähnte sie auch, das im Rahmen ihres nächsten Einsatzes auch Söldner zum Begleitschutz angeheuert wurden, was nicht ganz ungewöhnlich war, da die Navy seit einiger Zeit Verluste hinnehmen musste.
Er versicherte ihr, dass er es sich überlegte. Da die Bezahlung der Flotte aber eher miserabel war, würde er nicht das Angebot wahrnehmen, nur wollte Sim ihr das so nicht ins Gesicht sagen. Bevor Sim für Vedo arbeitete, war es auch Rachel, die ihn auf die Aufträge der Flotte hingewiesen hatte. Wahrscheinlich hatte sie eine Ahnung in welche Richtung er abdriften würde, bemühte sich aber ihn von, wie sie sagte, „schmutziger Arbeit“ fernzuhalten.
Sim bewunderte die Hilfsbereitschaft seiner Schwester, fand aber das sie manchmal in der Hinsicht zu naiv war, wie bei ihrem Vater.

Politisch korrekt ausgedrückt war das Verhältnis von Sim zu seinem Vater Howard Wilson sehr angespannt, aber es war nicht immer so.
Sein Vater Howard arbeitete als Angestellter bei einer angesehenen Handelsgesellschaft auf der Erde. Er verdiente dort nicht schlecht, war sogar recht vermögend, musste aber trotzdem viel Zeit in seinen Job stecken, was ihn aber nicht daran hinderte für seine Familie da zu sein.
Sein Vater musste manchmal hart, aber gerecht durchgreifen, wenn sich Sim und sein Bruder Stephan stritten und er wurde einmal besonders laut, als Sim verkündete sein Studium abzubrechen, um dafür aber der Armee der UEE beizutreten, aber das waren Ausnahmen.
Der Ärger fing an, als die Firma, in der Howard arbeitete, eine Depression durchmachte und er aus Finanzgründen gefeuert wurde. Er schaffte es zwar eine Stelle bei einer anderen Firma zu bekommen, doch dort musste er sich erst beweisen und war kaum für die Familie da.
Wegen dem Stress der Neuen und dem Verlust der alten Arbeit fing er an öfter zur Flasche zu greifen.
Sim, seine Schwester Rachel und seine Mutter Emily bemühten sich ihn von seinen Trinkgewohnheiten abzubringen, aber erfolglos.
Während sich die beiden Frauen in ihren Bemühungen eher passiv hielten, in dem Sinne beruhigend auf seinen Vater einredeten, wirkte Sim eher aktiv, wobei er ihm direkt die Flaschen aus den Händen riss und den Inhalt im Abfluss runterspülte.
So wurde Howard ihm gegenüber immer grantiger. Was mit einigen bösen Worten begann, steigerte sich über langanhaltende Schimpftriaden, bis hin zu unschönen Handgreiflichkeiten.
Als sein Vater Gewalt gegen ihn anwendete, war es auch für Sim zu viel und er ließ seitdem seinen Ärger öfter gegen seinen Vater und in Gefechten, während seiner Einsätze, aus.
Die Vermittlungsversuche seitens der Frauen waren auch hier erfolglos und er suchte sich eine eigene Wohnung in der er heute lebte.
Als seine Mutter Emily Parker im Jahre 2940 durch einen Autounfall starb, entfernte sich Sim immer mehr von seinem Vater. Der Grund waren die Weinflaschen, die seine Mutter im Auto mit sich führte. Es stellte sich heraus, dass sie nüchtern war, aber Howard hatte sie dazu gezwungen, so Rachel später zu Sim, für ihn Flaschen einzukaufen.
In Sims Augen lag damit die Schuld des Todes von Emily nicht bei dem Autofahrer, der ungebremst in ihren Wagen gefahren war, sondern bei seinem Vater.
Die Bombe ließ Howard platzen, als er zwei Monate später seiner damaligen Affäre und momentanen Lebensgefährtin Bethany Wilson erlaubte bei ihnen einzuziehen.
Sim hätte am liebsten drüber gelacht, da ihm die Situation wie ein schlechter Scherz, getreu den weniger seriösen Nachmittagsprogrammen vorkam, aber seine Wut steigerte sich dadurch immer mehr.
Der endgültige Bruch mit seinem Vater und seinem Bruder, der in Howards Firma mitarbeitete und sich immer mehr, nach Sims Ansicht, in ein profitgeiles Arschloch verwandelte, gipfelte in einem Streit, nachdem Bethany, die anscheinend auch was mit Stephan hatte, ihm eindeutige Avancen machte. Sim versuchte ein letztes Mal bemüht und vernünftig seinem Vater vor Augen zu führen, das er sich professionell helfen lassen sollte, doch davon wollte Howard nichts hören.
Die letzten Worte, die er an seinen Vater richtete, kurz bevor er die Haustür hinter sich zuknallte, waren:
„ Wir sehen uns nie mehr du versoffenes Arschloch! Eher sollst du am Suff und Geschlechtskrankheiten sterben!“
Worauf sein Vater schreiend antwortete:
„ Dann sterbe ich immerhin glücklich und in dem Wissen keinen Bastard von Sohn wie dich zu haben!“
Seitdem sind fünf Jahre vergangen, doch er hatte immer noch eine enorme Wut auf seinen Vater, die er nur im Zaum hielt, indem er sich von ihm distanzierte.

Leider sprach nun Rachel ihn auf seinen Vater an.
„ Ich hab übrigens letztens Dad getroffen….“, setzte sie an, dabei ihn musternd.
Seine Gesichtszüge, die bis eben noch entspannt wirkten, strafften sich langsam, bis er nur noch eine ausdruckslose Maske zeigte.
„ Aha.“, machte er nur.
Rachel schluckte und ließ sich Zeit für ihre nächsten Worte.
„ Er…hat gefragt wie es dir geht.“
Sim schwieg.
„Weißt du, es geht ihm wirklich nicht gut. Er macht gerade eine Depression durch und…“,fuhr sie fort, wurde jedoch von ihm unterbrochen.
„ Dann sag ihm dass ich draufgegangen bin, das hebt sicher seine Laune.“, lächelte er kühl, dabei in Gedanken an ihre letzten Worte. Jill hielt sich aus der Unterhaltung raus.
Eine Ader trat an Rachels Stirn hervor, sie verlor langsam die Geduld.
„Das kannst du nicht ernst meinen. Verdammt er ist dein Vater…“, sagte sie, wurde aber auch hier kurz von ihm unterbrochen.
„Nicht mehr…“
„…und er macht sich Sorgen um dich. Es tut ihm leid was er damals gesagt hat, dir angetan hat. Er will es wieder gutmachen.“, beendete sie den Satz.
Sim schüttelte den Kopf.
„ Da gibt es nichts wieder gutzumachen, ich lebe so besser damit. Der Zug ist abgefahren Rachel und du solltest langsam einsehen dass ihm nicht zu helfen ist, da er sich nicht helfen lassen WILL. Du solltest nicht…“ Er wollte noch was hinzufügen, aber überlegte es sich anders, doch seine Schwester ließ nicht ab und wurde wütender.
„ Was sollte ich nicht tun? Ihm helfen? Ich habe ihm bereits einen guten Therapeuten empfohlen und ihm Tabletten zur Suchtbekämpfung verschrieben. Das einzige Problem hier bist du mit deinem verdammten Stolz. Du machst gar nichts…“, schrie sie ihn an und steigerte sich immer weiter hinein,
„ … sondern bist hier auf deinem Schiff, schleppst irgendwelche billigen Frauen ab und bringst fröhlich Leute um. Hat es dir Spaß gemacht auf Stanton II? Bist du so abgebrüht, dass du deinen Vater links liegen lassen kannst?“
Sie erkannte zu spät dass sie zu weit gegangen war.
Sim starrte sie an, mahlte mit den Kiefern und antwortete in einem gefährlich ruhigen Ton:
„ Es hat mir kein Vergnügen bereitet und ich dachte dass wir nicht mehr darüber sprechen wollten…“, setzte er an, sah wie bleich Rachel wurde und ihn entschuldigend ansah, doch er war noch nicht fertig und wurde allmählich lauter, „ …und ja. Ich würde ihn einfach vor sich hinvegetieren lassen. Er will es selbst nicht anders, denn du weißt wie sehr wir uns bemüht haben ihn von seinen schlechten Gewohnheiten abzuhalten. Aber hat es was gebracht? Nein. Während ihr nur brav auf ihn eingeredet habt, bin ich direkter gewesen und war dafür sein Bastardsohn, während ihr die Engel auf Erden wart und hast du gesehen wie das endete? Hast du gesehen wie MUTTER endete? Hast du gesehen was sie für ihre Hilfe BEKOMMEN hat?!“
Die letzten beiden Sätze schrie er. Rachel sah ihn traurig an und flüsterte nach einigen bedeutungsschweren Sekunden:
„ Du gibst ihm immer noch die Schuld….“
Sim atmete tief durch und nickte langsam. Langanhaltendes Schweigen.
„ Du kannst…vielleicht rufst du wieder durch. Also bei mir… war schön wieder von dir gehört zu haben. Auf Wiedersehen.“, wisperte sie, worauf er sich verabschiedete und die Verbindung trennte. Er saß einige Minuten starr im Pilotensitz.

Jill schwieg nach wie vor, sie wusste dass sie ihn jetzt nicht ansprechen sollte.
„Manchmal wär ich gern eine KI.“, murmelte er.
Er seufzte und stieg dann aus dem Pilotensessel, um sich aus seinem Spind seine Wertsachen und Zivil-Kleidung herauszuholen. Den Piloten-Anzug verstaute er in einem anderen Spind.
Er schaltete die restlichen Systeme auf Standby und wandte sich dann an Jill.
„ Jetzt beginnt unser Landurlaub. Du hast das Schiff für dich allein.“, lächelte er bemüht.
„ Wird Zeit das du wieder ins normale Leben kommst. Erhol dich gut und…vielleicht schaust du ab und zu mal vorbei. Allein ist es auf Dauer hier langweilig.“, meinte sie.
„ Das mach ich, einer muss dich ja bei Laune halten.“, schmunzelte er mit einem echten warmen Lächeln, „Mach´s gut Jill.“
„Mach´s besser Sim.“, antwortete sie amüsiert.
Sim lachte leise wegen ihrer gewohnten Abschiedsfloskel, wenn er längere Zeit nicht auf dem Schiff sein wird.
Er stieg aus dem Schiff, riegelte die Schiebetür ab und ließ ein letztes Mal seinen prüfenden Blick über die Midway schweifen.
Sein Blick verharrte auf einer der Außenkameras des Schiffes und nickte diesem ein letztes Mal zu, bevor er sich auf dem Weg zu den Landedocks der Transportschiffe machte, um sich ein paar Tage Urlaub in seiner Wohnung in Toronto zu gönnen.

Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von »Sim Russ« (19.01.2015, 11:04)


Kara

Stellv. Gildenleitung

Titel: RP-Queen

  • Nachricht senden

14

21.01.2015, 20:05

Erde, Spaceport Boston

Carol und Tanner betraten den Spaceport Boston. Immer noch übte die Anwesenheit so vieler Raumschiffe und Piloten eine geradezu magische Anziehungskraft auf die blonde Frau aus. Das war schon in ihrer Kindheit so gewesen und hatte sich über die vielen Jahre beim Militär nicht geändert.
In Hangar 8 war Carols Asteria untergebracht, doch Mirabel lief weiter und sie kamen zu den Kurzzeitstandplätzen. Schließlich hielten sie vor einer silbrig glänzenden Carrack an.

“Und hier wären wir, Miss Danvers. Carol, Verzeihung. Darf ich vorstellen? Die Pegasus.”


Sie hob anerkennend eine Augenbraue. In einem solchen Schiff war sie noch nie geflogen.

“Hübscher Flieger. Bin sehr gespannt auf das Innenleben. Ist schon etwas anderes, als die Einsitzer beim Militär.”

Tanner nickte und öffnete mit Hilfe eines elektronischen Signals von einem Metallband an seinem Handgelenk eine große Einstiegsluke.

“Kann ich mir vorstellen. Die Pegasus ist nicht nur einfach mein Schiff… sie ist mein zu Hause.”

Mit einer einladenden Geste ließ er Carol den Vortritt und sie stieg in die Carrack.

“Auch wenn es ein großes Schiff ist, etwas eng auf Dauer, oder? Beim SQ42 war zwar auch nicht viel Platz, aber ein wenig mehr konnte man sich auf der Javelin ja doch die Beine vertreten.”

Tanner folgte ihr und lächelte süffisant.

“Und ich hätte gedacht, sie mögen es kuschelig, Lieutenant.”

Sie warf ihm einen genervten Blick zu.

“Bei meinem Austritt war ich Lieutenant Commander. Aber nennen Sie mich nicht so, ich habe kein Recht mehr, diesen Dienstgrad zu tragen.”

Mirabel hob entschuldigend die Hände.

“Verzeihung, Carol. Kommen Sie, ich zeige Ihnen die Daten.”

Als Sie einen schmalen Gang entlang liefen, kamen ihnen plötzlich zwei Personen entgegen. Die Frau hatte kurze, feuerrote Haare und kicherte ausgelassen, der Mann hinter ihr war muskulös und hatte einen nackten Oberkörper. Carol grinste überrascht und Mirabel kratzte sich am Kopf.

“Flores? Fields? Was machen Sie denn hier? Ich dachte Sie wollten die Bostoner Ersatzteilmärkte durchstöbern.”

Der kräftige Mann lief dezent rot an.

“Äh… ja, richtig, Captain, das machen wir jetzt auch, wir hatten nur noch… etwas zu erledigen.”

Die Rothaarige zwinkerte Mirabel zu und musterte Carol von oben bis unten.

“Die Pegasus ist dann jetzt frei für euch.”

Tanner räusperte sich streng und verschränkte die Arme.

“Carol, darf ich vorstellen? Die Dame mit dem schmutzigen Mundwerk ist Elisabeth Flores, zuständig für die Navigationtechnik an Bord. Und Ron Fields, Bergungsspezialist.”

Carol schüttelte beiden die Hand.

“Sehr angenehm. Und jetzt raus mit Ihnen, der Mann hier hat es nötig und ich habe später noch andere Kunden.”

Drei Unterkiefer klappten nach unten und Carol lachte herzlich.

“War nur ein Witz. Mein Name ist Carol Danvers und Ihr Captain hat mich überredet, Sie bei der Suche nach der Artemis zu unterstützen. Alles ganz harmlos und geschäftlich.”

Die beiden Besatzungsmitglieder verließen das Schiff und Tanner und Carol setzten sich an eine Computerkonsole. Der Captain der Pegasus zeigte ihr alle relevanten Daten zum Fall Artemis und nach einer knappen Stunde war Carol im Bilde. Sie lehnte sich in ihrem Sessel zurück und streckte sich. Mirabel sah sie erwartungsvoll an.

“Und, was denken Sie?”

Carol strich sich über die kahlrasierte Schädelseite.

“Ich denke, ich brauche etwas zu trinken. Haben Sie was da, Tanner?”

Er sah sie nachdenklich an.

“Ich kann Ihnen einen Kaffee anbieten. Aber ich meinte eigentlich… dieses Projekt. Die Artemis.”

Die Blondine seufzte.

“Und ich dachte eigentlich an etwas mit ein wenig mehr Umdrehungen als Kaffee. Die Artemis, tja…”

Ihre Blicke trafen sich.

“Sie haben einen guten Fund gemacht, Tanner. Aber um daraus mehr zu machen, brauchen Sie gute Leute, ein organisiertes Projektmanagement und… eine gehörige Portion Glück.”

Er lächelte.

“Das Glück ist mit den Tüchtigen, nicht wahr? Nach meiner Erfahrung braucht es nur einiges an Mut und Fleiß, das Glück kommt dann schon von allein. Und? Haben Sie den Mut, diesen Weg mit mir zu gehen, Carol Danvers?”

Sie sah ihn schnippisch an.

“Nachdem Sie schon meine Eltern gegen mich eingesetzt haben, bleibt mir ja kaum eine andere Wahl. Aber ich habe zwei Bedingungen.”

Die ehemalige Soldatin beugte sich vor und sah Mirabel fest an.

“Erstens: Wenn wir es machen, dann machen wir es richtig. Ich habe keine Lust, meine Lebenszeit für ein halbherziges Projekt zu verschwenden.”

Tanner erwiderte den Blick kühl.

“Alles, was ich mir vornehme, mache ich richtig, Miss Danvers. Und ich glaube kaum, dass die kommende Zeit Ihnen im Vergleich zu ihrem jetzigen Leben verschwendet vorkommen wird. Aber es freut mich, dass Sie vorhaben, sich ernsthaft zu bemühen.”

Carol sah ihn erst überrascht an, dann lachte sie und boxte ihn scherzhaft gegen die Schulter.

“Sie sind niedlich, haben aber echt Biss. Keine schlechte Kombination. Verdammt, Tanner, haben Sie wirklich nichts zu trinken?”

Er griff beiläufig in eine Schublade und holte eine halbleere Flasche Brandy und zwei Gläser hervor und stellte sie auf die Konsole.

“Sie sagten, Sie haben zwei Bedingungen. Was ist die zweite?”

Die Kampfpilotin drehte den Deckel der Flasche ab und nahm direkt einen großen Schluck daraus.

“Zweitens: Ich will aktiv mit einbezogen werden. Ich will etwas tun und arbeiten. Auch schwere Sachen. Ich war nicht nur in der Navy beim SQ42, ich habe auch eine Ausbildung als Spionin und eine ganze Zeit in dem Metier gearbeitet. Ich will nicht nur die Galionsfigur dieses Unternehmens sein, kapiert?”

Mirabel lächelte milde, goss in beide Gläser einen Schluck des Weinbrands und hob seines.

“Kapiert. Dann also auf unser neues, gemeinsames Projekt… unser Unternehmen.”

Sie stieß mit ihm an.

“Ja, auf das Unternehmen. Für welches wir übrigens noch einen Namen brauchen. Schon irgendwelche Ideen?”

Tanner wog den Kopf hin und her.

“Ich habe mir dazu schon Gedanken gemacht. Die Organisation, die wir um diese Suche aufbauen wollen, sollte eine Verbindung zur Artemissuche haben, aber nicht nur durch sie definiert werden. Es wird und kann nicht unser einziges Projekt bleiben.”

Carol nickte und bedeutete ihm, weiterzureden.

“Nun… alles hat angefangen mit diesem Fund im Outpost 7… daher würde ich diesen Namen für passend halten.”

Die blonde Frau schenkte den Brandy noch einmal nach.

“Outpost 7… naja, nicht sehr vielsagend, aber zumindest griffig. Apropos Außenposten… wo ‘postiert’ sich denn unsere Firma?”

Mirabel zuckte mit den Schultern.

“Nun, wir werden ja meistens unterwegs sein, aber eine Art Firmensitz brauchen wir natürlich schon. Für Ansprechpartner… und wo Informationen zusammenfließen. Da müsste auch jemand vertrauenswürdiges sitzen. Aber konkrete Ideen dazu habe ich noch nicht.”

Carol schnalzte mit der Zunge.

“Aber mir ist gerade etwas eingefallen. Falls Sie die Erde als Hauptsitz unserer Organisation nicht stört, habe ich dafür vielleicht eine Lösung. Aber das will ich erst abklären, ich sage Ihnen dann Bescheid.”

Er nickte und gab etwas in die Computerkonsole ein.

“Gut. Was brauchen wir noch für den Anfang?”

Carol befeuchtete ihre Lippen.

“Oh, eine ganze Menge. Wir brauchen Leute, die unseren Verein mit Material und Geld versorgen. So etwas wie eine Handelssparte. Leute, die Erfahrung im Suchen und Bergen haben, so wie Sie. Und Leute, die uns absichern, gegen industrielle Gegenspieler zum Beispiel, oder Piraten. Und nicht zuletzt gegen die Vanduul, die uns beiden ja schon gehörig in die emotionalen Weichteile getreten haben. Das reicht mir für dieses Leben.”

Tanner nickte erneut.

“Hört sich gut an. Ist ja eine ganze Menge. Wo sollen wir die herbekommen?”

“Ach, so viele müssen es gar nicht sein.”

Sie leerte das Glas mit der goldgelben Flüssigkeit.

“Wenn wir ein halbes Dutzend vertrauenswürdiger Leute anheuern können, natürlich samt Schiffen und Crew, dann sollte das für den Anfang reichen. Vielleicht teilen wir uns dazu am besten auf. Kennen Sie nicht noch irgendwen aus der Bergungsbranche, den Sie für uns gewinnen können? Vielleicht mit einem großen Schiff und viel Erfahrung? Oder ein kleines Handelsunternehmen, welches mit uns kooperieren möchte? Können Sie sich da mal umhören, oder eine Anzeige schalten? Mit sowas kennen Sie sich vermutlich besser aus, als ich. Vielleicht treiben Sie ja sogar jemanden auf, der etwas für unsere Außenwirkung tun kann. Ich gebe auch ein Interview, wenn es sein muss.”

Carol zwinkerte.

“Ich hingegen werden mal meine alten Kontakte aus dem Militär anzapfen. Wenn es um Leute geht, die einfach ihren Job machen sollen, ohne dabei groß herumzudiskutieren, sind ehemalige Soldaten die besten, glauben Sie mir. Und mal sehen, wen ich noch so auf dem freien Markt finde. Ein paar Bekanntschaften konnte ich auch nach meiner UEE Zeit knüpfen.”

Tanner sah sie mit einem breiten Lächeln an.

“Klingt toll, Carol. Wann fangen wir an?”

Sie gab ihm einen von Brandy geschwängerten Kuss auf die Wange.

“Jetzt gleich!”

Kara

Stellv. Gildenleitung

Titel: RP-Queen

  • Nachricht senden

15

26.01.2015, 10:29

Carol ging nachdenklich aber gut gelaunt über den Spaceport auf den Ausgang zu. Tanner und Sie hatten eine Art Arbeitsteilung ausgehandelt und viele Gedanken kreisten gleichzeitig in ihrem Kopf. Vielleicht kreiste auch etwas Brandy mit.
Als erstes würde Sie mit Cara-Jane Verbindung aufnehmen müssen, vielleicht konnte sie in New York etwas mit der alten Halle deichseln. Danach würde sie ein paar Kontakte bemühen, um…
Die blonde Pilotin blieb irritiert stehen, als sie an einem offenen Hangar vorbeikam. Auf dem Gaststellplatz stand eine etwas mitgenommen aussehende Origin 315P und ihr Pilot war selbst durch das geschlossene Cockpit zu hören. Carol konnte zwar die einzelnen Worte nicht verstehen, aber seine Stimme dröhnte durch das dicke Glas, denn er schien erregt zu schreien. Carol lehnte sich an den Eingang und beobachtete ihn einen Moment amüsiert. Warum schrie der Mann so? Galt das ihm selbst, oder war er in einem Gespräch per Funk? Und warum kam er ihr so bekannt vor?
Während Sie den Schriftzug „Midway“ an der Seite des Rumpfes entzifferte, hatte sich der Pilot plötzlich beruhigt, beziehungsweise sein Gespräch vermutlich beendet. Carol wollte sich gerade abwenden, als das Cockpit aufging und der Mann ausstieg.

„ Das mach ich, einer muss dich ja bei Laune halten.“

Sie drehte sich nochmals um. Sprach er doch mit sich selbst?

„Mach´s gut Jill.“

„Mach´s besser Sim.“

Carol hob eine Augenbraue. Die weibliche, etwas elektronisch klingende Stimme, kam aus dem Schiff, aber es war eindeutig niemand mehr zu sehen. Was war das denn für ein Trick?

Der Pilot verschloss das Cockpit und steuerte auf den Ausgang des kleinen Hangars zu, als Carol endlich einfiel, woher sie ihn kannte.

“Das ist doch… verdammt, Falcon, bist du das?”

Der Mann blieb irritiert stehen und schien zu überlegen. Dann erstrahlte ein Lächeln auf seinem umwölkten Gesicht.

“Was zum… Cheeseburger? Kann das möglich sein?”

Carol lachte und die beiden begrüßten sich mit einem typischen Navy-Handschlag.

“Warbird, seit dem ich beim SQ42 war. Mann, wie lange ist das her? Müssten bald sechs Jahre sein.”

Falcon, den Carol auch als Lieutenant Sim Parker aus ihrer Zeit bei der Navy in Erinnerung hatte, nickte eifrig.

“Sogar ziemlich genau sechs Jahre. Was ist mit deinen schönen Haaren passiert?”

“Mir haben die Vanduul den halben Schädel weggeschossen, seit dem wächst da nichts mehr. Das war’s dann auch leider für mich mit der Navy. Bist du noch dabei?”

Er schüttelte den Kopf und einen Moment sahen sich die beiden etwas mitleidig an.

“Scheiße passiert”, sagte sie leise. Parker nickte unmerklich.

“Scheiße passiert.”

Nach ein paar weiteren Sekunden versuchte es Carol mit einem aufmunternden Lächeln.

“Was machst du in Boston? Urlaub? Oder Geschäfte?”

Er hob kurz seine Tasche an.

“Urlaub. Aber in Toronto, ich bin gerade auf dem Weg zu den Transportschiffen. Und du?”

Carol zögerte und kaute kurz nachdenklich auf ihrer Unterlippe.

“Ich… wohne hier. Zur Zeit. Und bin gerade dabei… an einem sehr interessanten Projekt mitzuwirken. Du… also, du suchst nicht zufällig einen lukrativen, interessanten Job?”

Sim Parker war einen Moment unentschlossen, aber dann siegte doch die Neugier.

“Kommt darauf an. Worum geht es denn?”

“Wenn du zehn Minuten für einen Kaffee hast, lade ich dich ein und erzähle es dir.”

Er hatte. Die beiden ehemaligen Soldaten setzten sich in ein kleines Bistro am Spaceport und Carol berichtete über die geplante Suchorganisation der Artemis und Parker hörte aufmerksam zu. Zuerst schien er sehr skeptisch zu sein, aber je länger Carol berichtete, desto größer wurde sein Interesse.

"Hmm...ich hab allerdings schon einen gut zahlenden Auftraggeber in Aussicht. Zumal ist es eine vage und riskante Sache...allerdings hat sie Potenzial", lächelte er, "und es wäre mal etwas...anderes."

Carol legte ihm freundschaftlich eine Hand auf den Oberarm.

“Du kannst ja nochmal in Ruhe darüber nachdenken, Falcon. Aber wir könnten einen guten Aufklärer wirklich gebrauchen und du warst damals der beste Scout der Staffel. Und überlege mal, wie oft bietet sich die Gelegenheit, an etwas wirklich Historischem mitzuwirken?”

Sim zwinkerte ihr zu.

“Du brauchst mich nicht um den Finger zu wickeln. Ich werde ernsthaft darüber nachdenken, versprochen. Wie kann ich dich erreichen?”

Carol griff sich einen Stift von der Theke des Bistro’s und schrieb ihm ihre Kontakt-ID auf seinen Unterarm.

“Unser Sitz wird vermutlich in New York sein. Ich erwarte dein Feedback, Sim.”

Sie schlug ihm auf die Schulter und bezahlte dann die Rechnung.

"Achja Carol? Da wär noch etwas...", sagte er zögerlich.

Sie drehte sich um und wartete darauf das er fortfuhr.
Sim blickte nachdenklich auf die Tischplatte vor sich, er schien über etwas nachzudenken.
Dann sah er aber zu ihr auf und grinste schelmisch.

"Du musst wissen...meine Dienste sind nicht billig."

Sie hob eine Augenbraue.

“Das hoffe ich. Wenn ich ‘billig’ wollte, hätte ich jemand anderen gefragt. Aber ob deine Dienste die entsprechende Anerkennung wert sind, musst du mir erst noch beweisen.”

Carol zwinkerte und die beiden verabschiedeten sich. Sie steuerte wieder auf den Ausgang des Spaceports zu. Jetzt wurde es Zeit, ihre Schwester zu kontaktieren…

Kara

Stellv. Gildenleitung

Titel: RP-Queen

  • Nachricht senden

16

28.01.2015, 14:26

Carol erwachte aus einem tiefen Schlaf, als es gegen ihre Zimmertür klopfte.

“Mmmmhpf. Ja, was?”

Ihr Vater streckte den Kopf hinein.

“Ich habe Cara-Jane in der Kommunikationsleitung. Sie fragt nach dir. Hast du sie gestern angerufen?”

Carol öffnete mühsam ein Auge.

“Ich… ja, ja habe ich. Ich komme gleich… sag ihr… 2 Minuten, okay?”

Ihr Vater nickte und schloss die Tür. Carol setzte sich auf und fasste sich an den Kopf. Sie war noch müde, aber immerhin… sie hatte keinen Alptraum gehabt. Und auch nicht unter Einschlafproblemen gelitten. Die Pilotin schlurfte zum Waschbecken und spritzte sich Wasser in das Gesicht. Dann griff sie wie automatisch zur halbvollen Flasche Whiskey auf ihrem Nachtschrank. Sie drehte den Verschluss ab und hielt dann inne. Sie brauchte einen Schluck. Aber vielleicht… sollte sie trotzdem darauf verzichten. Es lag keine einfache Aufgabe vor ihr und sie musste ein wenig… fitter werden. Mit einiger Überwindung verschloss sie die Flasche wieder und verließ das Zimmer.

“Morgen, Mum.”

“Guten Morgen, Susan.”

Die ältere Dame saß auf der Couch und besah sich ihr Album. Carol sah kaum zu ihr auf und ging zum Kommunikationsterminal. Darauf war das Gesicht einer jungen Frau mit dunklen Haaren und braunen Augen zu sehen. Sie sah Carol nicht wirklich ähnlich und die blonde Frau hatte sich insgeheim schon mehrmals gefragt, ob sie wirklich den gleichen Vater hatten.



“Hey C.J., schön Dich zu sehen. Sorry, dass du warten musstest, ich habe noch gepennt.”

Carols Schwester setzte eine sorgenvolle Miene auf.

“Immer noch? Es ist schon halb elf.”

“Ich bin nicht mehr beim Militär, ich kann aufstehen, wann ich will.”

Carol musterte sie genervt, doch C.J. ließ sich nicht beeindrucken.

“Du trinkst immer noch so viel, nicht wahr?”

“Schön mit Daddy über mich geplaudert, nicht wahr?”

Die Spannung zwischen den beiden Frauen stieg, doch Cara-Janes dunkle Augen waren unerbittlich.

“Ich mache mir nur Sorgen, um dich, Carol. Du machst dich kaputt, und dabei werde ich nicht tatenlos zuschauen.”

Die ehemalige Kampfpilotin seufzte.

“Ich bin schon kaputt, C.J.. Vergiss es, ich will keinen Streit. Und ich versuche davon loszukommen. Wie geht es dir denn? Was macht dein Studium? Wie ist New York?”

Die Züge der jungen, dunkelhaarigen Frau entspannten sich etwas.

“Soweit so gut. Die Medizin macht mir Spaß und ich habe alle Prüfungen bisher mit Bestnoten bestanden. Ich fliege sogar bei einigen S&R-Einsätzen vom Red Cross mit. Aber New York ist teuer. Ich kann mir nur eine WG leisten, in der ich kaum zum lernen komme und Granny’s alte Hangarhalle habe ich auch noch nicht verkaufen können. Die Angebote waren bisher zu mies. Aber weswegen wolltest du mich sprechen, Carol? Bestimmt nicht, um dir meine Sorgen anzuhören.”

Carol wirkte ein wenig beleidigt.

“Als ob das nicht ein Grund wäre, mal bei meiner kleinen Schwester nachzufragen. Aber ja, da ist noch etwas. Dabei geht es genau um diese Hangarhalle… und vielleicht auch um dich, wenn du magst. Ich steige nämlich in ein ziemlich großes Projekt ein. Ein… anständiges Projekt.”

C.J. sah sie zweifelnd an.

“Ich bin ganz Ohr.”

Carol dachte kurz darüber nach, wie sie alles möglichst knapp formulieren konnte.

“Vorerst die Kurzfassung. Ein Captain Tanner Mirabel ist an mich herangetreten… er ist sein ganzes Leben lang schon damit beschäftigt, wertvolle Artefakte und andere Dinge zu suchen und zu bergen und arbeitet auch mit Museen zusammen. Nun hat er ein wichtiges Teil der Artemis entdeckt, du weißt schon, das seit Jahrhunderten verschollene Schiff mit Lisa Danvers als Captain.”

Cara-Jane nickte.

“Klar, Mum hat die Geschichte schon tausend Mal erzählt. Klingt interessant.”

Carol fuhr fort.

“Er hat auch noch weitere Hinweise auf den Verbleib gefunden. Nun will er eine Art Organisation gründen, um die Suche professionell voranzutreiben. Und er will mich dabei haben. So als Nachfahrin.”

“Klingt tatsächlich nach einer spannenden und vor allem sinnvollen Angelegenheit, ich kann dich darin nur bekräftigen. Aber was habe ich damit zu tun?”

Ihre ältere Schwester fuhr sich mit der Hand über die kahle Schädelseite.

“Tja, wir sind ja erst in der Aufbauphase und wir brauchen noch so etwas… wie einen offiziellen Firmensitz, selbst wenn wir uns ja überwiegend im All aufhalten werden. Und New York ist der westliche Nabel der Erde, da passiert einfach alles, was interessant ist, ein perfekter Ort. Und wir besitzen da ein Grundstück.”

C.J. sah sie verblüfft an.

“Du meinst echt die alte Halle von Grandma? Die ist voller Raumschiffschrott. Meine Güte, die Halle ist selbst Schrott. Und viel zu groß, bestimmt 300 mal 100 Meter. Was soll das denn für ein Firmenbüro sein?”

Carol strahlte.

“Das ist doch super! Da können wir sogar unsere Schiffe unterbringen, falls nötig. Du musst das nur entrümpeln lassen und fertig.”

Ihrer jüngeren Schwester entglitten gerade die Gesichtszüge.

“Ich? Das soll wohl ein Witz sein? Weißt du, was sowas kostet? Außerdem habe ich dafür gar keine Zeit und du weißt genau, dass von dem Verkaufserlös der Halle mein Studium finanziert werden sollte.”

Carol lächelte.

“Ganz ruhig, Kleines. Tanner gibt mir bestimmt Geld dafür und ich kümmere mich darum. Außerdem glaube ich nicht, dass wir viel für den ‘Schrott’, wie du es nennst, zahlen müssen, für Bastler ist das doch ein gefundenes Fressen. Um die Finanzierung deines Studiums kümmere ich mich auch. Wir bauen dir eine kleine Wohnung und ein Büro in die Halle. Dort bist du zum Lernen ungestört und wirst außerdem als unsere… nun, Sekrätärin angestellt.”

Cara-Jane klappte der Mund auf.

“Wie bitte?!”

Carol lachte.

“Aber klar! Du wirst da nicht viel zu tun haben, höchstens ein paar Anfragen entgegennehmen und alles ein wenig organisiert halten, was Outpost 7 angeht. Dafür bekommst du deine kostenlose Wohnung, Logie und ein kleines Gehalt. Komm schon C.J., ist das kein gutes Angebot? Dein studium wird nicht darunter leiden, versprochen.”

Ihre Schwester schwieg einen Moment, bevor sie wieder antwortete.

“Ich… ich denke darüber nach. Aber du musst das hier in die Hand nehmen. Und glaubst du wirklich, dieser Tanner gibt dir dafür das Geld?”

“Bestimmt. Es wäre eine gute Investition. Ich melde mich morgen wieder, wann ich nach New York komme, okay? Ciao.”

Ihre verdutzte Schwester verabschiedete sich und Carol rieb sich die Hände. Kein schlechter Anfang für den Outpost 7.

Kara

Stellv. Gildenleitung

Titel: RP-Queen

  • Nachricht senden

17

28.01.2015, 14:27

Carol frühstückte, duschte und zog sich an. Ein schlichtes, graues Top und eine Jeans, mehr brauchte sie nicht. Die Uhr zeigte schon beinahe zwölf und es war ein warmer Frühsommertag. Sie schlüpfte in ihre Turnschuhe und nahm sich eine Trinkflasche, sie würde ein wenig joggen, um wieder fitter zu werden. Außerdem konnte sie dabei wunderbar nachdenken, wie sie sich an ihre unzähligen Lauftrainings beim Militär erinnerte.
Carol lief los und erkundete die Bostoner Umgebung. Seit ihrer Kindheit hatte sich viel verändert und seit dem sie bei ihren Eltern wieder eingezogen war, pendelte sie eigentlich nur zwischen der Wohnung und dem Spaceport. Deshalb tat es ihr gut, durch die Gegend zu laufen, und die Stadt auf sich wirken zu lassen. Nach gut zehn Minuten schwenkte sie in den Stadtpark. Es waren viele Leute unterwegs und nach weiteren 20 Minuten musste sie anhalten und war völlig außer Puste. Enttäuscht setzte sie sich auf einen großen Stein, trank einen großen Schluck Wasser und schalt sich selbst.

“Zur Hölle, wie kann man in einem Jahr nur so unfit werden. Früher bin ich nach einer halben Stunde gerade mal warm geworden und jetzt… ab heute jeden Tag Training, Miss Danvers!”

Sie blieb eine Weile sitzen und beobachtete die Menschen und die Umgebung.



Dann fiel ihr ein Gebäude auf, welches sie aus ihrer Kindheit noch nicht kannte. In leuchtender, aber etwas abgeblätterter Farbe verkündeten große Buchstaben über dem Eingang “Logan & Tellford Inc.”
Carol erhob sich und ging langsam näher. Die Namen kamen ihr irgendwie bekannt vor. An zwei großen Türen war ein Schild angebracht.

“Sie haben ein Problem? Wie lösen es - im Handumdrehen. Oder im Armumdrehen.”

Carol schmunzelte und betrat das Gebäude. Nach einem kleinen, kargen Foyer kam Sie in ein gemütliches, aber ziemlich unaufgeräumtes Büro. Über einer Datenkonsole waren ein Mann und Frau gebeugt, die sich zu streiten schienen.

Ryan

Mitglied der Gemeinschaft

Wohnort: Berlin

Titel: Mr. Laserbeam

  • Nachricht senden

18

28.01.2015, 15:31

“Das ist nicht sinnvoll, Ryan, diese Branche sollten wir vorerst meiden. Es sei denn, du willst unseren Ruf noch mehr gefährden. Erinnere dich, was der Boreaner gesagt hat.”

Der Soldat schlug heftiger als beabsichtigt auf den Tisch. Dabei surrten die Servomotoren in seinem Arm hörbar.

“Verdammt, Ice! Wir brauchen Kohle, sonst können wir die Miet- und Wartungskosten nicht mehr bezahlen, und dann…”

“Shhht.”

Die junge Frau mit dem strengen Blick und der Brille hatte Ryan unterbrochen und nickte mit dem Kopf zu einer Blondine, die ganz unbemerkt das Büro betreten hatte und die beiden anstarrte..

“Unsere Unterhaltung ist nicht mehr privat.”

Ryan fuhr sich durch die Haare und versuchte sich dann an einem verbindlichen Lächeln. Er musterte die junge Frau und fühlte sich sofort angesprochen. Hübsch, aber auch sportlich und verwegen. Und irgendwie kam sie ihm auch bekannt vor.

“Verzeihung, Lady, was kann ich für Sie tun? Benötigen Sie die Dienste von Logan & Tellford Inc.?“

Die Blondine musterte ihn ebenfalls eindringlich, ihr Blick blieb schließlich an seinem Arm hängen.

“Nun, das könnte gut möglich sein, es kommt aber darauf an, ob… verdammt, jetzt erkenne ich Sie, natürlich! Ryan ‘the Mage’ Tellford, nicht wahr? Ausbilder bei der Navy und Special OPS im Bodenkampf. Sie hatten damals keinen Bart und kurze Haare und haben uns gescheucht wie die Wildschweine. ‘Den einarmigen Bandit’ haben wir sie immer genannt. Ich bin Carol Danvers, war damals in Ihrer Ausbildungsgruppe, Sir.”

Ryan starrte sie mit offenem Mund an, dann lachte er plötzlich.

“Einarmiger Bandit, wie? Das Sir kannst du weglassen, Kleine, ich bin nicht mehr beim Militär, aber jetzt hat es auch bei mir geklickt. Danvers, das Mädchen mit den goldenen Haaren und dem Schmollmund, was so unschuldig aussah, bis es mich auf die Matte geschickt hat. Du hast mich vor der ganzen Klasse blamiert. Und war dein Rufname nicht Cheeseburger, weil du damit den G-Simulator vollgereihert hast? Schicke Frisur übrigens.”

Danvers lachte, während sie auf ihn zukam und mit einem blechernen Klang freundschaftlich auf die Armprothese schlug. Ryan nahm ihren Geruch wahr und fand ihn betörend. Angela beobachtete die Szene unterdessen mit großer Skeptik.

“Genau so war es, Sir… ich meine Mister Tellford. Zum Glück bin ich den Namen dann beim SQ42 losgeworden. Und den blanken Schädel mit Titanfüllung verdanke ich einem Vanduul-Hinterhalt.”

Ryan’s Miene verdunkelte sich.

“Richtig, davon habe ich gehört. Dein Bruder ist dabei draufgegangen, nicht wahr? Tut mir Leid, war ein wirklich guter Mann. Und bitte, nenn’ mich Ryan.”

Carol nickte.

“Danke Ryan. Für dich dann bitte Carol, ich habe die Navy auch verlassen. Und ich bin eigentlich nicht hier, um über alte Zeiten zu plaudern, sondern um in die Zukunft zu blicken. Und vielleicht könnte mir dieses Unternehmen ja dabei behilflich sein. Allerdings suchen wir einen verlässlichen Partner mit Interesse an einer längerfristigen Beziehung.“

Ryan hob die Augenbrauen und sah kurz zu Ice hinüber. Dann bot er der hübschen, blonden Frau einen Stuhl an.

„Bitte, Carol, setz dich doch. Um welche Art von Dienste geht es denn?”

Sie setzte sich und ließ ihre Arme über die Rückenlehne hängen.

“Schutz und Begleitung innerhalb einer Organisation, deren Aufgabe die Suche und Bergung von Artefakten ist. Wir haben da etwas sehr interessantes und lukratives im Auge, von dem eine nette Beteiligung für euch rausspringen könnte.”

Carol erzählte weiter und Ryan hörte aufmerksam zu und trotz der interessanten Details rund um die Suche nach der Artemis, war er nicht sofort begeistert. Ein paar Schrottsammler bei ihrer Arbeit bewachen - er konnte sich etwas aufregenderes vorstellen. Aber je mehr er darüber nachdachte, desto mehr Vorteile konnte er erkennen. Als sich die ehemalige Kampfpilotin kurz zur Toilette entschuldigte, wandte er sich an Ice.

“Und? Was hältst du von der Sache?”

Angela runzelte die Stirn.

“Du hast ihr die ganze Zeit auf die Titten gestarrt.”

Ryan sah sie verblüfft an, dann lachte er.

“So ein Unsinn. Aber ich meinte ihr Angebot.”

Sie schob sich die Brille zurecht.

“Die Frau selbst ist mir nicht ganz geheuer, aber das Angebot ist gut. Es klingt seriös, und unsere Teilnahme an einem langfristigen Projekt wäre genau das richtige, weil wir einfach mal einen konstanten Geldzufluss benötigen. Außerdem, wie ich vorhin schon sagte, wäre es nicht schlecht wegen dieser Rufmordaktion des Boreaners mal die Branche zu wechseln, und da käme eine archäologische Organisation ja gelegen. Ich denke, wir sollten das machen.”

Danvers kam zurück und setzte sich mit fragender Miene wieder Ryan gegenüber.

“Und? Was sagst Du?”

Der ehemalige Soldat lächelte.

“Ich sage: ich will Dich!”

Ice trat ihm schmerzhaft auf den Fuß.

“Ich meine… ich finde dein Angebot gut und denke, wir sollten bei euch einsteigen. Aber ich kann das nicht allein entscheiden. Logan ist mein Partner und ich lege großen Wert darauf, dass er sich selbst… ein Bild von der Sache macht.”

Ryan grinste und Carol grinste zurück.

“Alles klar. Captain Logan, der Held von Kellog, nehme ich an? Wo ist er?”

Der muskulöse Mann nickte.

“Das ist er. Du findest ihn im Trainingsraum mit dem Rest der Mannschaft. Dort hinten durch die Tür.”

Carol salutierte scherzhaft, erhob sich und ging auf die Tür zu. Ryan sah ihr nach. Was für ein geiler Arsch! Angela schlug ihm mit flachen Hand auf den Hinterkopf.

Logan

Veteran des Outpost 7

Wohnort: Schweiz

Titel: ***

  • Nachricht senden

19

29.01.2015, 20:34

„Komm schon schlag zu, oder war das alles was du zu bieten hast?“

Carol öffnete die Tür zum Trainingsraum. Der Raum war nicht sonderlich gross, ca. 20 auf 10 Meter wenn es hoch kam, doch gross genug für diverse Geräte, Trainingsmaterial und einem Boxring in der Mitte des Raumes. Carol zählte sieben Personen, welche um den Ring versammelt waren, die meisten von Ihnen schweiss gebadet. Im Ring selber konnte sie zwei Personen ausmachen, doch sie wusste nicht, wer von diesen Personen der gesuchte Mitinhaber sein sollte.

„Du willst mehr alter Mann? kannst du haben“. Einer der beiden Kontrahenten im Boxring ging auf sein Gegenüber los und schlug wie wild auf ihn ein. Carol blieb kurz stehen und beobachtete die Szenerie vor ihr. Der Angreifer müsste gegen Ende zwanzig sein, er trug eine kurze Sporthose und ein Tanktop. Der ältere Kontrahent war schätzungsweise Mitte vierzig, hatte eine Trainerhose an und der Oberkörper war nackt. Der Mann war gut trainiert, das konnte sie ihm ansehen.

Der ältere Mann musste einige Schläge von seinem jüngeren Gegner einstecken und kam im verlauf des Kampfes zunehmend in Bedrängnis. „Na? Schon genug alter Mann?“ fragte der Angreifer hämisch. Carol ging näher heran und fragte einen der Zuschauer, nach der gesuchten Person. Einige Sekunden vergingen und der ältere Mann kam kaum noch aus seiner Deckung, er hielt sich seine Hände schützend vor seinem Gesicht. Carol hatte schon fast Mitleid mit dem älteren Mann, als sie den Kampf etwas genauer analysierte.
Die Schlagintervalle des jungen Angreifers schienen von beginn an abzunehmen, auch achtete er immer weniger auf seine Deckung und konzentrierte sich nur auf den Angriff. Ja er war kleiner und weniger und vielleicht frischer als sein Gegenüber, jedoch fand sie es seltsam, dass dieser sich so passiv verhielt. Es dauerte nicht lange, bis sie endlich begriff………

Es ging blitzschnell, der ältere Mann duckte sich plötzlich, konnte dabei einem Schlag ausweichen und holte mit seiner rechten aus. Ehe sein Gegner intervenieren konnte, schlug der ältere Mann ihm hart und direkt in den Magen. Der junge keuchte, perplex über den harten Schlag und den stechenden Schmerz, legte er seine Hände auf den Bauch. Sein Gegner verpasste ihm noch einen linken Haken und beendete damit den Übungskampf.

Eine junge Frau zeigte in den Ring und nickte Carol zu.

„Sie sind also Captain Logan, der Held von Kellog?“ fragte die blonde Frau in den Ring. Logan zog seine Boxhandschuhe aus und half seinem Kampfpartner wieder auf die Beine.

„Nennen Sie mich nicht so“ sagte er knapp, ohne Carol eines Blickes zu würdigen.

„Wie soll ich Sie denn nennen?“

„Wie es Ihnen beliebt, meine Dame. Einerseits bin ich kein Captain mehr und schon gar kein Held“

„Ich bin keine Dame“ gab Carol missmutig zurück, lauter als ihr lieb war. Der ältere Mann sah sie jetzt direkt an, als hätte er erst jetzt von ihrer Anwesenheit erfahren. Er trat aus dem Ring und ging direkt auf sie zu. Kurz vor ihr kam er zum stehen, beugte sich nach Vorne und sein Gesicht war wenige Zentimeter vor ihrem.

„Nun Sie wissen wohl wer ich bin und Sie sind Miss…..?“

„Miss Carol Danvers“ antwortete Carol gelassen, hielt seinem Blick stand und zuckte nicht mit der Wimper.

„Wie kann ich Ihnen helfen Miss Danvers?“ fragte Logan, der wieder von ihr abliess und auf einer Bank nebenan nach einem Handtuch griff, um seinen Schweiss abzuwischen.

„Können wir dies unter vier Augen bereden?“ fragte Carol höflich

„Was Sie mir zu sagen haben können Sie auch mit meiner Crew besprechen.“ Einige der Anwesenden nickten und wieder andere verschränkten die Arme und wollten nun wissen, was die junge Blonde Frau zu sagen hatte.

Carol Danvers hielt einige Sekunden inne, vielleicht abwägend, ob sie einfach Kehrt machen oder ihren Plan vor all diesen Fremden Leuten offenbaren wollte.

„Nun gut“ seufzte sie und begann ihnen von ihrem Plan zu erzählen. Zwei der Anwesenden tuschelten zwischendurch, einer schüttelten den Kopf, um zu zeigen, dass er kein Interesse hatte, doch die Meisten hörten gespannt zu. Nachdem sie alles erzählt hatte sah sie Logan direkt an.

„Tellford hat mir seine Hilfe zugesichert, wie sieht es mit Ihnen aus Mr. Logan?“

Der Militärveteran überlegte kurz, griff sich an sein Kinn und rieb es, um seine tiefen Gedankengänge zu signalisieren. Die folgenden Sekunden sind Carol Danvers, im Nachhinein betrachtet, wie eine Ewigkeit vorgekommen und sie biss sich ungewollt auf die Unterlippe.

„Ok, ich bin dabei……“

Carol Danvers sah ihr Gegenüber ungläubig an, sie hätte mit mehr Gegenwehr gerechnet. Sie hatte schon auf ein dutzend Einwände, gut zwei Dutzend Argumente, um diese zu entkräften. Die Suche nach potentiellen Geschäftspartnern lief einfacher als gedacht und wenn sie in diesem Tempo weitermachte, würde sie bald alle beisammen haben. Sie verbeugte sich kurz, machte Kehrt und ging Richtung Ausgang. Nun dieser Logan scheint doch kein Arsch zu sein.

„……aber nur unter einer Bedingung“

Carol Danvers hielt abrupt inne und drehte sich langsam um.

„Sie steigen mit mir in den Ring“

Carol Danvers sah Logan ungläubig an und musste lachen.

„Ist dies ein schlechter Scherz?“

„Keineswegs, Lieutennant Carol Danvers, oder sollte ich sagen Cheeseburger Danvers“. Er musste sich ein lachen verkneifen. „Verzeihen Sie mir, dass ich zu Beginn nicht wusste wer Sie sind. Ich habe gehört Sie waren mal die Jahrgangsbeste im Nahkampf und ich möchte dies nun auf die Probe stellen.“

Kara

Stellv. Gildenleitung

Titel: RP-Queen

  • Nachricht senden

20

12.02.2015, 13:18

Carol starrte den kräftigen Mann erst mit offenem Mund an, dann begann sie nachdenklich auf ihrer Unterlippe zu kauen. Was war das für ein Irrsinn? Sie hatte keine Chance, das wusste sie. Der Ex-Soldat war zwar älter, aber in Topform, was man von ihr nicht gerade behaupten konnte. Außerdem war Logan groß und kräftig und wog fast 100 Pfund mehr. Schließlich bewegte sich die Blondine ein paar Schritte auf den Ring zu.

“Verzeihung, ‘Sir’, aber was Sie diesbezüglich möchten, ist mir eigentlich scheissegal. Ich bin hier wegen eines geschäftlichen Angebotes und nicht, um Arschtritte zu verteilen oder sie zu bekommen. Das eine hat nichts mit dem anderen zu tun.”

Logan musterte sie amüsiert.

“Das sehe ich aber anders. Mir ist wichtig, wem wir unsere Dienste verschreiben, und ob der oder diejenige auch genügend Mumm in den Knochen hat.”

Carol lachte gehässig.

“Ich tue Ihnen hier einen Gefallen, Logan. Halten Sie mich nicht für blöd, ich sehe genau, wie Ihr Laden mit Ihren ach so wertvollen Diensten läuft. Ich biete Ihnen hier eine Chance, um…”

Logan winkte ab.

“Erzählen Sie nicht so viel, Danvers. Sie haben einfach die Hosen voll, das ist alles. Sind Sie nach dem Ausstieg beim Militär so weich geworden oder waren Sie schon immer feige?”

Carol schnaubte vor Wut und ihr Gesicht rötete sich. Sie stapfte auf den Ring zu und schwang sich hinein.

“Sie wollen sich mit einer zierlichen ‘Dame’ messen und werfen mir Feigheit vor? Sie sind ein elender Penner, Logan, aber Sie sollen Ihren Willen haben! Her mit den Handschuhen!”

Christopher Logan grinste breit und einer der anwesenden Männer schnürte um Carols Gelenke Boxhandschuhe. Viel mehr benötigte sie nicht, Ihre Joggingkleidung erlaubte ihr ausreichende Beweglichkeit, nur auf den Zahnschutz verzichtete sie lieber nicht. Als man ihr jedoch eine Schutzmaske überziehen wollte, schüttelte sie nur den Kopf.

“Das brauche ich nicht. Der Captain will es wie früher beim Militär? Kann er haben!”

Sie stürmte vor und schlug wild auf ihn ein. Logan wurde kurz überrascht und fing sich einen Treffer ein, hob dann aber die Fäuste zur Deckung und wehrte die Schläge mühelos ab. Carol sprang geschickt hinter ihn.

“Es gibt keine Regeln, nicht wahr?”

Sie trat Logan in die Kniekehle und der ehemalige Soldat knickte mit einem schmerzhaften Laut ein. Carol nahm ihn eng in den Schwitzkasten.

“Sie gehen ja ordentlich ran, Cheeseburger. Aber das reicht bei weitem nicht.”

Logan richtete sich zu seiner vollen Größe auf, hob die deutlich leichtere Frau nach oben und schleuderte sie von sich. Carol segelte auf den Boden zu.

Einfach abrollen und wieder in den Kampf springen…

Die ehemalige Kampfpiloten krachte unbeholfen auf die Ringmatte. Ein stechender Schmerz fuhr ihr durch das Knie.

Verdammte scheiße, ich bin so unfit…

Logan grinste.

„Sehr elegant, Danvers.“

Carol rappelte sich auf und schlug einmal nach ihm, doch Logan blockte problemlos ab und ging nun selbst zum Angriff über. Carol wich einigen seiner Schläge aus, doch sie sah es selbst: Ihre Reaktionen waren einfach zu langsam. Wie hatte das passieren können? Die Zeiten, in denen sie die Jahrgangsbeste gewesen war, schienen ewig her zu sein.
Ein kräftiger Hieb sauste auf die blonde Frau zu. Carol riss die Deckung hoch, doch Logans Faust glitt durch sie hindurch wie durch Butter. Der Handschuh knallte mit einem dumpfen Geräusch auf die Titanplatte in ihrem Kopf und dann gingen bei Carol die Lichter aus.

Als sie wieder zu sich kam, hörte sie miteinander streitende Stimmen.

“Logan, bis du noch bei Trost?! Wie kommst du dazu, diese Frau zu verprügeln? Sie wäre eine potentielle Auftraggeberin gewesen und jetzt können wir froh sein, wenn sie uns nicht verklagt!”

“Reg dich ab, Ice. Ich wollte sie nur mal ein wenig testen, sie ist eine ehemalige Elitesoldatin. Hätte gedacht, sie schlägt sich besser, aber ich habe wirklich nur mit halber Kraft zugehauen.”

Carol schlug die Augen auf. Sie lag auf einer Art Pritsche und neben ihr saß ein Bulle von einem Mann mit indianisch anmutenden Zügen, der sie schief angrinste und ihr einen nassen Lappen auf die Stirn legte.

“Ah, Ah.”

Sie setzte sich auf. Ihr Schädel brummte. Tellford lehnte an einer Wand und zwinkerte ihr zu.

“Na, wieder unter den Lebenden?”

Carol stöhnte leise und rieb sich die linke Kopfhälfte.

“Sie haben einen Hieb wie der Tritt eines Nilpferdes, Sir.”

Logan beugte sich zu ihr hinunter.

“Nur Logan bitte. Tut mir Leid, dass ich Sie stärker als beabsichtigt getroffen habe. Ich hatte mit mehr Gegenwehr gerechnet.”

Carol seufzte und stand mit wackeligen Beinen auf.

“Um ehrlich zu sein, ich auch. Sieht so aus, als hätte ich meine Fähigkeiten… im letzten Jahr zu sehr vernachlässigt.”

Der ehemalige Soldat lächelte erleichtert.

“Sie können gerne unser tägliches Training besuchen.”

“Vielleicht mache ich das sogar. Und was ist jetzt mit der anderen Sache? Outpost 7 und Logan & Tellford Inc.? Kommen wir zueinander?”

Logan streckte ihr die Hand hin.

“Als Kämpferin und Pilotin müssen Sie vielleicht noch ein wenig an sich arbeiten, aber Sie haben Mut und gehörig Biss, Kleine. Ich würde sagen: Auf gute Zusammenarbeit.”

Carol schüttelte die schwere Hand und die Frau mit dem Rufnamen ‘Ice’ nickte zufrieden.

“Ich würde sagen, dann haben wir einen Deal.”

Ähnliche Themen

Thema bewerten